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Widerstand

... gegen wen oder was eigentlich?

Ich gebe zu – und das hätte ich nicht für möglich gehalten – mich irritieren diese Demobilder und die vielen Parolen. Ich habe durchaus ein Herz fürs Demonstrieren wie überhaupt für alle, die den freien Diskurs lieben und Regeln in Frage stellen, zumal solche, die aufs Wohlbefinden drücken. Aber dies irritiert mich. Und ich habe nicht den Eindruck, die Demos wären in dieser Form meiner, unserer, irgendeines Menschen Freiheit und Wohlbefinden zuträglich.

Gegen wen geht’s eigentlich? Es ist ja nun nicht von der Hand zu weisen, dass da ein aggressives Virus unterwegs ist, das die Power hat – wo es geballt auftritt  und die Virenlast hoch genug ist – reihenweise niederzustrecken und das sich dann eben auch nicht an Alte und Schwache hält, (die man auch nicht einfach so preisgibt), sondern auch an Ärzte und Krankenschwestern und – pfleger und an alle, die der geballten Ladung ausgesetzt sind. Und wo das so ist, will man nicht sein. Das ist eine Situation, die niemand ernsthaft wünschen kann. Dagegen werden Vorsichts – und Schutzmaßnahmen ergriffen. Völlig logisch.

Man kann darüber streiten, wie genau die aussehen sollen, aber generell die Notwendigkeit in Zweifel zu ziehen, scheint mir schon sehr absurd. Natürlich nimmt diese Seuche keinen Verlauf wie die Pest im 14. Jahrhundert. Wir haben eine ganz andere Situation als damals. Und natürlich sterben nicht so viele wie an der spanischen Grippe. Wir haben nicht gerade erst einen Weltkrieg überlebt und sind von vornherein geschwächt. Und selbst die armen Staaten, in denen Abstandhalten mitunter schwer ist und wo die Gesundheitssysteme schon in normalen Zeiten schlecht funktionieren, sind heute vorgewarnt und reagieren schneller als man es zu den Zeiten tat, als solche Plagen aus heiterem Himmel zu kommen schienen und plötzlich da waren, und WENN sie dann da waren, sich bereits ausgebreitet hatten. (Während der Pest hat man auch social distancing betrieben, nur anders. Man hat die Häuser der Infizierten zugemauert. Und Eltern ließen ihre kranken Kinder im Stich, die dann weniger an der Pest starben – die man mit robuster Natur und guter Pflege durchaus hat überleben können – sondern an mangelnder Versorgung). Dass nun also nicht die Apokalypse über uns hereinbricht, ist Folge unserer besseren Konstitution UND der Vorsichtsmaßnahmen. Das bringt sie doch nicht in Misskredit! Wie widersinnig! Mir leuchtet dies Abstandhalten vollkommen ein. Ich find´s scheiße, aber es leuchtet mir ein.

Eine Freundin entrüstet sich; sie versteht nicht, wie alle das so leichtgläubig hinnehmen – das Vorhandensein des Virus und die Maßnahmen dagegen. Und ich verstehe sie nicht. Was ist es denn, das ich – anscheinend also naiv bis dumm – glaube, aber nicht glauben soll? Den Leuten wird nicht Lachgas verabreicht, und sie sterben nicht am Dreck unter den Nägeln; ihre Krankheit heißt Corona, das geht auf die Lunge, und es ist ein neuer Virus, den die Welt noch nicht kennt. Wo soll da jetzt eine Leichtgläubigkeit sein? Ich brauche nicht höhere Infektionskurven und mehr Massengräber um zu glauben. Plagen kommen und gehen, das ist ja nun nicht neu. Grad ist eine! Man kann sie Plage nennen, oder Seuche, oder Tuttifrutti, ganz egal – da ist etwas da, das vorher nicht da war, und das aggressiv ist, das man besser in den Griff bekommt.  

