Kultur nach Corona: Spannende Diskussion auf Einladung von Annette Reif

Kultur nach Corona: Spannende Diskussion auf Einladung von Annette Reif

Wie geht es weiter mit der Kultur nach Corona? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer digitalen Diskussion, zu der Annette Reif, Bundestagskandidatin der Grünen, eingeladen hatte. Mit dabei: Erhard Grundl, kulturpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, und Frank Golischewski, Musiker und Komponist und in der Region und weit darüber hinaus bekannt, der auch für die satirisch-musikalische Umrahmung des Abends sorgte.

Annette Reif ist selbst mit einem Musiker verheiratet und weiß genau, wie sehr die Kulturbranche von der Pandemie gebeutelt wird. „Künstler sind es gewohnt, dass man für sie klatscht. Jetzt werden andere Berufe beklatscht und die Künstler fallen hinten runter.“

Für viele ging und geht es an die Existenz, das betonte Erhard Grundl. Aber auch, dass Kultur zwar nicht system-, aber gesellschaftsrelevant ist. „Ohne Künstler fehlt uns der gemeinsame Reflektionsraum“, der Raum für Austausch in Vielfalt, seine Kollegin Claudia Roth nenne Kultur daher ein Lebensmittel. 54 Prozent Einbruch für die Musikbranche, ganze 85 Prozent für darstellende Kunst, „das ist dramatisch.“ Und besonders für Clubs und Livespielstätten, die die ersten waren, die schließen mussten und vermutlich die letzten sein werden, die wieder öffnen. Eine Clubstudie zeigt ganz neu die Situation, „mir ist schleierhaft, wie man all die Jahre Kulturpolitik machen konnte ohne wissenschaftliche Grundlage!“ Die Forderungen der Grünen: Mindesthonorare, solidarische Bürgerversicherung, leichterer Zugang zu

Sozialsicherungssystemen, Spätfolgen abmildern: „Die Soloselbstständigen fielen lange durch alle Sicherungsmaßnahmen!“ Unterstützung kam viel zu spät, war viel zu kompliziert zu bekommen, „wir hören sogar von Selbstmorden!“, so Grundl. Kultur brauche Lobby, brauche viel mehr Unterstützung, „Kultur muss Staatsziel werden.“ Jetzt entscheide es sich, ob insolvent gehe, wer bis jetzt durchgehalten habe, daher fordern die Grünen auch günstige Gewerbemieten für Kulturschaffende. „Clubs, Theater und Kinos, die jetzt schließen, sind für immer weg.“

 

Frank Golischewski hatte etwas mehr Glück als viele seiner Kollegen, er hat schon vor Jahren ein Gewerbe angemeldet und hatte es so einfacher, Zuschüsse zu bekommen. „Die meisten können sich keinen Steuerberater leisten“, und ohne den gibt es keine Unterstützung. Viele hätten aufgegeben, seien in die Fabrik gegangen oder verpackten Wasserhähne für den blühenden Internethandel. Mehr Gehör für Kulturschaffende sei dringend nötig, so Golischewski. Er organisierte letztes Jahr in Trossingen den Kultursommer mit ganz kurzfristig zugesagten Geldern. „Zwei Wochen im Voraus! Das ist so weltfremd.“ Seine Kritik sei in Stuttgart beleidigt aufgenommen worden, man habe ihm erklärt, die meisten Fragebogen für die Förderung seien falsch ausgefüllt gewesen. „Da fällt mir nichts mehr ein. Es nützt nichts, wenn da Bürokraten sitzen. Man muss doch mit den Künstlern sprechen!“ Aber immerhin gebe es wenigstens Förderung, Kollegen im Ausland bekämen nichts.

 

In Frankreich allerdings schon, das betonte Liedermacher Pius Jauch. Hier bekommen  jeder, der eine bestimmte Anzahl an Ausstellungen, Konzerten oder anderem mache, seinen Lebensunterhalt vom Staat finanziert. Jauch selbst hat als Spielmann klein angefangen, „man zieht wie in der Renaissance mit seinem Karren durch die Dörfer. Nur wird der Karren heute vom Schutzmann konfisziert, weil er eine Dreckschleuder ist.“ Die vielgerühmte Freiheit der Kunst von der Alimentierung durch den Staat „ist ein unerreichtes Ideal. Sie ist nicht wahr.“ Dabei sei Kultur so nötig, „es ist unsre Aufgabe, die Leute tolerant zu halten, das Unsagbare, Unsägliche zu sagen.“ Und es sei nicht verwerflich, als Künstler Unterstützung zu fordern. „Wir leisten auch was für die Gesellschaft.“ Erhard Grundl machte etwas Hoffnung: Die Kulturbranche werde nun besser wahrgenommen, „sie hat es aus dem Feuilleton auf Seite drei geschafft. Da dürfen wir jetzt nicht nachlassen.“

 

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Quelle: NRWZ.de – veröffentlicht am 21. Juni 2021 von Pressemitteilung (pm). Erschienen unter https://www.nrwz.de/bundestagswahl-2021/kultur-nach-corona-spannende-diskussion-auf-einladung-von-annette-reif/316161