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    Was, wenn wir nie mehr live spielen werden? Gedanken eines Cover-Sängers in Corona-Zeiten

    Montag, 22. Juni – es ist die „Night of Light“. Die Nacht, in der Deutschland zeigt, dass es eine starke Kunst- und Kulturszene und Veranstaltungsbranche hat. Flächendeckend – die eigens für diese Nacht rot angestrahlten Gebäude leuchten nicht nur in Städten, sie findet man fast schon in jedem Dorf. Ich, nebenher ein kleiner Cover-Sänger einer Funk- und Soulband vom Land, stehe in Rottweil vor der Stadthalle, rede mit Leuten und denke über die Frage nach: „Was, wenn wir nie mehr live spielen werden?“

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    Kaum gibst Du Dich mit Deinem Anliegen, mit Deiner individuellen Not zu erkennen, bekommst Du auf den Sack. Ein Ex-BILD-Mann erzählt auf Facebook – vielleicht, weil er gerade zu viel oder zu wenig Schnaps intus hat -, dass wir „Künstler“ allerhöchstens Künstler-Darsteller seien. Am lautesten jammern, würden wir, „Auftrittsverbot“ motzen. In unserem „grenzenlosen Egoismus“ und unserer „Gier nach besoffenem Applaus“ würden wir vergessen, „dass es sich nach wie vor um eine Pandemie handelt und ihr mit euren Auftritten die Hauptgefährder seid.“ Seine Sicht auf die „Night of Light“.

    Ich finde, dass ein Rauhaardackel mehr Empathie hat als dieser auf den Applaus neidische Künstlerhasser.

    Selben Tags erfahre ich, dass sich im Unternehmen eines Herrn Tönnies hunderte Menschen am Corona-Virus infiziert haben. Betrifft es mich, ist die folgerichtige Frage eines egoistischen Künstler-Darstellers – nein, ich esse kaum Fleisch und meines Wissens keines von diesem Ostwestfalen. Und ja, dank des Corona-Ausbruchs bei Tönnies ist das Land noch ein klein wenig ängstlicher geworden.

    Es ist Montagnacht, ich stehe an der Stadthalle Rottweil. Reiner Aulich von „Power4Events“ hat gerade im Auftrag der Stadtverwaltung die Fassade des noch jungen Gebäudes illuminiert. Die Betonwände erstrahlen Rot. Die Farbe dieser Nacht.

    Aulich ist allein. Hatte ich nicht erwartet, eher, dass ein paar Leute von seinem Team dabei sind, dass man in der Gruppe ein bisschen plauschen kann, dürfen wir ja jetzt. Ich kenne ihn von vielen kleinen und größeren Live-Events, der Mann stellt mit seinem Team feine Technik, bestückt den „Ferienzauber“ unterm Wasserturm und immer alle vier Stadtfestbühnen. Top Sound, allenthalben, das sei hier mal erwähnt. Dieses Jahr allerdings wird es keinen Ferienzauber geben.

    Dieses Jahr hätte „The Soulmachine„, meine Band, dort wieder gespielt. In einem brechend vollen Zelt mit einem unglaublich enthusiastischen Publikum in wundervoller Biergartenatmosphäre, nehme ich an. Vergangenes Jahr durften wir noch beim Stadtfest auftreten, Prime-Time, die große Bühne. Unvergessliche Erlebnisse und immer extra aufregend in der Heimatstadt. Aber ich schweife ab.

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    Aulich erzählt, wie er seinen Laden, ein Unternehmen für Veranstaltungstechnik, derzeit über Wasser hält. Er und seine Leute hätten mal das ganze Lager durchforstet, hätten alle Kabel, Stecker und Geräte, die sie seit einem Jahr und mehr nicht mehr gebraucht hätten, aussortiert. Und dann bei Ebay vertickt. „Das hat uns die Einnahmen von zwei Monaten beschert“, rechnet Aulich vor.

    Ich kannte ihn schon als einen findigen Kerl. Aber so? Respekt. Wie schrieb schon dieser Künstlerhasser? „Ich verneige mich vor echten Künstlern, die Spargelstechen gegangen sind oder kostenlos vor Altersheimen singen. Die neue Wege probieren, innovativ sind, Masken nähen oder regelmäßig ihre Fans online bespaßen!“

    Ich wiederum verneige mich vor Reiner Aulich. Er hat einen Weg gefunden, die Krise bis hier und heute zu überleben. Wobei: Auch er hat Kurzarbeit angemeldet, auch ihm sind die Aufträge weggebrochen – er kann gerade noch die in die Stadthalle verlegten Sitzungen von Gemeinderat und Kreistag technisch bestücken und betreuen, was auch Geld bringe, erzählt er. „Sehr lange darf das nicht mehr gehen“, sagt er auch.

