Wenn auf einen Mann das Adjektiv „sturmerprobt“ zutrifft, dann auf ihn. Kapitän Jürgen Schwandt, Jahrgang 1936, ist ein altgedienter Seemann aus Hamburg. Knitzer, mitunter sorgenvoller Blick, wettergegerbte Haut, aufrechter Stand, soweit es das Alter von 80 Jahren zulässt. Schwandt ist keiner, der hinter dem Berg hält. Auch und vor allem in Bezug auf die „Alternative für Deutschland“, die AfD. Wir haben mit Schwandt gesprochen. Er sagt: „Den braunen Hetzern begegnet man am Besten mit Argumenten, dann wird die Luft für sie dünn.“

schwaDer Käpt’n, wie ihn seine Anhänger auf Facebook – immerhin mehr als 130.000 mittlerweile – liebevoll nennen, hat eine klare Meinung. Den Facebook-Beitrag des hiesigen AfD-Kreisverbands, in dem von „ersaufenden Migranten“ die Rede ist, nennt Schwandt schlicht den „AfD-Skandal von Rottweil.

Der Fall sei typisch für die AfD, sagt der ehemalige Seefahrer. Die Partei verbreite Hetze und Häme in den Sozialen Netzwerken, „und wenn es Kritik hagelt, löschen sie den Kommentar und tun so, als habe es ihn nie gegeben.“ Ausreden gebe es hinterher viele: „Maus ausgerutscht.“ „Missverständnis.“ „Das wusste ich nicht.“

Diesmal aber habe das Hass-Posting des AfD-Kreisverbands zu personellen Konsequenzen geführt. Und er freue sich, dass seine Facebook-Fans „maßgeblich daran beteiligt sind.“ Tatsächlich: In der Nacht nach dank Schwandt und seinen Fans netzweitem Bekanntwerden des Posts hat Michael Bock, der aus Rottweil stammende Beisitzer im AfD-Kreisvorstand – das ist die mit fünf Herren besetzte zweite Ebene in der Organisation – sein Mandat per sofort niedergelegt. Bock gehörte diesem Vorstand seit November 2013 an.

„Je mehr Migranten ersaufen, desto eher begreifen selbst afrikanische Ziegenhirten, dass es sich nicht lohnt, nach Europa aufzubrechen.“ Auf diesen Beitrag, „eine unglaubliche, rassistische Entgleisung“, hätten Schwandt einige Facebook-Fans aufmerksam gemacht. „Ich habe mit einem entsprechend scharfen, aber sachlichen Kommentar darauf reagiert – der im Laufe des Tages mehr als 10.000fach verbreitet wurde und offensichtlich für einige Unruhe in Baden-Württemberg sorgte.“ Schwandt schrieb:

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Der Kommentar des Käpt’ns.

Ihm mache der Vorgang, der Rücktritt des Vorstandsmitglieds inzwischen allerdings Hoffnung, „dass der extrem rechte Flügel der AfD ausgebremst wird.“ Schwandt fordert: „Als nächsten Schritt sollte sich der Bundesvorstand der AfD zu diesem Vorgang äußern. Frau Petry, Herr Gauland: Stellen Sie klar , dass finsterster Rassismus keinen Platz in Deutschland hat! Von Herrn Höcke können wir diesen Satz wohl kaum erwarten.“

Das hat der Käpt’n inzwischen per Videobotschaft festgehalten:

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Der Dank seiner Fans ist ihm sicher. Eine schreibt: „Danke Kapitän, Respekt für Ihre klare Kante, ich schäme mich dass es in meinem Ländle solche Rassisten gibt.“

Auch die Strafverfolgungsbehörden sind eingeschaltet worden. Bei der Polizei seien aufgrund des Facebook-Eintrages mehrere Anzeigen eingegangen, teilt das Polizeipräsidium Tuttlingen auf NRWZ-Nachfrage hin mit. Die Kriminalpolizei Rottweil habe den Vorgang zur weiteren Prüfung und Entscheidung der zuständigen Staatsanwaltschaft Rottweil vorgelegt. Unter den Anzeigeerstattern dürften Schwandt-Fans sein.

Interview:
Darum macht Kapitän Schwandt der hiesigen AfD Beine

NRWZ: Was treibt Sie an, den Kampf gegen Rechts, gegen Hass und Aufrufe zur Gewalt zu führen?

Jürgen Schwandt: Meine Lebenserfahrung. Ich bin als Kind in den Trümmern von Hamburg aufgewachsen, mein Vater war ein hoher Nationalsozialist. Ich habe mir geschworen, mich mit allem, was ich habe, den Rechten entgegenzustellen.

Im Beitrag des AfD-Kreisverbands Rottweil/Tuttlingen ist vom ‚Ersaufen von Migranten‘ die Rede. Was sagen Sie als Kapitän dazu?

Eine unglaubliche Entgleisung. Schrecklich, menschenverachtend. Diese Leute können sich nicht vorstellen, was die Menschen auf See mitmachen.

Den Verantwortlichen für diesen Post suchen die Kreis-AfDler angeblich noch. Was hätten Sie auf See mit einer solchen Zecke im Pelz gemacht?

Ich möchte sachlich bleiben und mich nicht auf dieses Niveau herablassen. Die politischen Entscheidungsträger sollten Konsequenzen ziehen.

Sie beklagen aktuell die zunehmende Aggressivität in den Facebook-Diskussionen, und das auf beiden Seiten. Haben Sie hier einen Rat an die Menschen? Wie können wir on- und offline wieder zusammen finden?

Sachlich bleiben, argumentieren, auch dann, wenn es schwer fällt. Gegenseitige Pöbeleien führen zu nichts! Den braunen Hetzern begegnet man am Besten mit Argumenten, dann wird die Luft für sie dünn.

Können Sie Ihren Wunsch an die Menschen, wie sie der Flüchtlingsbewegung und ihren Folgen begegnen sollen, auf einen einfachen Nenner bringen?

Mit sachlicher Gelassenheit. Sehen Sie: Wir sind ein starkes Land, wir sind ein reicher Kontinent. Wir in Deutschland sind 82 Millionen Menschen. Können 1.2 Millionen Einwanderer uns ‚überrennen‘? Können sie zu einer ‚Überfremdung‘ führen? Nein.

Es gibt Probleme, das ist richtig – und hier hat die Politik oft versagt. Ohne die vielen Ehrenamtler wäre die Situation chaotischer.

Das macht mir Mut: Viele Bürger in unserem Land, die große Mehrheit, zeigt ein freundliches Gesicht.“

Sturmwarnung-NorderneyInfo: JÜRGEN SCHWANDT, JAHRGANG 1936, WUCHS IN SANKT GEORG AUF. ER FUHR JAHRZEHNTELANG ZUR SEE UND LEBT HEUTE IN HAMBURG. GERADE ERSCHIEN SEINE BIOGRAPHIE „STURMWARNUNG“ IM ANKERHERZ-VERLAG.