Heute  erst habe ich im Radio einen Mann gehört, der auf einer Demo war und sich gekränkt fühlt, weil er sich mit allerhand Radikalen und Tunichtguten in einen Topf geworfen sieht. Das ist er selbst nicht, ihm geht es um seine Rechte. Okay. Verstehe ich. Ich würde trotzdem nicht auf eine Demo zusammen mit Rechten gehen, und auch nicht mit Verschwörungserzählern und sonstigen Hetzern. Mit der Afd gemeinsam für die Wahrung des Grundgesetztes. Ha! Das ist doch ein schlechter Witz! Die sind einfach überall dabei, wo es was aufzumischen gibt. Wie will er sich denn distanzieren? Die zählen ihn dazu und so läuft die Nummer. Wenn es ihm so wichtig ist, dann muss er es anders machen. Ich würde versuchen mein Anliegen abzukoppeln und explizit und ohne Themen zu mischen anzugeben, WOGEGEN ich denn bin, bzw WAS ich fordere, und ich würde nicht auf massenhaftes Auftreten setzen, sondern auf Klarheit, und auf offene Ansprache ohne Feindbilder.

Ich für meinen Teil finde dies ewige Gekränkt-sein ja kindisch – selbst mit der Faust auf den Tisch hauen, aber heulen, wenn wer schimpft. Ich finde übrigens auch nicht sehr nett, als dumm und naiv zu gelten, wenn ich den Ausführungen eines Virologen folge und Vertrauen in die Politik hege. Und diese Diffamierung höre ich auch nicht eben selten, eben auch von mir nahen Leuten, denen es auch nur um ihre Rechte geht und darum, ´dass man sich wundern muss, dass da alle einfach so mitmachen´.

´Einfach´ ist´s nicht. Ganz und gar nicht. Aber wenn 98 Ärzte eine Meinung vertreten und zwei eine andere, dann bin ich in der Tat erstmal geneigt, den 98 Glauben zu schenken und mir die zwei anderen genau anzusehen.

Und dann immer dies „Wir sind das Volk“ – Gedöns. Man kann´s ja nicht mehr hören. Ich find´s auch anmaßend, dass ein paar Wirrköpfe alle für sich einnehmen . Da schließt mich jemand mit ein, dessen Haltung ich nicht teile. Das sind dieselben, die auch auf Pegida-Demos schreien. Das sind die Stimmen der Rechten. Die gröhlen immer jeweils die Parolen, die zum Anlaß passen. „Ausländer raus“ passt nicht, „Wir sind das Volk“ passt immer. Gehen tut es aber letztlich um die Macht – und Gewaltfantasien einer Horde emotional gestörter Narzisten.  „Wir sind das Volk“; hör mir auf.

Ich denke überdies, dass die meisten Leute im Land – die sich vielleicht weniger als Volk denn als Bevölkerung sehen – durchaus die allgemeine Strategie mittragen, vielleicht ungern, vielleicht knirschend, vielleicht auch flexibel, aber im Wesentlichen und Grundsätzlichen eben doch.

