„Der Druck im Kessel steigt“

„Der Druck im Kessel steigt“

Region (här). „Sollen wir untertauchen oder hier bleiben?“ Für einen Augenblick steht die Frage wie ein Fanal in der Herbstsonne vor dem Flüchtlingsheim in Villingen. Eine Frau aus Syrien und ihr Mann wollen eine Antwort. Und zwar jetzt, sofort und vom Chef persönlich. Ansgar Fehrenbacher aus Lauterbach ist der Chef, Abteilungsleiter im Regierungspräsidium Freiburg und zuständig für die fünf „Bedarfsorientierten Erstaufnahmestellen“ (BEAs). Er zögert keine Sekunde, sagt: „Bleiben Sie hier!“, und es klingt wie eine Mischung aus Befehl und Bitte. Doch die Wirkung verpufft. Damit geben sich die Flüchtlinge nicht zufrieden.

Die Frau aus Syrien und ihr Mann sind Ausnahmen. Viele Asylbewerber tauchen unter ohne erst zu fragen. Die Messehallen im benachbarten Schwenningen zum Beispiel akzeptierten viele nicht einmal als kurze Zwischenstation, massenweise zogen sie schon kurz nach der Ankunft weiter, mit Zügen, Bussen oder Taxis. Wohin – das weiß niemand.

Auch in Villingen oder Donaueschingen sei die Flucht von Flüchtlingen an der Tagesordnung, darunter jüngst eine an ansteckenden Windpocken erkrankte Frau berichten Betreuer. Ein Helfer sagt: „Der Druck im Kessel steigt. Da läuft etwas aus dem Ruder.“ Die offizielle Version von BEA-Leiter Jürgen Waiblinger klingt zurückhaltender: „Es bleibt ein Restrisiko.“ Ein Polizeisprecher erklärt: „Wir können da nichts machen, diese Leute sind für uns nicht greifbar, weil sie nicht registriert sind.“ Beim Regierungspräsidium spricht man von einer „fiktiven Duldung.“ Ein Sprecher: „Diese Flüchtlinge sind nicht im System. Wir können sie nicht mit Gewalt hindern, das wäre auch gar nicht leistbar.“

Karlsruhe heißt der Sehnsuchtsort. Die meisten wollen nach Karlsruhe, denn nur dort können sie einen Asylantrag stellen. Und nur der bringt sie ihrem Ziel ein Stück näher: Zunächst die Aussicht auf Taschengeld von 140 Euro für Einzelpersonen, 252 Euro für Paare und 90 Euro pro Kind. Und anschließend die Aussicht auf einen positiven Asylbescheid mit Garantie eines Nachzugs der Familie.

Wer hier in Villingen angekommen ist, hat – oft nach langer, gefährlicher Flucht – die vielleicht wichtigste Etappe geschafft: Sicherheit. Die Asylbewerber finden in fast neuwertigen Wohnungen der früheren französischen Soldaten-Familien am Rande der Kasernen Unterschlupf, alle ausgestattet mit Bad, Kühlschrank, Mikrowelle und Balkon – 4,75 Quadratmeter stehen den Flüchtlingen zu, die Hälfte wie beispielsweise Strafgefangenen. Kleider und ärztliche Versorgung inklusive.

Gut angenommen wird das Angebot, sich mit gemeinnütziger Arbeit 1,05 Euro in der Stunde zu verdienen. Kinder und Eltern haben draußen auf der Freifläche viel Platz zum Auslauf und Möglichkeiten zum Spielen. Trotzdem wächst die Ungeduld. Mit Zetteln, auf denen der Termin ihrer Ankunft in Villingen steht, wedeln sie vor der Nase von Ansgar Fehrenbacher herum. Manche sind bereits zwei Monate hier, andere wenige Wochen. Im nahen Meßstetten gehe es schneller, sagt die syrische Frau, das wisse sie von einem Bekannten. „Das stimmt nicht, das kann ich Ihnen beweisen“, erklärt Fehrenbacher, „sagen Sie mir den Namen.“ Da schüttelt die Frau den Kopf.

Rahma Abouahmed arbeitet für die Betreiberfirma European Homecare. „Hier ist ein Mann, der mit Ihnen reden will“, ruft sie. Der Mann kommt aus Tunesien und will so schnell wie möglich den Asylantrag stellen. Gefahr habe für ihn nicht bestanden, sagt der 37-Jährige, er sei aus Angst vor den IS-Terroristen geflohen. Frau und Kinder im Alter von sieben und neun Jahren hat er zurückgelassen. „Vielleicht“ hole er sie nach. Er habe die Schule bis zur sechsten Klasse besucht und wolle arbeiten, sagt er.

