„Unsozial und egoistisch“: Kardiologe wirft Patienten ohne Maske raus – und Facebook spendet Beifall

„Unsozial und egoistisch“: Kardiologe wirft Patienten ohne Maske raus – und Facebook spendet Beifall

Rausschmiss beim Kardiologen: Darüber beschwert sich ein namentlich nicht bekannter Patient auf Facebook. Er sei im Medzentrum Schramberg von einem Arzt beleidigt worden und aus einer Praxis „rausgeflogen“, nachdem er seine „ärztliche Befreiung von der Mund-Nase-Schutzmaske vorgelegt“ habe. Der angegriffene Arzt machte den Vorgang selbst öffentlich. Er verwehrt sich im Gespräch mit der NRWZ gegen den Vorwurf, den Patienten hinausgeworfen zu haben.

Update – wir haben uns auch mit dem Patienten unterhalten:

Vom Vorwurf an den Arzt gibt es einen Screenshot, er erschien offenbar auf Facebook:

Darin bezeichnet ein Patient den Kardiologen H. G. aus dem Medzentrum Schramberg als Assi und unsozial. Ein Attest, das von der Pflicht zum Tragen einer Alltagsmaske befreit, sei in der Praxis nicht akzeptiert worden. Vielmehr habe man den Patienten direkt herausgeworfen. Und draußen sei er vom Kardiologen H. G. zudem noch beleidigt worden.

Bei H. G. handelt es sich Dr. med. Heiko Gertsch, alteingesessener und beliebter Arzt in Schramberg, der seine Praxis jetzt im neuen Medzentrum betreibt. Er selbst hat den erbosten Angriff am späten Montagabend auf seiner privaten Facebook-Seite öffentlich gemacht – und gleich mit einer eigenen Stellungnahme versehen.

„Diese Beleidigung beweist“, schreibt Gertsch, dass in seiner Praxis die Hygieneregeln ernst genommen würden. Das sei eine „gute Werbung für die Praxis.“

Gertsch führt aus: „Die Patienten, auch die sehr alten und die mit hohem Risiko, können sich absolut darauf verlassen, dass sie in der Praxis sicher sind und keinem Menschen begegnen, der keinen Mund- und Nasenschutz trägt.“ Nur mit dieser Konsequenz hätten sein Team und er den Praxisbetrieb seit Beginn der Pandemie aufrechterhalten und die „oft schwer kranken Patienten“ weiter betreuen können. Es habe wegen Corona keinen Schließtag gegeben. „Krankenhäuser, Krankenhausambulanzen und manche Praxen haben sich dagegen abgeschottet und die Türen abgeschlossen. Seit dem Ausbruch der Pandemie haben wir 2500 Patienten versorgt. Natürlich bei der Untersuchung ohne Mindestabstand aber ohne Angst.“

Aus Sorge um die Risikopatienten würde in seiner Praxis seither ein Mund-Nase-Schutz getragen, „bei engem Patientenkontakt sogar eine FFP2-Maske“, so Gertsch weiter. Sechs Monate täglich acht Stunden und mehr eine FFP2-Maske, das ist nicht lustig“, schreibt er.

„Und dann kommt einer, der behauptet, das Bedecken von Mund und Nase sei ihm nicht mal für 15 Minuten zuzumuten“, so Dr. Gertsch.

Medizinisch gebe es „extrem wenige Gründe“, so Gertsch, warum kein Mund- und Nasenschutz getragen werden kann.

So schildert der Internist den Vorgang: „Jemand der ohne Maske in der Praxis erscheint, wird von den Damen an der Anmeldung gebeten einen Mund-Nasen-Schutz von uns anzunehmen und während des Aufenthalts in der Praxis zu tragen. Weigert er sich, wie in diesem Falle, wird er höflich in die Vorwartezone vor der Praxistüre geschickt und ich werde über den Vorgang informiert um zu entscheiden.“ Dann bemühe er sich persönlich in einem Gespräch, den Patienten zu bewegen, doch eine Maske zu tragen. „Es ist erst der zweite Patient (beides Männer im besten Alter) seit März, der stur geblieben ist und den ich nicht überzeugen konnte.“ Als „unsozial und egoistisch“ habe er daraufhin die Haltung des Patienten bezeichnet „und ihm auch gesagt, dass ich dieses, sein Attest vom Hausarzt nicht akzeptieren würde, weil ich es medizinisch nicht für gerechtfertigt halte – ich kenne den Patienten seit fast zehn Jahren.“

Gertsch will dem Patienten dann mitgeteilt haben, dass er ohne Maske keinen Zutritt zur Praxis erhält. Ein Rausschmiss, wie von dem Mann so bezeichnet, sei das in seinen Augen nicht gewesen. „Assi“ habe er seinen Patienten im Übrigen nie genannt.