Ich kann diese Feindseligkeit nicht leiden. Immerzu muss es gegen irgendwen gehen.  ´Zusammen´ und ´für alle´ und im Vertrauen darauf, dass die anderen, wenigstens die meisten, es auch so handhaben, das geht anscheinend nicht. Ich unterstelle uns ein neurotisches Verhältnis zu Macht und Auseinandersetzung. In England stellt sich, wer was zu sagen hat,  im Hydepark auf einen Stuhl und redet – wer will, der darf und tut auch. Die Zuhörer suchen sich aus wo sie zuhören, lauschen mal hier, mal da. Es ist eine Art Thesenduell mit viel Witz und Charme und Leichtigkeit, die aus der Distanz betrachtet. Hier nimmt man absolut persönlich, alles voll auf harte Kante, und man verschanzt man sich lieber hinter Polterern und Schaumschlägern, als mal eine Ecke weiterzutreten, was andres zu hören, und am Ende über die eigene Begrenztheit zu lachen.  In Schweden vertraut man der eigenen Regierung und geht davon aus, dass die es nicht böse meint mit Land und Leuten. Weshalb sollte sie auch. Dort genügen Empfehlungen, und die Leute wissen, was sie zu tun haben – jeder übernimmt Verantwortung für sich selbst und handelt nach bestem Wissen und Gewissen, aber im Sinne der Empfehlungen. So funktioniert Respekt.  Hier misstraut man und giftet und sieht in jeder Zumutung einen Angriff und bekämpft und sabotiert bei der erstbesten Gelegenheit. Und wenn dann einer voranstürmt und laut genug anbrüllt gegen die Zumutungen, dann rennen die anderen hinterher  und merken in der Abwehr gar nicht, dass da auch bloß einer sein eigenes Süppchen kocht, und von neuer Macht und Ordnung und Regelwerken träumt, die durchaus nicht besser sind. Eigenverantwortliches Handeln und souveränes Umsetzen von Regeln ist anscheinend nicht so unser Ding.

Ich finde, da ist Luft nach oben. Das könnte besser gehen.

„Für die Freiheit!“ Eine Parole dieser Demos. Freiheit. Klar. Gerne. Wer würde da nicht nicken. Aber weshalb jetzt? Weshalb entdeckt man jetzt auf einmal den Wert des Grundgesetzes? – Weil uns ein Stück Lebensqualität fehlt. Wir sind nicht bessere Demokraten geworden. Und schon gar nicht freigeistiger. Uns stinkt nur, dass wir nicht in Urlaub fahren und zusammen abhängen können. Wenn der Spa aufhätte, wäre man dort. Jetzt ist der aber zu – dann geht man halt auf die Demo.

Das Recht als solches, die Gewaltenteilung und das Grundgesetz, all das ist nicht außer Kraft. Es gelten allerdings einschränkende Seuchenschutzgesetze. Die will ich nicht schönreden. Die sind eine Zumutung, und ich würde sie in einigenTeilen auch anders erlassen, wenn ich´s zu tun hätte. Aber Freiheit bedeutet nicht die dauerhafte und gänzliche Abwesenheit von Zumutungen. Zumutungen gibt´s halt, die kommen und gehen wie Blasen an den Füßen. Was soll´s, wir sind nicht aus Zucker. Wir haben uns diese nicht ausgesucht, das stimmt. Aber wir sind selbst auch eine Zumutung für so manches Wesen, und die haben sich das auch nicht ausgesucht. Man hat nicht immer die Freiheit der Wahl.

Ich sympathisiere sehr mit dem schwedischen Weg. Hier ist´s halt ein anderer. Ich nehm´s hin. Darüber kann man noch immer reden. Aber lassen wir die Kirche im Dorf. „Freiheit!“ Als ob wir die großen Freiheitskämpfer wären. Ich bin 50+. Ich sehe die Bilder und sehe meine Generation demonstrieren und Parolen schwingen, als wären wir es selbst gewesen, die uns die Freiheit erkämpft haben. Wenn dem so wäre, wüssten wir besser, von welcher Seite sie bedroht wird. Wenn dem so wäre, sähen wir Wege, für unsere Überzeugungen einzustehen – ohne mit denen Schulter an Schulter zu demonstrieren, denen man sich eigentlich scheut zum Gruß die Hand zu reichen. Uns ist ´Freiheit´ in den Schoß gefallen und als die Freiheit des Konsumierens präsentiert worden. Und auf dem Trip hängen wir fest. Und jetzt sind wir dran, die vielbemühte Freiheit den Erstbesten, Lautesten, Aggressivsten, Giftigsten vor die Füße zu werfen, nur weil uns daheim langweilig ist.

