Volker Kauder. Foto: pm

Es sind noch vier Tage bis zur Wahl. Vol­ker Kau­der sitzt auf einem Dreh­stuhl in sei­nem geräu­mi­gen Wahl­kreis­bü­ro im zwei­ten Stock des Rott­wei­ler Bahn­hofs. Er hat die tra­di­tio­nel­le Som­mer­tour durch sei­nen Wahl­kreis Rott­weil-Tutt­lin­gen und unmit­tel­bar anschlie­ßend eine lan­ge Wahl­kampf-Tour hin­ter sich gebracht – zuerst kreuz und quer durch Deutsch­land, von Otto­brunn in Bay­ern bis nach Stral­sund, dem Wahl­kreis von Kanz­le­rin Ange­la Mer­kel. Seit Anfang Sep­tem­ber hier im Revier, das von Gei­sin­gen bis Dorn­han reicht. Ins­ge­samt kom­me er auf rund 60 Wahl­kampf-Auf­trit­te, sagt er.

Ist das auf Dau­er nicht ermü­dend? Auf den ers­ten Blick wirkt Kau­der ver­hält­nis­mä­ßig ent­spannt. Eine gewis­se Unru­he ver­rät allen­falls, wie er mit sei­nem Dreh­stuhl ab und zu um sich sel­ber kreist. Er bestrei­tet gera­de sei­nen ins­ge­samt ach­ten Bun­des­tags-Wahl­kampf, drei wei­te­re hat er als baden-würt­tem­ber­gi­scher CDU-Gene­ral­se­kre­tär für Erwin Teu­fel orga­ni­siert, „Und immer haben mei­ne Spit­zen­kan­di­da­ten gewon­nen”, betont er. Mit so viel Erfah­rung und mit 68 Jah­ren ist Vol­ker Kau­der zum Rou­ti­nier gewor­den, rou­ti­niert beant­wor­tet er Fra­gen, auch kri­ti­sche:

Wel­che Erfah­run­gen hat er im Wahl­kampf gemacht, was beschäf­tigt die Men­schen am meis­ten?
„Bil­dung ganz stark, aber auch Flücht­lin­ge”, sagt Kau­der und benennt sogleich die Lösun­gen der Regie­rung: Eine Situa­ti­on wie 2015 wer­de es nicht mehr geben, dafür sorg­ten kon­se­quen­te Maß­nah­men und Geset­ze. Und in Sachen Bil­dung pla­ne die Uni­on eine Offen­si­ve.

Sind nicht die meis­ten Pro­jek­te der ver­gan­ge­nen fünf Jah­re auf Initia­ti­ve der SPD umge­setzt wor­den? Was aber geht eigent­lich auf die CDU zurück?
Wir haben das größ­te Pro­jekt seit 40 Jah­ren geschafft: erst­mals kei­ne Neu­ver­schul­dung und kei­ne Steu­er­erhö­hung”, ant­wor­tet Kau­der.

War er nicht vor vier Jah­ren rigo­ros gegen die Pkw-Maut – und jetzt kommt sie doch?
„Jetzt wird das Eis dünn”, gibt der Vor­sit­zen­de der Bun­des­tags­frak­ti­on zu. Ja, er sei immer noch kein Freund der Maut, aber es sei aus­schließ­lich eine Aus­län­der­maut, betont er. Für die deut­schen Auto­fah­rer ent­stün­den kei­ne zusätz­li­chen Kos­ten. Und: Jedem Koali­ti­ons­part­ner ste­he ein Pro­jekt zu, und die CSU habe auf der Maut bestan­den. Über die hohen büro­kra­ti­schen Auf­wand äußert sich Kau­der nicht.

War­um soll man jetzt CDU wäh­len?
„In der Außen­po­li­tik könn­te es zu Ent­wick­lun­gen kom­men, die viel wich­ti­ger sind als die Innen­po­li­tik”, ant­wor­tet Kau­der, „und da ist Ange­la Mer­kel jemand, der das bes­ser macht als alle ande­ren.” Ein wei­te­res „Mega­the­ma” sei die Digi­ta­li­sie­rung, und da wol­le die Uni­on groß­zü­gig Geld für Wei­ter­bil­dung zur Ver­fü­gung stel­len. Und nicht zuletzt pla­ne die Uni­on umfas­sen­den Hil­fe für länd­li­che Gebie­te – vom Aus­bau des Inter­net-Zugangs bis hin zur Ärz­te-Ver­sor­gung. Kon­kret wird Kau­der indes nicht.

