Unbekannte erklettern Baukran beim Rottweiler Testturm, oder: “Mir wird schon vom Zuschauen ganz schlecht”

Unbekannte erklettern Baukran beim Rottweiler Testturm, oder: “Mir wird schon vom Zuschauen ganz schlecht”

Nervenkitzel pur, und unerlaubt obendrein: In einem unbeobachteten Moment haben zwei Unbekannte irgendwann in den vergangenen Tagen den Baukran am Rottweiler ThyssenKrupp-Testturm erklettert. Entstanden ist ein Video, das dem Betrachter Schauer über den Rücken jagt. Während der Atem stockt. Im Internet ist das Video ein Hit. Offline ermittelt die Polizei gegen die “Adrenalin-Junkies.”

Quelle: Youtube
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Es geht um eine halbe Stunde Adrenalin, es geht um anonymen Ruhm: Ausgestattet mit Handykameras und getarnt durch schwarze Hoodies und Tücher vor dem Gesicht haben zwei junge Männer den Baukran des ThyssenKrupp-Aufzugtestturms erklommen. Sie kamen damit etwa auf eine Höhe von 256 Meter – der Kran überragt den Turm.

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Dann sind sie den Ausleger rausmarschiert. Ohne Sicherung. Sich einfach festhaltend an den Stangen des Krans. Mit Sportschuhen, teils in der Luft hängend. Teils machen sie akrobatische Übungen wie an einem Reck. Im Netz werden die Jungs gefeiert. Etwa auf der Bilderseite (“Imageboard”) Pr0gramm.com. Dort zählt das Foto von der Baukranbesteigung zu den aktuell spannendsten Inhalten. (Update 28.10.15, 18.45 h) Dieser NRWZ-Artikel über die waghalsige – und lebensgefährliche – Aktion wird in wenigen Stunden mehr als 10.000 Mal abgerufen und knapp 2000 Mal auf Facebook geteilt. Weitere Nachrichtenseiten, die auf das Thema einsteigen, sammeln ebenfalls hunderte Likes. Das Video der Beiden wird ebenfalls tausende Mal abgerufen. Auf Youtube bekommen die Kletterer, was sie sich wünschen: “Respekt, Jungs. Respekt”, heißt es dort. Oder: “Die haben echt Eier bewiesen!” Und: “Echt geil.” Nur für die Präsentation, die Choreografie gab es Punktabzug. Das sei Posing im Stil des 90-er-Jahre-Hip-Hops, heißt es augenzwinkernd. Die Szene gibt sich gerne mit einer Busladung schwarzen Humors ausgestattet. So nennen sich die Kletterer selbst “Grave Yard Kidz”, Friedhof-Kinder. Und sie geben sich gerne supercool. Zu ihrem Ausflug erklären sie: “Leider hat es ein wenig geregnet, sind aber trotzdem gute Aufnahmen geworden; Viel Spaß;)”

Quelle: Youtube
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(Update 28.10.15, 18.45 h) Auf Facebook gibt es viel Zustimmung, teils auch Unverständnis für die Kletterer (“Mir wird schon vom zuschauen ganz schlecht”, und: “Einfach nur Dummheit, schade das nichts passiert ist, meine Meinung. Kinder sehen das und machen so etwas nach…”). Unverständnis auch für die Presse, wie so oft in diesen Tagen. Ein Leser fragt: “Hofft ihr auf eine noch größere Schlagzeile, wenn nächste Woche jemand, der euren Artikel gelesen hat, auch auf den Turm steigt, aber stürzt? Herrscht dann Feierlaune in der Redaktion?” Die klaren Antworten heißen: Nein. (Update 28.10.15, 18.45 h) Die Polizei findet die Geschichte an sich nicht lustig. Züblin, jener Generalunternehmer, dem der Kran gehört, habe Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs gestellt, heißt es seitens der Polizei. Gegen die Kletterer werde ermittelt. Ein Ansatzpunkt: mögliche Sachbeschädigungen. Die beiden Jungs waren dem Video zufolge etwa auch im Führerhaus des Krans. Sie haben aber nichts kaputt gemacht, wie die Polizei am Abend feststellt.

Quelle: Youtube
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(Update 28.10.15, 19.10 Uhr) Zudem weist die Polizei “auf das extreme Risiko derartigen Handelns hin und sieht außerdem die große Gefahr einer Sogwirkung auf mögliche Nachahmer.” Auch unter diesem Aspekt sei das Verhalten der so genannten “crane climber” äußerst verantwortungslos, erklärt die Behörde am Abend. Die Polizei Rottweil sei deshalb besonders sensibilisiert und werde das Gelände verstärkt überwachen. Darüber hinaus seien seitens der Bauverantwortlichen zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen vorgesehen. Die sogenannten Friedhof-Kinder stammen mutmaßlich aus dem Süden der Republik, aus der Region Schwarzwald-Baar-Heuberg, sie selbst geben den Black Forest, den Schwarzwald als ihre Heimat an. Ihr Instagram-Album zeigt sie etwa in Villingen, auf dem Dach des Blue-Boxx-Kinos. Aber auch in Stuttgart sind die geklettert. Ihr Hobby: das “Roofing.” Extremklettern in hunderten Metern Höhe, um an gute Fotos und einen Adrenalinkick zu kommen. Geburtsstätte des Trends soll New York sein, wo es 1990 schon die ersten Roofer gegeben haben soll. Dann ging es über Europa und weiter vor allem nach Russland. Um raus zu kommen aus dem tristen Alltag, sollen die jungen Leute dort extrem klettern. ThyssenKrupp Elevator, Erbauer des Testturms Rottweil, hat am Mittwochmittag auf die Nachricht reagiert, der Baukran sei bestiegen worden: “Sicherheit hat für ThyssenKrupp und Züblin oberste Priorität”, so ein Unternehmenssprecher”. “Wir analysieren derzeit gemeinsam mit Züblin als ausführendem Bauunternehmen, wie es zu der Aktion kommen konnte und werden dann entsprechende Maßnahmen einleiten. Fakt ist: Die Jugendlichen brachten sich in eine lebensgefährliche Situation – wir warnen daher dringend vor Nachahmung.” Richtig offiziell rühmen können sich die Kletterer für ihre Tat nicht, sie ist nicht erlaubt. Entsprechende Schilder an der ThyssenKrupp-Baustelle weisen darauf hin, dass das Betreten verboten sei. Die Polizei schaute sich das Klettervideo ja ebenfalls an. Hier ist es:  

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Quelle: NRWZ.de – veröffentlicht am 28. Oktober 2015 von Peter Arnegger (gg). Erschienen unter https://www.nrwz.de/artikel/unbekannte-erklettern-baukran-beim-rottweiler-testturm-oder-meine-fresse-ist-das-hoch/101302