„Fake“ rufen andere und „keine Angst!“. ´Das Virus gibt es gar nicht, oder ist es nicht mehr als ein starker Husten, und man setze am besten auf die inneren Selbstheilungskräfte.´  Ich habe auch keine Angst, aber Respekt – vor dem was es anrichten kann, wenn man es lässt.  Und ich kenne durchaus diese Sehnsucht nach Harmonie und innerer Stärke, die wie eine Wunderwaffe gegen alles wappnet, das droht, eine Sehnsucht dazu neigt, sich Widrigkeiten und von außen oktroierten Zumutungen zu entziehen und sie umzudeuten. Das klappt nicht immer.  Dies Virus ist eine Krise in der Krise in der Krise in der Krise. Es kommt ja eben NICHT aus heiterem Himmel; wir haben ihm mit unserer Lebensweise den Weg bereitet. Wir müssen da durch. Da ist nicht ein Hell auf der einen und ein Dunkel auf der anderen Seite. Da gibt´s ein Dunkel und ein Weniger-Dunkel – eine Chance.  Umwälzungen kommen hin wie her, massive. Es ist nur noch nicht ganz ausgemacht auf welche Weise. Träumen wir von einer besseren Welt, jawohl, Harmonie und innerer Friede und gesamtheitliche Gesundheit  und Freiheit, alles das. Aber fangen wir mal an, an dem Traum zu arbeiten und ihn nicht bloß auf unserer Wohlfühlinsel zu träumen.  Diese bessere Welt wird nicht geschaffen auf einer Demo, die zum Spalten und Aufmischen  gemacht ist und die Gesundheit verhöhnt.

Und dann natürlich die Verschwörungserzähler. „Gegen die Bösen!“ Ihre Parole.  Irgendwer muss schuld sein. Ihre Geschichten klingen allesamt schrecklich – es ist ja keine darunter, die von einer guten Verschwörung oder Absicht erzählt, immer ist da wenigstens ein Bösewicht, den es zu bekämpfen gilt. Aber die Erzählungen bergen einen gewissen Trost.  Irgendwer hat einen Plan, irgendwer weiß es besser, man halte sich an den, dann wird alles gut.

(Das sind dann die, die den anderen Naivität – oder noch ärger – Dummheit unterstellen. ´Hat auch eine Pointe!)

Wir sind alle ab von der Rolle. An keinem geht dies Virus vorüber, ob wir nun infiziert sind oder nicht, wir darben daran. Wir rudern alle durch sich auflösende Strukturen. Kinder gehen nicht mehr zur Schule und in den Kindergarten. In den Jobs ist das Arbeiten ein gänzlich anderes. Was man davor so unternommen hat um sich ein wenig zu zerstreuen und erfreuen, funktioniert so nicht mehr, und dann weiß man nicht, wie´s weitergeht. Wie lange dauert das noch, und wie geht es danach weiter, und hat man dann überhaupt noch einen Job, oder seine Familie. Der Rückzug ins Private zehrt auch an Beziehungen und Freundschaften. Allerorten wird gezerft und gestritten und kleinlich genöhlt.

Ich versteh´s ja: ein paar Schuldige könnten ein wenig den Prellbock geben und man hätte wen, auf den man seine Wut und seinen Verdruss lenken kann. Und was uns nachts den Schlaf raubt, weil der Überblick fehlt, bekommt wieder Sinn und eine scheinbare innere Ordnung. Und dann ist da ein ganz Großer, Starker, Unüberhörbarer, der weiß, wo es langgeht – das hilft auch gegen das Gefühl der Machtlosigkeit angesichts einem Gang der Dinge, der stärker ist als man selbst.

Ich versteh´s. Aber ich finde diese Machtlosigkeit nicht so schlimm. Es gibt ziemlich viel, das stärker ist als ich. So what. Klar gibt es das. Das hindert mich nicht, trotzdem meinen eigenen Weg zu gehen. Es liegt jeden Tag in meiner Macht, das zu tun, das ich als richtig empfinde. Und in meinem Richtig steckt Gemeinsinn und der Wunsch nach Frieden. Da passt Hetzen nicht dazu. Ich brauche keine Verschwörungsgeschichte, die mir abseits aller wissenschaftlichen Erkenntnisse die Welt erklären will. Ich kann ganz gut damit leben, dass  es mitunter ziemlich banal zugeht  und keiner einen Masterplan hat. Ist doch klasse. So hat die Geschichte ein offenes Ende. Und wir können mit dran schreiben. Ganz ohne Master. Aber es geht nicht um Fantasy oder Science-fiction. Die Geschichte soll kein Horrortrip sein. Wer dran rumfuckt, soll die Finger davon lassen.