Ist es nicht eine ziem­lich mage­re Bot­schaft, nur Vol­ker Kau­der auf die Wahl­pla­ka­te zu schrei­ben.
„Nein”, ant­wor­tet der Kan­di­dat, schon zu Zei­ten von Erwin Teu­fel habe ihm ein erfah­re­ner Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ex­per­te erklärt, mehr mache kei­nen Sinn. Wer mehr wis­sen wol­le, kön­ne das auf der Home­page tun, deren Adres­se eben­falls auf dem Pla­kat ver­merkt sei. In Rott­weil hat ein Unbe­kann­ter sei­ne Mei­nung auf ein Pla­kat geschrie­ben: „Klar, so ein gei­ler Typ braucht kei­ne Inhal­te.” Kau­der lacht herz­haft. Das gefal­le ihm, sagt er.

Auf die Fra­ge, was sein wich­tigs­tes Pro­jekt im Wahl­kreis sei, hat Kau­der neu­lich geant­wor­tet:
„Die Tal­stadt-Umfah­rung in Schram­berg. Aber ist nicht der zwei­glei­si­ge Aus­bau der Gäu­bahn um eini­ges wich­ti­ger? „Das ist da unter­ge­gan­gen”, sagt er. Ja, die Gäu­bahn sei sehr wich­tig für die gan­ze Regi­on. Und ja, die Ver­zö­ge­run­gen ärger­ten auch ihn. „Sie hat auf der Arbeits­ebe­ne der Bahn im Land” kei­ne beson­de­re Lob­by.” Aber jetzt stün­den, auch durch sei­ne Mit­hil­fe, 550 Mil­lio­nen für den Aus­bau zur Ver­fü­gung. Und Ronald Pro­fal­la, der neue Bahn­vor­stand und Par­tei­freund, habe die Wich­tig­keit auch erkannt und die Unter­stüt­zung zuge­sagt. Wann rech­net Kau­der dann mit der Fer­tig­stel­lung? Dazu sagt er lie­ber nichts. Nur soviel: es gehe auch um die Tal­stadt-Umfah­rung.

Je län­ger das Gespräch dau­ert, umso unru­hi­ger wird Vol­ker Kau­der, immer wie­der schaut er auf die Uhr, bewegt sei­nen Dreh­stuhl hin und her, sagt, er müs­se um Punkt zwölf Uhr tele­fo­nie­ren. Deut­lich vor der Zeit drängt er zum Auf­bruch.

Auf die Fra­ge, wann er sich zum letz­ten Mal rich­tig geär­gert habe, hat er in einem Inter­view geant­wor­tet, er habe sich „in den letz­ten Jah­ren nie mehr so rich­tig geär­gert”. Ist das glaub­wür­dig nach all den Pro­ble­men, die in den letz­ten vier Jah­ren auf ihn als Frak­ti­ons­chef zwi­schen 309 eige­nen, eigen­wil­li­gen Abge­ord­ne­ten, der SPD, der CSU, Horst See­ho­fer, der Ober­gren­ze und der Regie­rung auf ihn ein­ge­stürzt sind?

Ja, sagt er, an sei­nem 50. Geburts­tag habe er sich geschwo­ren, sich nicht mehr zu ärgern. „Ich wun­de­re mich nur noch”, beteu­ert er im Hin­aus­ge­hen.

Es gäbe noch viel zu fra­gen, zum Die­sel-Pro­blem, zum Pfle­ge-Pro­blem, zu der hohen Zahl von Nied­rig­löh­nen (fast 25 Pro­zent), zu ver­säum­ten Infra­struk­tur-Maß­nah­men, zu sei­ner poli­ti­schen Zukunft (er ist als Bun­des­tags­prä­si­dent im Gespräch, will aber Frak­ti­ons­chef blei­ben) oder danach, ob er dar­an den­ke, einen Nach­fol­ger auf­zu­bau­en. Aber Vol­ker Kau­der muss tele­fo­nie­ren. Er sagt, das kön­ne er in die­sem Fall nur vom Auto aus. War­um und wor­um es geht, will er nicht ver­ra­ten. Aber klar ist: Der Rou­ti­nier kämpft auch um sei­ne poli­ti­sche Zukunft.

Er has­tet hin­un­ter ins Freie und steigt ins Auto. Es ist fünf vor Zwölf.