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Rottweil
Donnerstag, 14. November 2019

Leserbrief: „Sitzbeschwerden“

Ein Leser­brief zu den mög­li­chen künf­ti­gen Rott­wei­ler Sitz­mö­beln, zu den drei Pro­to­ty­pen der Stu­­die­­ren­­den-Teams der staat­li­chen Aka­de­mie der Bil­den­den Küns­te Stutt­gart. Jenen Pro­to­ty­pen, die mitt­ler­wei­le abge­baut wer­den muss­ten, weil sie noch nicht all­tags­taug­lich sind. Der Leser­brief­schrei­ber fragt, ob wir in Rott­weil einem „Spiel­platz für Sitz­mö­bel“ die Büh­ne bie­ten wol­len. Er glaubt, dass das Design­kon­zept nicht stimmt. Und man­ches mehr im Argen liegt.

Die Palet­ten­mö­bel. Foto: gg

„Es sieht so aus, als müss­ten wir uns bald ver­ab­schie­den von den Palet­ten­so­fas, die drei Jah­re lang ihre Diens­te getan haben. Müs­sen des­halb, weil hier wohl ein Pro­zess in Gang gekom­men ist, der unwi­der­ruf­lich zum Ziel hat, dass eines der drei favo­ri­sier­ten Ent­wurfs­mo­del­le bald, dank einer mir uner­klär­li­chen Jury­ent­schei­dung und einer viel­leicht beein­flus­sen­den Bewer­tung der Rott­wei­ler Bür­ger, zum Ein­satz kommt.

Nun sind Palet­ten­so­fas auch nicht gera­de ein ästhe­ti­sches High­light, wir­ken plump und impro­vi­siert, aber sie laden ein, es sich bequem zu machen. Und die­ser Funk­ti­on wer­den sie auch gerecht. Und wenn min­des­tens zwei von ihnen zusam­men­ge­stellt sind, dann ent­steht ein Gefühl von Wohn­lich­keit im Außen­be­reich einer Stadt, was wie­der­um wie ein Gegen­satz wirkt: Ein ange­deu­te­ter wohn­li­cher Raum, wo gar kei­ner ist, mit­ten in der Stadt. Ja wun­der­bar! Stän­dig konn­te ich beob­ach­ten, wie sich Grup­pen aller Alters­klas­sen tags­über und abends gemüt­lich und kom­mu­ni­ka­tiv auf die­sen Möbeln auf­ge­hal­ten haben. Ein sehr schö­nes Bild. Zweck mehr als erfüllt!

Mit den neu­en Ent­wür­fen sind die­se Mög­lichkei­nen mit Sicher­heit Geschich­te. Kei­ner der Ent­wür­fe kann auch nur ansatz­wei­se eine wohn­li­che, gemüt­li­che, kom­mu­ni­ka­ti­ve Situa­ti­on her­stel­len. Da drängt sich natür­lich die Fra­ge auf, ob das viel­leicht auch gar nicht gewollt ist.

Wenn dem so ist, dann lässt sich natür­lich das all­seits unbe­que­me Sit­zen begrün­den. (Das wird mei­ner Mei­nung nach sowie­so nur des­halb fest­ge­stellt, weil bis dato das Sit­zen auf den Palet­ten­so­fas so bequem war). Was für mich aber unbe­grün­det bleibt, ist die Tat­sa­che, dass die­se Ent­wür­fe – jeder für sich – von hoher Desi­gn­qua­li­tät zeu­gen, aber wie Fremd­kör­per zum Selbst­zweck des Designs in einer his­to­ri­schen Stadt plat­ziert sind. Stadt­mo­bi­li­ar in Rott­weil braucht ent­we­der Kor­re­spon­denz zu sei­nem Umfeld oder for­ma­le Zurück­hal­tung. Es braucht kei­ne retro-moder­­nen, bun­ten Sitz­ob­jek­te, die aus­se­hen, als wären sie ursprüng­lich einer Möblie­rung eines Kin­der­spiel­plat­zes ent­nom­men wor­den. Mit Aus­nah­me der bay­risch anmu­ten­den Holz­bank, dem ver­mut­lich kleins­ten Übel.

Hat die Stadt so wenig zu bie­ten, dass wir nun auch noch selbst­in­sze­nier­tes Stadt­mo­bi­li­ar brau­chen?

Wol­len wir einem ‚Spiel­platz für Sitz­mö­bel‘ eine Büh­ne geben?

Wol­len wir das Kon­zept ver­las­sen, gemüt­li­che, wohn­li­che Stadt­mö­bel zu haben? Die­ses Kon­zept hat im Übri­gen ein Allein­stel­lungs­merk­mal, und es lie­ße sich pro­blem­los mit ande­ren Sitz­ge­le­gen­hei­ten kom­bi­nie­ren, die ein auf­rech­te­res Sit­zen ermög­li­chen.

Hier stimmt mei­ner Mei­nung nach das Design­kon­zept nicht.

Ver­mut­lich haben die Ver­ant­wort­li­chen aber hier ein­fach ohne kla­re Vor­stel­lun­gen Ent­wür­fe für Sat­dt­mo­bi­li­ar erstel­len las­sen. ‚Schlecht gebrieft‘, heißt das im unse­rer Bran­che. Damit sind wir ver­mut­lich beim Kern des Pro­blems ange­langt: Ohne inhalt­li­chen Kon­sens dar­über, was man von einem Desi­gner ent­wi­ckeln las­sen will, kann das zur Fol­ge haben, dass auf der Sei­te der Ergeb­nis­se nichts dabei ist, was rich­tig passt. Da haben dann die Exper­ten der Auf­trag­ge­ber kei­nen guten Job gemacht und die Jury wählt dann unter sub­op­ti­ma­len Ergeb­nis­sen das kleins­te Übel aus.

Jeder Desi­gner und jeder Exper­te weiß, dass Design nicht demo­kra­tisch ist. Wenn jetzt jeder­mann Schul­no­ten ver­ge­ben darf und somit anschei­nend mit­schei­den kann, ist das ledig­lich als vor­beu­gen­de Maß­nah­me zur Akzep­tanz der Ent­schei­dung zu bewer­ten. Bes­ser wird es dadurch nicht.

Wenn es nicht doch noch zu einer Ableh­nung durch den Gemein­de­rat und die Bür­gers­leu­te kommt, dann soll­te man sich mal mit der eigent­li­chen Iden­ti­tät der Stadt beschäf­ti­gen und auf die­ser Grund­la­ge die Desi­gner beauf­tra­gen. Viel­leicht lie­ße sich ja dabei der Wunsch äußern, dass man ger­ne an ein bewähr­tes Kon­zept anknüp­fen wür­de, das bequem, kom­mu­ni­ka­tiv und eigen­stän­dig war.“

Jür­gen Rei­ter, Rott­weil