NRWZ.de, 29. Juli 2022, Autor/Quelle: Pressemitteilung (pm)

Große Resonanz für das Thema Schutz vor Gewalt gegen Kinder und Jugendliche

ROTTWEIL – Der Regionalverbund Schwarzwald-Baar-Heuberg (DER PARITÄTISCHE Baden-Württemberg) hatte zum Vortrag mit Prof. Dr. Anja Teubert zum Thema „Zur gesellschaftlichen Verantwortung für den Schutz vor (sexualisierter) Gewalt gegen Kinder und Jugendliche“ in die Stadthalle Rottweil eingeladen. Der Einladung sind nahezu 100 Personen, meistens Fachkräfte aus dem pädagogischen Bereich, gefolgt.

Nach der Begrüßung durch Tamer Öteles (Regionalverbundsprecher und Vorstand der Stiftung Lernen-Fördern-Arbeiten) eröffnete Prof. Dr. Teubert ihren Vortrag mit einem Zitat von Sartre, das lautet: „Gewalt lebt davon, dass sie von den Anständigen nicht für möglich gehalten wird“. Sie erklärte anschaulich und mit Beispielen was Gewalt ist bevor sie die Formen der Gewalt näher erläuterte, um dann detailliert zu beschreiben wie der Nährboden für sexualisierte Gewalt entsteht.

Durch legitimieren, beschönigen, verschleiern und verherrlichen von Gewalt entstehen verschiedene Grade der „Selbstverständlichkeit“ von Gewalt, welche das Ausmaß von direkter und indirekter Gewalt beeinflussen und damit die personale, kulturelle und strukturelle Gewalt. Sie machte darauf aufmerksam, dass „Grenzverletzungen und (sexualisierte) Gewalt oft zur Lebensnormalität von Kindern und Jugendlichen dazu gehören: Betroffene wissen oft nicht, dass sie von Gewalt betroffen sind. Sie leiden, sagen aber nichts, weil sie denken, es ist normal. Zudem schämen sich Betroffene, wenn sie Gewalt erfahren, sie denken, sie sind selbst schuld!“

Diese Aussagen veranschaulichte sie mit Zitaten von Betroffenen, die sie und ihre Studierenden während eines Forschungsprojektes zum Thema kennen lernten. Die Referentin erläuterte, dass es bisher in Deutschland kein einheitliches Dokumentationssystem gibt. Bekannt ist jedoch, dass in mehr als 90 Prozent der Fälle sich Täter und Betroffene kennen und bei etwa der Hälfte der Fälle der Tatort die Familie ist.

Nachdem die Referentin die Folgen für die Betroffenen erläutert hatte und was Politik tut bzw. nicht tut, kam sie zum Thema Schutzkonzepte und stellte ein regionales Schutzkonzept vor, das sie wissenschaftlich begleitet hat. Dabei wies sie darauf hin, dass in diesem Kontext das Bekenntnis politisch Verantwortlicher zum Kinderschutz eine zentrale Bedeutung hat. Die Kommunalpolitiker sind dabei Multiplikatoren für die gesamtgesellschaftliche Verantwortung und auch Qualitätsentwickler, da sie die fachliche Verantwortung für den Sozialraum haben. Zum Schluss ihres Vortrags sagte die Referentin, dass „Gewalt uns alle angeht! Wir tragen gemeinsam die Verantwortung für den Schutz von anderen!“ „Das Unterstützungssystem braucht eine komplette Veränderung!“ war ihr Statement. Dabei sind die Leitmotive: Inklusion, Diversität und Nachhaltigkeit. Im Fokus unseres Denkens müssen die Kinder und Jugendlichen sein.

Nach einer kurzen Pause fand eine Podiumsdiskussion mit Expertinnen zum Thema statt. Beteiligte waren: Die Referentin, Madeleine Lehmann (Abteilungsleiterin Schulen und Kindergärten, Stadt Rottweil), Martina Huck (Vorstand LKSF Baden-Württemberg – Landeskoordinierung der spezialisierten Fachberatungsstellen gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend in Baden-Württemberg) und Renate Weiler (Frauen helfen Frauen + AUSWEGE, Rottweil). Cornelia Graf, Leitung der Regionalgeschäftsstelle Schwarzwald-Baar-Heuberg, moderierte die Diskussion, an der sich auch das Publikum rege beteiligte.

Einig waren sich die Expertinnen, dass Kinderschutzkonzepte in den letzten Jahren vermehrt aufgesetzt und eingeführt wurden und, dass diese laufend weiterentwickelt werden müssen. In der Regel dauert der Einführungsprozess eines Schutzkonzeptes bis zu zwei Jahre. „Es soll dabei kein Verfahrensablauf und Verhaltenskodex erstellt werden, um dann in der Schublade zu landen. Alle müssen mit involviert sein. An einer Schule von der Schulleitung über die Lehrkräfte bis hin zum Hausmeister unter Einbeziehung der Eltern. Eine externe Begleitung zu involvieren, wie etwa eine Fachberatungsstelle sei sinnvoll“, sagte Martina Huck von der LKSF.

In dieser unabhängigen Landeskoordinierungsstelle für Baden-Württemberg haben sich bisher insgesamt 46 Fachberaterstellen zusammengeschlossen. Zudem ist bei der Entwicklung von Schutzkonzepten die Schulung wie auch die Haltung von Fachkräften sehr wichtig. Aufgrund des Fachkräftemangels forderte Madeleine Lehmann die anwesenden Fachkräfte auf, Werbung für den sozialen Beruf zu machen.

Große Resonanz für das Thema Schutz vor Gewalt gegen Kinder und Jugendliche