Die Verschwörungsgeschichten entziehen sich, indem sie die Wissenschaft als solche angreifen, jeder Beweislast; sie stellen sich keinen Gegenargumenten. Den klassischen Medien werden Lügen unterstellt, aber in den social medias wird ungefragt und von jedem, der ins Schema passt, jeder Mist abgenommen. Jeder, der einigermaßen transparent sein Amt versieht, wird zerpflückt, aber den eigenen Helden guckt man nicht auf die Finger. Begriffe werden verdreht, bis keiner mehr durchblickt. Ein Nutznießer einer Krise wird automatisch Verursacher …. Und allen ist gemein, dass es Menschen sind, die uns bedrohen, nicht Viren, nicht Umwelteinflüsse, nein, Menschen, und gegen die muss es gehen. Was juckt ein Virus.   

Ich weiß nicht. Ich denke, es gehört, wenn man sich differenziert ein Bild gemacht hat, ein großes Maß an Selbstverbiegen dazu, wirklich alles auszublenden, was an diesen Verschwörungsgeschichten stört. Die muss man wirklich aus innerem Antrieb glauben WOLLEN. Und es ist Glauben, nicht Wissen, um das es da geht. Man glaubt, was einem gut tut. Es geht ums eigene Gefühl und das wider bessres Wissen.  So gut kann keine diese Erzählungen sein, dass sie diesen Verrat verdient.

Und dann natürlich die ´Impfgegner´. Allein das Wort ist schräg. Als wäre es schlimm, gegen Impfen zu sein. Und jetzt in einem Atemzug mit ´Rechten´ und ´Reichsbürgern´. Das passt nicht. Impfen gehört zu den Dingen, von denen ich finde, die soll jeder für sich selbst entscheiden dürfen. Für die ´Impfgegner´ habe ich Sympathien, wenngleich ich finde, dass die Diskussion darum zur Unzeit kommt.

Ich bin keine ´Impfgegnerin´. Meine Kinder sind geimpft und ich bin  es auch. Es ist ja nicht so, dass das Impfen keine Verbesserungen mit sich gebracht hätte. Kinderlähmung und Diphterie zB. gibt es praktisch nicht mehr. Aber ich habe sie nicht gegen alles und meist später impfen lassen als Impfplan und Empfehlung das vorsahen, bei der ersten Masernimpfung waren sie beide deutlich älter als ein Jahr.  Ich habe schon Respekt davor, Erreger in ein so kleines Immunsystem einzubringen.

Ich denke mal, die Kinder sollen, wenn ein Impfstoff gegen Corona gefunden ist, sicher nicht die ersten sein, die geimpft werden. Einen Impfzwang würde ich nicht mittragen. Ich weiß nicht, wie so ein Zwang aussehen müsste, dass ich mich beugen würde. Einen kaum erprobten Stoff bei Kindern anwenden, denen die Krankheit wenig anhat? Was macht das für einen Sinn? Wäre es nicht viel sinnvoller, wenn, dann die zu impfen, die gefährdet sind, so wie man das mit der jährlichen Grippeimpfung auch handhabt?  