    Die Stadthalle Rottweil in der „Night of Light“, beleiuchtet von Veranstaltungstechniker Reiner Aulich (rechts). Hier spricht er mit dem Landtagsabgeordneten Daniel Karrais. Foto: Thomas Decker, Team Ralf Graner Photodesign

    Die Fans online bespaßen – das machen ein paar Freunde aus der Szene tatsächlich. Sebastian „Seppi“ Schnitzer, beispielsweise, der Kollege aus Donaueschingen. Er tut sich seit Wochen schon mit guten Leuten zusammen und veranstaltet tolle Wohnzimmerkonzerte, die online übertragen werden. Für lau, übrigens, das sei dem Künstlerhasser ins Stammbuch geschrieben.

    Die Band „Papi’s Pumpels(die, darf man das hier so schreiben, man kennt sich und ich mag sie ja wirklich sehr, aber egal, also: die mit dem Deppenapostroph im Namen) hat ebenfalls einen Weg gesucht. „Autokult“ in Rottenburg, unter dem Motto „Hurra, wir spielen wieder.“ Sie haben sich auf eine Festivalbühne gestellt und so getan als ob. Ihr Publikum: blinkende und hupende Blechkarossen. Konzerte im Corona-Deutschland des Jahres 2020: Wir spielen für die Autoindustrie und machen uns zum Affen. Nichts für mich.

    Das seien doch keine richtigen Konzerte, meint auch Tobias Eichinger. Ich stehe mit ihm inzwischen vor dem rot erleuchteten Kraftwerk in Rottweil. Deutschlands bester Event-Location. Es ist zwischen Null und ein Uhr, Eichinger und sein Team von der Trendfactory zeigen, was sie technisch drauf haben. Etwa, dass sie mit ihrem Beamer auch den einige hundert Meter auf dem Hügel über ihnen aufragenden und an diesem Abend ebenfalls rot erleuchteten Aufzugstestturm anstrahlen können mit der Webadresse dieses Tages: www.night-of-light.de

    Ein Fabrikgebäude anstrahlen, den Testturm dazu: Es kribbelt in Eichinger. Das ist quasi alles, was er zurzeit tun kann. Dabei will er Partys beschallen, Live-Konzerte, glückliche, tanzende, feiernde Menschen sehen. Stattdessen unterhält er sich mit mir über die Corona-Zeit. Dass es im Kraftwerk keine einzige Schmuddelecke mehr gebe, dass sie alles aufgeräumt und ausgemistet hätten. Er spricht über die möglichen Corona-Folgen, über die Krawalle in Stuttgart und die Abkühlzeit dieses Beamers. Sie ist lang.

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    Mir wird – im Gespräch mit jemandem, der so tickt wie ich – klar, dass es vielleicht geschehen könnte: dass „The Soulmachine“ nie mehr ein Konzert geben könnte. Einfach deshalb, weil eine zehnköpfige Band ein entsprechend großes Publikum, eine große Location braucht und weil wir im Trio oder Quartett nicht funktionieren.

    Eichinger erzählt, es gebe da jetzt Veranstalter, die Plastikwände aufstellten, in Würfelform. Da dürften zwei, drei, vier Menschen rein, dort drinnen tanzen, während vorne die Post abgeht. Dann mimt der groß gewachsene Veranstaltungstechniker einen headbangenden Zuschauer direkt am Bühnengitter, ganz vorne. So muss Party. Ein Konzert in Kuben feiern? Unvorstellbar.

    Wann wird das wieder gut? Es könnte wenigstens bis Ende 2021 dauern, bis ein Impfstoff da ist. Und dann wisse keiner, ob es zu Verteilungskämpfen komme, weltweit. Das sagt Daniel Karrais. Es ist zu diesem Zeitpunkt gegen 22.30 Uhr. Der Landtagsabgeordnete der FDP hat auf der Heimfahrt von Stuttgart an der Stadthalle vorbeigeschaut. Er, Aulich und ich unterhalten uns über Gott und die Welt. Was willst Du auch machen an so einem Corona-Montagabend?

    Aber es scheint allen gutzutun, einfach ein bisschen zu quatschen. Es kommt auch noch Tobias Hermann, Medienreferent der Stadt Rottweil, auf dem Fahrrad hinzu. Alle außer Aulich fahren sie später ins Neckartal, um das beleuchtete Kraftwerk zu bestaunen, ein wenig Teil einer großen Aktion zu sein, Menschen zu treffen. Die meisten von ihnen sind Fotografen. Man kennt sich. Aulich bleibt, er muss abbauen.

    Früher am Abend. Ich erzähle Karrais, wie sich The Soulmachine so über Wasser hält. Nicht finanziell, darum geht’s uns nicht, nur unser Keyboarder lebt von der Musik (derzeit eher nicht so in Saus und Braus). Sondern mental, als Künstlerdarsteller und Cover-Musiker. Dass wir neue Stücke proben – für was und wann auch immer. Dass wir gerade ein bisschen im Studio unseres Lieblings-Technikers Marc Schwörer arbeiten. Dass wir uns nach dem Live-Gefühl sehnen.