Ein paar Meter weiter steht ein Mann aus Bosnien, der gebrochen deutsch spricht. Er war schon öfter in Deutschland. Jetzt wolle er unbedingt hierbleiben, sagt er, als Schweißer arbeiten und seine Familie nachholen.

Insgesamt 5300 Flüchtlinge sind in den fünf BEAs untergebracht: Donaueschingen (1650), Immendingen (1050), Villingen (950), Freiburg (920), und Sasbachwalden (720). Jürgen Waiblinger berichtet, in Villingen komme jeweils etwa ein Drittel aus Syrien und dem Westbalkan, der Rest verteile sich auf verschiedene Nationen. Der Speiseplan hängt in sieben Sprachen an der Wand.

Im Flur vor einem provisorischen Kindergarten haben sich Menschen aus Albanien versammelt. Sie wollen weg, nach Karlsruhe, ganz schnell. „Immer nur schlafen, essen und warten!“, klagt eine Frau. Auf den Hinweis nach den Kapazitäts-Engpässen antwortet sie: „Ja, aber wir sind schon lange da und unsere Kinder müssen in die Schule.“

Eigentlich sollten die BEAs nur eine Zeit von zwei, drei Wochen überbrücken, aber inzwischen ist der Druck so groß, dass zwei bis drei Monate daraus geworden sind. „Das führt zu Lagerkoller“, sagt ein Betreuer. Vermehrt führt es auch zu Polizei-Einsätzen – in Donaueschingen mit bis zu 100 Beamten, in der BEA Freiburg waren es binnen drei Wochen mehr als 40 Einsätze, wenn auch meist wegen geringer Delikte.

Das Regierungspräsidium will jetzt Abhilfe schaffen und auch in den BEAs offizielle Asyl-Antragsstellen einrichten. Doch das dauere einige Wochen, heißt es aus Freiburg, man benötige Datenleitungen, Zugriff auf Bundesrechner, Platz für die gesamte Infrastruktur und vor allem Personal. Dann wird der Druck auf Landkreise und Gemeinden weiter wachsen. Derzeit kommen täglich etwa 1500 neue Flüchtlinge nach Baden-Württemberg.

Ein junger Mann aus Syrien ist auf dem Weg zum Essen. „Alles gut hier“, sagt er auf Deutsch. Er ist 34 Jahre alt, Vater dreier Kinder und vor Assads Truppen geflüchtet. Sie hätten ihn verfolgt, weil er nicht linientreu genug war. Mit 24 anderen Gefangenen habe er sich eine Zelle von zweieinhalb auf zweieinhalb Metern teilen müssen. Zu essen gab es Abfälle, Wasser habe zugleich zum Trinken, Waschen und für die Toilette gedient, berichtet der Mann. Er entkam, zahlte Schleppern 3000 Euro, die ihn dann über die Türkei am 22. Juli nach Deutschland brachten. Er sehnt den Tag herbei, an dem er seine Frau und seine Kinder im Alter zwölf, neun und sieben Jahren nachholen und in seinem Beruf als Krankenpfleger arbeiten kann.

Derweil ist Ansgar Fehrenbacher immer noch von Flüchtlingen mit ihren Zetteln und ihren Forderungen umringt. Fehrenbacher ist eine Frohnatur voller Energie. Immer wieder hat er in den vergangenen Wochen den Satz von Angela Merkel wiederholt, wenn auch zunehmend mit Abstufungen. Inzwischen sagt er: „Wir schaffen das – uns bleibt nichts anderes übrig.“ Jetzt soll er weiteren Platz für Flüchtlinge schaffen.

Im Gespräch sind Leichtbauhallen innerhalb der beiden Villinger Kasernen. „Unsere Ansprüche sinken von Tag zu Tag“, sagt er. Als ihn die Frau aus Syrien und ihr Mann wieder bedrängen, geht Fehrenbacher zum Ausgang, bleibt hinter dem Tor stehen und sagt: „Ich bin total aufgewühlt.“

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Quelle: NRWZ.de – veröffentlicht am 10. Oktober 2015 von Lothar Häring (här). Erschienen unter https://www.nrwz.de/artikel/der-druck-im-kessel-steigt/100016