Was soll´s. Das ist jetzt nicht der Punkt.  Ich verstehe nicht, weshalb man dies Thema gerade jetzt diskutieren und entscheiden muss, weshalb ein Politiker das Wort überhaupt in den Mund nimmt. Kann man noch ärger Öl ins Feuer gießen? In den Forderungen nach einer Impfpflicht steckt ein bisschen die Kehrseite unseres neurotischen Verhältnisses zu Macht und Auseinandersetzungen: die Wählenden verweigern die Gefolgschaft, die Gewählten holen sofort den Knüppel raus. Könnte man es nicht mal mit mehr Respekt versuchen? Hin wie her? Ich halte den Zeitpunkt dieser Diskussion für äußerst ungeschickt. Zumal es noch gar keinen Impfstoff gibt. Und WENN es ihn gibt, in einem oder mehr Jahren, dann sieht die Welt ganz anders aus, und es gibt bestimmt auch erst einmal viele viele Freiwillige, die sich gerne impfen lassen. Und welche, die einer entsprechenden Empfehlung folgen. Kann doch ganz gut sein, es braucht überhaupt keinen Zwang und keine Pflicht. Es müssen ja auch nicht ausnahmslos alle geimpft sein.

Es ist mir klar,  dass ein Vertreter des Impfwesens dafür ist, flächendeckend alle zu impfen. 100 % und fertig und aus. Und das werfe ich ihm auch nicht vor. Ich werfe einem Fußballer auch nicht vor, dass er einen Ball sieht und ´kicken´ denkt. Das steckt so drin. Und ein Virologe ist vermutlich dafür, das Virus auszuhungern, damit es sich nicht verbreitet und vermehrt und im Vermehren sich verändert und vielleicht noch aggressiver wird. Ein Virologe kann sich einen längeren Shutdown vorstellen als ein Politiker und Selbständiger und als ein Kind und als eine Mutter. Auch logisch. Aber sowohl der Politiker, als auch der Selbständige, das Kind, die Mutter, der Impfstoffhersteller, der Virologe – alle müssen damit leben, dass ihre Wünsche und Wege nicht eins zu eins umgesetzt werden. Wenn Kompromisse und Mischwege verunglimpft werden sollen, heißt das oft ´verwässern´. Weil es anscheinend von Übel ist, mehrere Ideen und Ansätze zusammenzubringen. Nun, das ist Aufgabe der Verantwortlichen, das so zu tun, dass es trotzdem passt. Es geht gar nicht anders, glaube ich.  Das ist wie beim Elternsein, der Vater will auf die eine, die Mutter auf die andre Weise, und beide denken, sie haben Recht und wenn man nachgibt, nimmt das Kind Schaden – das geht auch in die Hose. Dann nimmt´s genau daran Schaden. Auch beim Elternsein mischen sich unterschiedliche Ansätze und Vorstellungen, zwangsläufig, ob man will oder nicht. Dies Virus ist in der Welt und die bewegt sich. Es gibt halt nicht den einen, den Königsweg. Und welchen Ansatz man verfolgt, ich finde, auch das darf diskutiert werden. Aber doch nicht unter der Überschrift ´Impfpflicht´.

Geduld! Nicht meine Stärke. Ganz und gar nicht. Aber ich denke, wir sollten der Entwicklung mehr Zeit lassen, nicht sofort und alles verlangen, und alles soll so sein wie zuvor. Egal, was man von dem Virus denkt und hält – er ist da und hat einen globalen Ausnahmezustand mit sich gebracht. Der ist jetzt auch da. Und darf uns zu denken geben. Debattieren wir über Lockerungen und Öffnungen, über neue Regeln und Strukturen, über das Wie und Wohin, es geht nicht zurück zu ´davor´. Aber sabotieren wir uns nicht gegenseitig und lassen uns gegeneinander ausspielen.  

Ich glaube nicht, dass es – wer jetzt nicht aus Freude am Aufmischen dabei ist – grad ein gutes Gefühl gibt in Massen und Gedrängen zu demonstrieren. Ich glaube, man spürt, dass das mehr Krawall ist und am Kern der Sache vorbeigeht, und dies Gefühl trügt nicht. Es ist nicht die Zeit dafür.

Info: Beate Kalmbach bloggt unter https://beatekalmbach.home.blog/

 

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