Rottweiler Hochbrücke: Die Bauzäune sind weg

Ort einer erneuten Tragödie: die Rottweiler Hochbrücke. Foto: gg
Ort einer erneuten Tragödie: die Rottweiler Hochbrücke. Foto: gg

Unver­stell­ter Blick in den Stadt­gra­ben und auf die Innen­stadt: Städ­ti­sche Mit­ar­bei­ter haben die Bau­zäu­ne beid­seits der Hoch­brü­cke in Rott­weil abge­baut. Das wur­de mög­lich, nach­dem die Fang­net­ze, die Men­schen dort vom Sui­zid­ver­such abhal­ten sol­len, ange­bracht sind.

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Rott­weil (gg,mm). Fuß­gän­ger blei­ben ste­hen, schau­en über­rascht, genie­ßen neue alte Stadt­an­sich­ten: Nach zwei Jah­ren sind die bei­den Bau­zäu­ne ver­schwun­den, die über­gangs­wei­se vor und wäh­rend der Instal­la­ti­on der Fang­net­ze auf­ge­stellt wor­den sind. Die Fang­net­ze wie­der­um sol­len dazu die­nen, Men­schen davon abzu­hal­ten, von Rott­weils alter Brü­cke in den Tod zu sprin­gen, wie es schon zu einer trau­ri­gen Tra­di­ti­on gewor­den war.

Die ­Siche­rung der Hoch­brü­cke mit­hil­fe von zwei Edel­stahl­net­zen zur Ver­hin­de­rung von Selbst­tö­tun­gen kos­tet rund eine hal­be Mil­li­on Euro. Opti­mis­ten wie Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß sind anfangs von einem Zehn­tel die­ser Kos­ten aus­ge­gan­gen. Des­halb auch die jah­re­lan­ge Lauf­zeit zwi­schen der ers­ten, schnel­len Errich­tung eines Bau­zauns, des­sen Ver­bes­se­rung und schließ­lich nun der Fer­tig­stel­lung der Bau­maß­nah­me ins­ge­samt.

An den Brü­cken­pfei­lern sind schräg ste­hen­de Druck­stre­ben befes­tigt wor­den. „Die­se wer­den durch ver­ti­kal gespann­te Zug­sei­le in ihrer Posi­ti­on gehal­ten. Ver­bun­den wer­den die Druck­stre­ben durch ein hori­zon­tal gespann­tes Zug­seil. Die­ses wird über die äuße­ren Punk­te der Druck­stre­ben bis zu den Brü­cken­köp­fen gespannt. An die­ses Zug­seil wird das Edel­stahl­fang­netz hori­zon­tal zur Brü­cke ein­ge­hängt. Zusätz­lich sind in der Netz­ebe­ne Spreiz­stre­ben ein­ge­setzt. Die­se unter­tei­len das Netz in der Län­ge in nahe­zu gleich gro­ße Fel­der und hal­ten das Netz unter gleich­mä­ßi­ger Span­nung.” So beschrieb die Stadt­ver­wal­tung dem Gemein­de­rat sei­ner­zeit das Pro­jekt, der dann auch zustimm­te.

Die Zug­sei­le sol­len über ihre Befes­ti­gun­gen zudem durch Kern­boh­run­gen mit­ein­an­der ver­bun­den wer­den. So also ein­an­der ent­ge­gen wir­ken.

Über die stäh­ler­nen Net­ze an der Hoch­brü­cke hat­te der Gemein­de­rat im Mai eigent­lich nur noch pro for­ma abge­stimmt – der eigent­li­che Ent­scheid hat­te schon nicht­öf­fent­lich statt­ge­fun­den, die Arbei­ten waren schon ver­ge­ben, der Bau des wenigs­tens 500.000 teu­ren Pro­jekts star­te­te bereits in der Fol­ge­wo­che der Rats­ent­schei­dung.

Den­noch konn­te es sich damals der Spre­cher der Frei­en Wäh­ler, Wal­ter Steg­mann, nicht ver­knei­fen, anzu­mer­ken, man kön­ne nur hof­fen, „dass Selbst­tö­tun­gen dann nicht woan­ders statt­fin­den – die Unsi­cher­heit bleibt.“

Und Ralf „Hefe“ Arm­le­der von der SPD, der als ein­zi­ger Stadt­rat gegen die Net­ze stimm­te, erklär­te dies auch: „Es gibt Exper­ten, die ganz ande­rer Mei­nung sind.“ Er hal­te die Fang­net­ze wei­ter­hin für ein nicht sinn­vol­les Pro­jekt, das mög­li­cher­wei­se sogar zu Mut­pro­ben ver­lei­te. Aller­dings: „Ich wün­sche mir, dass ich nicht Recht behal­te.“

Vor Instal­la­ti­on des pro­vi­so­ri­schen Bau­zauns gab es an der Hoch­brü­cke im Schnitt ein­mal jähr­lich einen Fall von Selbst­tö­tung, daher hat­te der Gemein­de­rat im Jahr 2010 beschlos­sen, etwas zu unter­neh­men.

Um mit die­sem heik­len The­ma fein­füh­lig umge­hen zu kön­nen, haben sich Ver­wal­tung und Gemein­de­rat seit 2010 immer wie­der mit Exper­ten zusam­men­ge­setzt, mit Poli­zei, Psy­cho­lo­gen, Fach­leu­ten für Sucht­ver­hal­ten und mit Ver­ei­nen, die mit dem The­ma zu tun haben. Hier wur­de dann klar: So ein Netz hilft wirk­lich, hält wirk­lich von Sui­zid­ver­su­chen ab, und die Gefahr, dass der­je­ni­ge dann anders­wo ver­sucht, sich das Leben zu neh­men, ist offen­bar gering.

For­schun­gen zu dem The­ma gibt es vor allem in der Schweiz und den USA, Erfah­run­gen mit Fang­net­zen weni­ge, eigent­lich nur in Bern, wo man wegen der vie­len Sui­zi­de wel­che an der Stadt­mau­er befes­tigt hat. Seit­dem ist kei­ner mehr gesprun­gen.

Die Rott­wei­ler Vari­an­te ist also eine Art Pro­to­typ, das ers­te Fang­netz an einer Brü­cke.

Es gibt jähr­lich 3600 Ver­kehrs­to­te, aber 10.000 Selbst­tö­tun­gen“, beton­te Ord­nungs­amts­lei­ter Bernd Pfaff bei einer Pres­se­kon­fe­renz Ende April ver­gan­ge­nen Jah­res. Daher sei es allen Betei­lig­ten von Anfang an klar gewe­sen, dass hier auch in Rott­weil etwas gemacht wer­den muss, bei einem Fall jähr­lich.

Wir hat­ten anfangs mit weni­ger Kos­ten gerech­net“, gestand Ober­bür­ger­meis­ter Ralf Broß ein. Doch es sei auch immer Kon­sens gewe­sen, dafür auch not­falls viel Geld in die Hand zu neh­men.

Ganz allein muss die Rott­wei­ler Kas­se den Bau übri­gens nicht ganz stem­men: Der För­der­ver­ein für psy­chisch Kran­ke unter­stützt die Maß­nah­me mit 40.000 Euro.