Kurt Hafner starb im Alter von 89 Jahren

Kurt Hafner starb im Alter von 89 Jahren

Als Botschafter seiner Generation eröffnete Kurt Hafner vor einigen Wochen die Ausstellung „Mein Kriegsende“ des Stadtarchivs Schramberg zum 70. Jahrestag des Zweiten Weltkrieges. Am Freitag ist der als „Poet vom Hummelberg“ bekannte Bürger im Alter von 89 Jahren gestorben. Auch in der NRWZ hat er seine  durchaus stadt- und zeitkritischen Gedichte gelegentlich veröffentlicht. Stadtarchivar Carsten Kohlmann erinnert an ihn:

SCHRAMBERG — Der alte Schramberger hatte am Schreiben von Gedichten große Freude und bereitete damit auch vielen seiner Mitmenschen eine große Freude. Seine bevorzugten Themen waren seine Heimatstadt und seine Lebenserfahrungen. Als „Poet vom Hummelberg“ — er wohnte in der Tiersteinstraße am Fuß des früher so bezeichneten Paradiesberges — trat er mit seinen Gedichten bei mehreren Jubiläen, Fastnachtsbällen und Seniorennachmittagen auf.

Und sogar noch auf dem Krankenbett in Rottweil ruhte seine Feder nicht. Seine letzten Gedichte beschreiben seine Erfahrungen als Patient, der sich im Zeichen einer fortgeschrittenen Krebserkrankung entschloss, eine schwere Operation auf sich zu nehmen: „Dann wird man sehen, wie’s weitergeht. Entweder mit dem ‚Risiko’, geht’s gut, dann sind wir alle froh. Oder bleibt die Pumpe stehen. Dann war es höchste Zeit zu gehen! Jeder Mensch auf dieser Erden, muss mit dem Leben fertig werden.“

Was Kurt Hafner in seiner Lebensbilanz schrieb, war nicht untertrieben, da er bereits in jungen Jahren harte Schicksalsschläge zu verkraften hatte. Seine Mutter Marta Hafner (1896–1926) starb an seiner Geburt. Sein Vater Karl Hafner (1896–1941) wurde durch die Explosion eines Zünders auf dem Schießplatz der Uhrenfabriken Gebrüder Junghans AG aus dem Leben gerissen. Seine Stiefschwester Rosemarie Hafner (1929–1949) starb in der Nachkriegszeit bei einem Unfall in Haslach im Kinzigtal mit Fahrzeugen der französischen Besatzungsmacht.

Er selbst wuchs ganz im Geist der NS-Zeit auf, war Mitglied der „Hitler-Jugend“ und wurde als begabter Schüler aus einfachen Verhältnissen in die „Deutsche Heimschule Nürtingen“ aufgenommen, eine von mehreren „Aufbauschulen für Jungen“ im Gau Württemberg-Hohenzollern, die unter der Aufsicht des SS-Obergruppenführers August Heißmeyer (1897–1979) standen. Das Kriegsende, das er im „Kurlandkessel“ im Osten erlebte, bedeutete für ihn einen totalen Zusammenbruch seiner bisherigen Gedankenwelt und Lebensplanung.

Wenn man sich mit ihm darüber unterhielt, wurde deutlich, wie sehr er zeitlebens mit den damaligen Erfahrungen ringen musste. Er warb in den oft sehr kontroversen Diskussionen um Verständnis für seine Generation, die in diese Zeit „hineingeschlittert“ und mehr „Opfer“ als „Täter“ gewesen sei.

In der frühen Nachkriegszeit hatte er Kontakt zu den zahlreichen Anhängern der Freiwirtschaftslehre von Silvio Gesell (1862–1930) in Schramberg und schloss sich der “Radikal-Sozialen Freiheitspartei” an, die sich für einen „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Sozialismus einsetzte und als „Humanwirtschaftspartei“ bis heute besteht. Als jahrzehntelanger „Spiegel“-Leser war er zeitlebens politisch sehr interessiert.

Das Kriegsschicksal verhinderte auch seine beruflichen Pläne. Er hatte zu viel versäumt, um das Abitur nachholen zu können. Gerne wäre er Innenarchitekt geworden, machte stattdessen eine Berufsausbildung zum Zimmermann und arbeitete 36 Jahre als Baugeschäft Fischer. Bis zu seiner Rente war er noch einige Jahre in der Schramberger Majolika-Fabrik (SMF) beschäftigt. 1956 gründete er mit Gertrud Burkardt (1933–2015) eine Familie, der zwei Söhne geschenkt wurden, die heute in Bayern und in Nordrhein-Westfalen leben.

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Kurt Hafner, der „Poet vom Hummelberg“, mit seinem Filmprojektor im Jahr 2013. Foto: CK

Große Verdienste erwarb sich Kurt Hafner in seiner Heimatstadt durch sein Engagement für die Foto-Gilde, die er 1950 zusammen mit einigen anderen Fotofreunden gegründet hatte. Er war von 1954 bis 1985 erster Vorsitzender und wurde 1986 zum Ehrenmitglied ernannt. 1967 ergriff er zum 100-jährigen Stadtjubiläum die Initiative zu einer großen stadtgeschichtlichen Ausstellung im „Marienheim“, die einer von mehreren Impulsen für die Gründung des heutigen Stadtmuseums war. Im Lauf der Zeit verlegte er sich vor allem auf das Filmen und drehte mehrere Filme über seine Heimatstadt, insbesondere über die Fastnacht, die heute stadtgeschichtliche Kostbarkeiten sind. Mit seinen Fotos, Filmen und Sammlungen unterstützte er in den letzten Jahren auch das neu eingerichtete Stadtarchiv, mit dem er sich eng verbunden fühlte.

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Kurt Hafner bei der Ausstellungseröffnung “Zeitzeugen” im Museum vor wenigen Wochen. Foto: him

Seine Ehefrau starb nach mehrjährigem Demenzleiden einige Tage vor ihm an seinem 89. Geburtstag im Spittel, wo er sie jeden Tag besuchte. Sein Wunsch, sie nicht zurücklassen zu müssen, wurde erfüllt. Eine große Stütze fand er — vor allem auch auf seiner letzten Wegstrecke in der Klinik — in seiner Mieterin Elfi Bonert. Der Abschied von diesem alten, mit allen seinen Ecken und Kanten liebenswerten Schramberger ruft ein Zitat des Schriftstellers Ernst Jünger in Erinnerung: „Mit jedem dieser Sehr-Alten, deren Namen uns seit Jahrzehnten vertraut sind, geht mehr dahin als eine Person. Eine Zeit nimmt Abschied.“

 

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Quelle: NRWZ.de – veröffentlicht am 20. Juli 2015 von Martin Himmelheber (him). Erschienen unter https://www.nrwz.de/artikel/kurt-hafner-starb-im-alter-von-89-jahren/94224