Leserbrief: „Sitzbeschwerden“

Ein Leserbrief zu den möglichen künftigen Rottweiler Sitzmöbeln, zu den drei Prototypen der Studierenden-Teams der staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Jenen Prototypen, die mittlerweile abgebaut werden mussten, weil sie noch nicht alltagstauglich sind. Der Leserbriefschreiber fragt, ob wir in Rottweil einem „Spielplatz für Sitzmöbel“ die Bühne bieten wollen. Er glaubt, dass das Designkonzept nicht stimmt. Und manches mehr im Argen liegt.

Die Palettenmöbel. Foto: gg

„Es sieht so aus, als müssten wir uns bald verabschieden von den Palettensofas, die drei Jahre lang ihre Dienste getan haben. Müssen deshalb, weil hier wohl ein Prozess in Gang gekommen ist, der unwiderruflich zum Ziel hat, dass eines der drei favorisierten Entwurfsmodelle bald, dank einer mir unerklärlichen Juryentscheidung und einer vielleicht beeinflussenden Bewertung der Rottweiler Bürger, zum Einsatz kommt.

Nun sind Palettensofas auch nicht gerade ein ästhetisches Highlight, wirken plump und improvisiert, aber sie laden ein, es sich bequem zu machen. Und dieser Funktion werden sie auch gerecht. Und wenn mindestens zwei von ihnen zusammengestellt sind, dann entsteht ein Gefühl von Wohnlichkeit im Außenbereich einer Stadt, was wiederum wie ein Gegensatz wirkt: Ein angedeuteter wohnlicher Raum, wo gar keiner ist, mitten in der Stadt. Ja wunderbar! Ständig konnte ich beobachten, wie sich Gruppen aller Altersklassen tagsüber und abends gemütlich und kommunikativ auf diesen Möbeln aufgehalten haben. Ein sehr schönes Bild. Zweck mehr als erfüllt!

Mit den neuen Entwürfen sind diese Möglichkeinen mit Sicherheit Geschichte. Keiner der Entwürfe kann auch nur ansatzweise eine wohnliche, gemütliche, kommunikative Situation herstellen. Da drängt sich natürlich die Frage auf, ob das vielleicht auch gar nicht gewollt ist.

Wenn dem so ist, dann lässt sich natürlich das allseits unbequeme Sitzen begründen. (Das wird meiner Meinung nach sowieso nur deshalb festgestellt, weil bis dato das Sitzen auf den Palettensofas so bequem war). Was für mich aber unbegründet bleibt, ist die Tatsache, dass diese Entwürfe – jeder für sich – von hoher Designqualität zeugen, aber wie Fremdkörper zum Selbstzweck des Designs in einer historischen Stadt platziert sind. Stadtmobiliar in Rottweil braucht entweder Korrespondenz zu seinem Umfeld oder formale Zurückhaltung. Es braucht keine retro-modernen, bunten Sitzobjekte, die aussehen, als wären sie ursprünglich einer Möblierung eines Kinderspielplatzes entnommen worden. Mit Ausnahme der bayrisch anmutenden Holzbank, dem vermutlich kleinsten Übel.

Hat die Stadt so wenig zu bieten, dass wir nun auch noch selbstinszeniertes Stadtmobiliar brauchen?

Wollen wir einem ‚Spielplatz für Sitzmöbel‘ eine Bühne geben?

Wollen wir das Konzept verlassen, gemütliche, wohnliche Stadtmöbel zu haben? Dieses Konzept hat im Übrigen ein Alleinstellungsmerkmal, und es ließe sich problemlos mit anderen Sitzgelegenheiten kombinieren, die ein aufrechteres Sitzen ermöglichen.

Hier stimmt meiner Meinung nach das Designkonzept nicht.

Vermutlich haben die Verantwortlichen aber hier einfach ohne klare Vorstellungen Entwürfe für Satdtmobiliar erstellen lassen. ‚Schlecht gebrieft‘, heißt das im unserer Branche. Damit sind wir vermutlich beim Kern des Problems angelangt: Ohne inhaltlichen Konsens darüber, was man von einem Designer entwickeln lassen will, kann das zur Folge haben, dass auf der Seite der Ergebnisse nichts dabei ist, was richtig passt. Da haben dann die Experten der Auftraggeber keinen guten Job gemacht und die Jury wählt dann unter suboptimalen Ergebnissen das kleinste Übel aus.

Jeder Designer und jeder Experte weiß, dass Design nicht demokratisch ist. Wenn jetzt jedermann Schulnoten vergeben darf und somit anscheinend mitscheiden kann, ist das lediglich als vorbeugende Maßnahme zur Akzeptanz der Entscheidung zu bewerten. Besser wird es dadurch nicht.

Wenn es nicht doch noch zu einer Ablehnung durch den Gemeinderat und die Bürgersleute kommt, dann sollte man sich mal mit der eigentlichen Identität der Stadt beschäftigen und auf dieser Grundlage die Designer beauftragen. Vielleicht ließe sich ja dabei der Wunsch äußern, dass man gerne an ein bewährtes Konzept anknüpfen würde, das bequem, kommunikativ und eigenständig war.“

Jürgen Reiter, Rottweil

 

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