Die aktuelle Corona-Verordnung des Landes Baden-Württemberg regelt das klar: „Eine nicht-medizinische Alltagsmaske oder eine vergleichbare Mund-Nasen-Bedeckung muss getragen werden“, heißt es in Absatz 3 der in der seit 6. August 2020 gültigen Fassung. Und zwar unter anderem „in Arztpraxen, Zahnarztpraxen, Praxen sonstiger humanmedizinischer Heilberufe und der Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker sowie in Einrichtungen des öffentlichen Gesundheitsdienstes.“

Über seinen Patienten schreibt Gertsch: „Er läuft ohne Maske am Schild ‚Ab hier gilt Maskenpflicht‘ vorbei ins Medzentrum, dann in die Praxis ‚Eintritt nur mit Mund- und Nasenschutz‘ und wundert sich, dass er erst mal vor die Praxistüre verwiesen wird.“

Atteste zur Maskenbefreiung könne er als Arzt sehr wohl überprüfen und das tue er auch – „viele sind niemals gerechtfertigt“.

Ab Mitte März habe Gertsch als Hausherr die Maskenpflicht in seiner Praxis eingeführt, Masken seien da kaum zu kriegen. Wir erinnern uns: Im beginnenden Lockdown haben die einen Klopapier und Mehl gehamstert und alle zusammen versucht, irgendwoher Masken zu bekommen.

Gertsch habe jedem Patienten, der „oben ohne“ gekommen sei, eine Maske aushändigen lassen. Diese habe er zuvor teuer bei Ebay ersteigert. „99,9 Prozent“ der Patienten seien dafür sehr dankbar gewesen.

Gertsch gibt zu bedenken: „Ein einziger Corona-Fall ohne Maske in der Praxis und wir sind alle für zwei bis drei Wochen in Quarantäne. Und nun werde er als „Assi“ und als „unsozial“ beschimpft, von einem der angeblich keine Maske tragen kann.

Für ihn, den Arzt, diene die Maske mehr dem Schutz der Anderen und weniger auch dem Schutz des Trägers. „Sie ist ein Akt der Höflichkeit, des Anstands und des Respekts, sowie von Fürsorge und Verantwortung für den Mitmenschen. Die Asiaten sind uns da weit voraus.

Auf Facebook bekommt der Patient mutmaßlich Beifall von seinen Freunden, wir können das nicht überprüfen. Wütende und überraschte Emojis unter seinem Posting deuten darauf hin.

Der Kardiologe Gertsch erhält aber seinerseits bislang ausschließlich Unterstützung aus seinem Facebook-Freundeskreis. „Danke und Respekt für die konsequente Vorgehensweise“, ist einer der Kommentare. Den Respekt drücken einige aus. Sowie: „Ich finde es sehr gut, dass Du, bzw. ihr in der Praxis so konsequent seid. Selbst schwer kranke Menschen, die wir im Rettungswagen transportieren, akzeptieren die Maske. Die Einschränkungen dadurch sind doch minimal.“ Und: „Richtig, konsequent und vor allem im Sinne der Patienten, des Praxis-Teams und dem Betrieb als solchem gehandelt! Solche kurzsichtigen, asozialen Bemerkungen einzelner Egomanen sind glücklicherweise NICHT der Spiegel unserer Gesellschaft und das beruhigt dann doch wieder!“

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Quelle: NRWZ.de – veröffentlicht am 15. September 2020 von Peter Arnegger (gg). Erschienen unter https://www.nrwz.de/artikel/unsozial-und-egoistisch-kardiologe-wirft-patienten-ohne-maske-raus-und-facebook-spendet-beifall/273731