An einem solchen Morgen mag das Wunden heilen: den Hund schnappen, raus in den Wald, die eiskalte Luft einsaugen und versuchen, sich über das klar zu werden, was da gestern Abend in Berlin geschehen ist. Und über die Folgen. Für sich, die Familie, die Kinder, Deutschland, die Welt. So weit man eben gedanklich dabei kommt.

Die AfD-Vertreter im Wahlkreis Rottweil/Tuttlingen: Bundestagskandidat Reimond Hoffmann (links) und Landtagsabgeordneter Emil Sänze. Foto: pm
Die AfD-Vertreter im Wahlkreis Rottweil/Tuttlingen: Bundestagskandidat Reimond Hoffmann (links) und Landtagsabgeordneter Emil Sänze. Foto: pm

Sie, Reimond Hoffmann, haben sich diese Zeit nicht genommen. Sie haben nicht mal den Morgen danach abgewartet, als Sie schon in der Nacht hinaus posaunten: „Der Fahrer und Terrorist war Flüchtling. Die Mitverantwortlichen sind Angela Merkel, Volker Kauder und Co.“ So geht Wahlkampf offenbar, jedenfalls, wenn man von der AfD ist und ein dauerhaftes Pöstchen im immer gut geheizten Bundestag möchte. Mit Mandat des Wahlkreises Rottweil-Tuttlingen.

Hoffmann muss noch eine Menge lernen

Sie müssen noch eine Menge lernen über Ihre Wähler in dem Ihnen zugefallenen Wahlkreis (Sie kennen diese ja noch gar nicht), Herr Hoffmann. Alles hat hier seinen Platz, seine Reihenfolge. Ich glaube: Bis auf ein paar Hetzer neigen wir nicht zu Vorverurteilungen.

Instinktiv wussten die Menschen in Ihrem neuen Wahlkreis, Herr Hoffmann, dass das, was sie da Montagabend im TV sahen, ein Anschlag gewesen ist. Nizza. Da konnte Frau Slomka im ZDF noch so durch die Möglichkeiten irrlichtern.

Und dennoch: Wir hofften, dass es kein Anschlag war. Niemand will das. Niemand will zwölf Tote, 50 Verletzte, niemand will einen verrückten Verbrecher. Niemand will Blut, Leiden, Sterben. Und wenn, dann bitte nicht absichtlich ausgelöst von einem Wahnsinnigen. Ja, wir hofften darauf, dass es vielleicht doch ein Unfall gewesen sein könnte. Menschen empfinden so, Herr Hoffmann, auch, wenn diese Menschen Ralf Stegner heißen, bei der SPD und damit Ihnen so verhasst sind, wie vielleicht eine Geflügelfarm einem Veganer.

„Die Opfer sind noch nicht mal kalt“

Schon reflexhaft haben Sie auf das Attentat reagiert – das am Dienstagmorgen, weil die offizielle Bestätigung immer noch fehlte, immer noch ein mutmaßliches war. Schon reflexhaft ordneten Sie es, Herr Hoffmann, einem Flüchtling zu. Und die Mitverantwortlichen seien Angela Merkel, Volker Kauder und Co.

Eine der möglichen Antworten auf diese Unverfrorenheit gab auf Facebook Ihr Leser Christoph Buchberger: „Beitrag gepostet vor 9 Std.“, schrieb er gegen 11 Uhr, „da waren die Opfer noch nicht mal kalt. Und schon halten Sie es für angemessen nach Schuldigen jenseits des unmittelbaren Täters zu suchen, wenn noch kaum was bekannt ist? DAS ist pietätlos.“

Aber Sie, Herr Hoffmann, sind sich Ihrer Sache sicher: „Menschen kommen nach Deutschland um Deutsche zu töten, und die, die das verhindern wollen, sind die Mitschuldigen“, fassen Sie Ihre wütenden und so machthungrigen wie geltungssüchtigen Gedanken zusammen. Man müsse einen Terroristen einen Terroristen nennen können und einen Verantwortlichen einen Verantwortlichen, sagen Sie. Es sei nicht pietätlos zu sagen, „dass ein Mörder ein Mörder ist und einer der die Tat ermöglicht, eben das ist.“

Hyperventilieren Sie nur, Herr Hoffmann?

Natürlich ist es das nicht. Ein Mörder ist ein Mörder, ein Terrorist ist ein Terrorist, ein Verantwortlicher – nun, da wird es schon schwieriger, „Merkel, Kauder und Co.“ Schuld zuzuweisen. Wer sagt: Kommt rein, Leute, da draußen ist es kalt, ihr holt euch noch den Tod, wer dann alle, die draußen warten, erstmal rein lässt in die gute Stube und wer am Ende feststellt, dass sich unter die vielen Frierenden ein Verbrecher gemischt hat – ist dann derjenige, der die Tür geöffnet hat, verantwortlich für dessen Taten? Im Ernst, Herr Hoffmann, oder hyperventilieren Sie nur, den Wahlkampf vor Augen?

Es ist anzunehmen, dass Sie wirklich an die Verantwortung glauben, wie Sie sie formuliert haben. Dann erklären Sie doch bitte auch gleich die Verantwortung von Frau Merkel und Herrn Kauder für die Anschläge in Paris und Nizza – dort kamen die Attentäter aus Brüssel beziehungsweise Frankreich selbst.

Die Reflexe funktionieren

Fest steht derweil: Ihre Reflexe, Herr Hoffmann, funktionieren. Auf ihre Art, eben. Wie schon nach dem Mord in Freiburg und der Ergreifung eines – hoppla, da ist das Wort ja schon wieder, das Brandstifter wie Sie so gar nicht mögen: – mutmaßlichen Täters haben Sie sich auch jetzt wieder schnell und pointiert zu Wort gemeldet.