    Ich kann es manchmal in den Proben, mit zwei Bierchen und geschlossenen Augen herstellen, dieses Gefühl. Wenn wir kurz einen alten Titel rocken, dann kommen die Bilder: die Burgfestbühne auf dem Hohentwiel, die wunderbare Gems und das Stadtfest in Singen, der Kulturbesen in Schramberg, die Late-Night-Party im Kapuziner-Sonnensaal und die Markthalle in Rottweil, das Twist in Donaueschingen und die Neckarhalle in Schwenningen. Scheinwerfer, manchmal Regen, Enge und Hitze, Sound, Sound, Sound und lachende, tanzende Leute.

    Weil das alles fehlt, haben wir auch eines dieser Corona-Kachel-Videos aufgenommen:

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    Um es klar dem Künstlerhasser und all denen zu sagen, die ihn für seine Meinung feiern: Ich kann damit leben, nicht mehr live zu spielen. Und ich gehe – es ist meine Art, vom schlechtesten Fall aus zu denken – derzeit davon aus, dass wir keine große Venue mehr erleben werden. Dass die ganze Branche zusammenbricht.

    Kumpel Eichinger hat das so klar ausgedrückt: Welcher Veranstalter will schon, dass sich sein Event später als ein Superspreader herausstellt? Dass hunderte Leute nach so einem Konzert dann sagen: Da habe ich mich angesteckt. Das überlebe kein Veranstalter. Dann schon eher den Corona-Lockdown. Mit der Aussicht, sich inhaltlich, mit seinem Angebot, irgendwie zu verlagern. Die Trendfactory setzt etwa auf ihre Expertise in Digital-Events.

    Ich denke aber auch: Es braucht die Kunst. Richtig, in der Kunst zeigt sich der Entwicklungsstand einer Gesellschaft, wie Journalisten-Kollege Frank Chudoba vor dem Kraftwerk anmerkt, an dem Eichinger und sein Team gerade die Strahler abbauen, es ist inzwischen ein Uhr. Man darf das aber ruhig tiefer hängen: Kunst ist zugleich auch Unterhaltung. Events und Veranstaltungen sind Zeitvertreib. Was passiert, wenn wochenlang Bevormundung statt Ablenkung herrschen, konnte man meiner Ansicht nach am Samstag in Stuttgart erleben.

    Andererseits: „Weiter so“ wird nicht gehen. Das sehen wir an Tönnies & Co. Das sehen wir in Ländern, in denen die Verantwortlichen zu lax mit dem Virus umgegangen sind.

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    Meine Kleinste hatte mich das vor ein paar Wochen gefragt. „Papa?“, fragte sie, „wird es wieder so wie vorher?“ Ich war mir damals im Unklaren. Das Kind braucht Stabilität, einerseits. Und es braucht Ehrlichkeit, andererseits. Ich sagte ihr damals, dass ich denke, dass vieles wieder so wird wie früher und sie sich keine Sorgen zu machen brauche. So, wie sie sich natürlich weiter sorgte, so glaube auch ich: Dieses Jahr ist ein Einschnitt. Wir werden die Zeit in Davor und Danach einteilen. Nein, nichts wird mehr wie früher sein und vielleicht wird es nicht mehr möglich sein, Konzerte zu geben, bei denen die Menschen ausgelassen feiern können und keiner an Abstand denkt.

    Aber vielleicht gehe ich ja, wie es meine Art ist, nur vom worst case aus. Vielleicht tritt der gar nicht ein. Ich hoffe es jedenfalls.

    PS: Es ist Dienstag, ich höre, dass unser Lieblings-Techniker Marc Schwörer schon wieder einen Job hat. Ein Konzert in der Schweiz. Und ich schaue mir Bilder und Videos von der vergangenen Nacht an. Da waren richtig viele Leute aktiv, beispielhaft möchte ich Thomas Obeth und Thomas Heinemann nennen. Und am Kulturbesen, beim lieben Harald Burger, brannte auch rotes Licht. Toll.

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    2 Kommentare

    1. „Wenn wir kurz einen alten Titel rocken, dann kommen die Bilder: die Burgfestbühne auf dem Hohentwiel, die wunderbare Gems und das Stadtfest in Singen…“ – Danke, Peter Arnegger…. ich wünsche mir sehr, dass ihr wieder in Singen spielen werdet… im Regen tanzende Menschen vor eurer Bühne…. ich war dabei… !!!!!

    2. Super Artikel, gut geschrieben. Ich hoffe, dass es mit der Künstlerszene bald wieder aufwärts geht.

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