Sie haben bestimmt recht, Herr Hoffmann, der Staat sollte uns Bürger schützen. Er kann es aber nicht im vollen Umfang. Gegen einen Wahnsinnigen, der einen Lkw in eine Menschenmenge steuert, in voller Tötungsabsicht, ist nicht viel zu tun (wir werden jetzt Hindernisse bekommen, die die Zufahrtswege zu den Großveranstaltungen blockieren, und die Rettungsgassen gleich mit. Dann wird der nächste Schritt sein, dass die Terroristen sich wieder einen Sprengstoffrucksack auf den Rücken schnallen).

Der mutmaßliche Lkw-Fahrer und damit auch Attentäter von Berlin war bislang nur als Kreinkrimineller aufgefallen*. Da interessiert es schon, Herr Hoffmann, wie Sie diesen vorher ausgesiebt hätten. Oder gelten Ihnen die Gesetze unseres Rechtsstaates nicht mehr?

Das ist vielleicht sogar der Punkt: Sie phantasieren von einer Welt, die im Übel erstickt, und die ohne die aktuelle Bundesregierung eine sichere wäre. Diese Argumentation ist nicht verkürzt, Herr Hoffmann, sie ist schlicht falsch.

Was hätten Sie getan, Herr Hoffmann?

Aber gesetzt den Fall, Sie hätten recht: Was, um Himmels willen, hätten Sie und Ihresgleichen denn besser gemacht? Und wie? Und wäre das dann noch auf dem Boden von Demokratie, Grundgesetz und unserem Rechtssystem, oder hätten Sie all dies der möglichen Sicherheit der Deutschen untergeordnet oder geopfert?

Auf Facebook antworten Sie auf diese Frage so: „Ein striktes Grenzregime mit einer Bundespolizei und eine Umsetzung der Gesetze hinsichtlich Ausweisungen und Einwanderung.“ Bei allem, was wir wissen, war der Lkw-Fahrer von Berlin zuvor Kleinkrimineller*. Wenn das Ausweisungsgrund ist, dann wollen Sie einen Sprung zurück ins Mittelalter, Herr Hoffmann.

Sänze ist hinterher schlau

Auch Ihr Parteikollege, der es schon zu Amt und Würden gebracht hat, urteilt so. Zu dem mutmaßlichen (Entschuldigung!) Mörder der Freiburgerin Maria L. schreibt der Landtagsabgeordnete Emil Sänze: „Das Versagen liegt nicht bei den Behörden, sondern bei Frau Merkel und ihrer Regierung, die ihre Bevölkerung durch den Wegfall der Grenzen und durch die Aussage ‚Wir schaffen das‘ schutzlos den Ereignissen überlässt – oder wäre dieser Kriminelle früher über die geschlossene Grenze gekommen?“

Hinterher ist man immer schlauer, Herr Sänze, und kann staatstragend tönen. Wann waren die Grenzen Deutschlands denn zuletzt so hermetisch geschlossen, wie Sie es weismachen wollen? Und wie formuliert es der „Spiegel“ so schön: „Gegen wen oder was soll ein Staat seine Grenzen sichern – gegen Flüchtlinge, Terroristen, Importgüter, Infektionskrankheiten, Giftstoffe, Ideen, Informationen? Müssen wir uns wirklich auf nationalstaatliche Inseln zurückziehen, um auch künftig noch sicher leben zu können?“

Es ist immer eine Frage der Menschlichkeit

Zurück zu Ihnen, Herr Hoffmann. Ihnen muss noch ein weiteres schlimmes Wort zugemutet werden: Es heißt Menschlichkeit. Es hat was mit Moral, mit der Absicht eines friedvollen, kultivierten Miteinanders zu tun.

Eigenschaften, die Sie, Herr Hoffmann, wenigstens bei Ihren allzu schnellen Reaktionen auf den Mord in Freiburg und den inzwischen offenbar nicht mehr mutmaßlichen (Entschuldigung!) Anschlag in Berlin haben vermissen lassen. Das wäre dann, zu Ende gedacht, unmenschliches Verhalten. Rücksichtsloses, sicherlich. Reflexartiges, auf jeden Fall.

Ach so, Sie lehnen „Menschlichkeit“ ja sogar ab. Sie schreiben: „Es ist ein inflationär verwendeter Begriff, der irgendwo für die eigene Schwäche steht. Es sollte inzwischen jedem klar sein, dass es eine Schwäche des Nationalstaates war, die Ankommenden nicht auf ihre Herkunft, Vorgeschichte, auf ihre Vorstrafen und auf die Wahrheit ihrer Angaben zu prüfen.“

Die Menschen in Ihrem Wahlkreis, denen Sie wahrscheinlich irgendwann zwischen Ihren Aufenthalten in Stuttgart und Freiburg Besuche abstatten sollten, ticken nicht so wie Sie, Herr Hoffmann. Natürlich wollen sie vor Verbrechern geschützt werden. Aber sie werden diesem Schutz nicht unser Rechts- und unser Wertesystem opfern.

*Hinweis: Dieser Artikel ist am 20. Dezember um die Mittagszeit verfasst worden. Wir verzichten darauf, die Erkenntnisse danach einzuarbeiten. Das ergäbe keinen Sinn.

Nachtrag: So reagierte der Bundestagskandidat der AfD für den Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen, Reimond Hoffmann, am Morgen nach dem Anschlag auf seiner Kandidatenseite auf Facebook: