Warum Biden? „He ist not Trump“

Warum Biden? „He ist not Trump“

Der Vorsitzende der Kolpingfamilie Lauterbach, Hubert Nagel, hatte bei der Begrüßung der knapp 100 Gäste im großen Saal des Gemeindehauses mit seiner Hoffnung auf einen „interessanten, informativen Abend“ nicht zu viel versprochen, so die Kolpingfamilie in einem Pressebericht, den wir im Wortlaut wieder geben:

Im Gegenteil: alle, die dabei waren, erlebten beim Vortrag von Dr. Christoph Haas  einen umfassenden Blick  in das Wahl- und Regierungssystem der USA, wie dies in der Kompaktheit und Übersichtlichkeit nicht besser sein könnte. Eingebunden in die aktuellen, so brisanten Bezüge wenige Tage vor den Präsidentschaftswahlen. In diesen Wochen und Monaten der Unsicherheit und Ungewissheit.

Der aus Lauterbach stammende Akademische Rat am Lehrstuhl für Vergleichende Regierungslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg verstand es glänzend, mit seinen wissenschaftlich fundierten und gleichzeitig verständlichen Ausführungen, seine Zuhörer mitzunehmen in die in vielen Bereichen ganz andere politische und gesellschaftliche Kultur: aus der amerikanischen Binnensicht mit ihrer Geschichte.  Gegründet auf der über 200-jährigen amerikanischen Verfassung des damaligen Agrarstaates hat sich ein föderales, auch komplexes Wahlsystem entwickelt, das aus heutiger und europäischer Sicht anachronistisch anmutet, aber fest etabliert und wohl auf lange Sicht hin nicht veränderbar ist.

Auf diesem Hintergrund sind die Berichte über Auseinandersetzungen hinsichtlich des Briefwahlverfahrens und auch den Drohungen, das Wahlergebnis eventuell nicht anzuerkennen, sehr viel besser zu verstehen und nachzuvollziehen als ohne die Kenntnis über die Komplexität des dortigen Systems.

Gerade weil der promovierte Politikwissenschaftler („summa cum laude“) auf das häufig zu erlebende oberflächliche  „Trump-bashing“  verzichtete, sondern sich sachlich und faktenorientiert mit dem amtierenden Präsidenten, seiner Politik und seinen Widersprüchen auseinandersetzte und hier die divergierende Zustand der Gesellschaft besonders deutlich wird,  wirkte seine Besorgnis um die Zukunft der Weltmacht USA umso kräftiger.

Anschaulicher Vortrag

Angedeutet schon mal mit seiner Bemerkung über das zu Gründerzeiten eingeführte  indirekte Wahlsystem mit dem Electoral College, dem Wahlkollegium,  um einen Demagogen zu verhindern, „das hat ja super funktioniert“. Mit dem Blick auf die vergangenen vier Jahre und der Ungewissheit über den Ausgang der Wahl vom 3. November. Was passiert bei einem möglichen knappen Wahlergebnis? Bei einer sowieso schon polarisierten, auseinander driftenden, erodierenden Gesellschaft! Wenn er auf einen „einsetzenden Heilungsprozess“ hofft, dann drückt Dr. Haas alleine mit dem Begriff aus, in welchem Zustand er die Vereinigten Staaten sieht. Dennoch stellt er auf die entsprechende Frage hin klar: „Die USA ist natürlich eine Demokratie, die älteste Demokratie der Welt.“ Und nicht zu vergleichen mit anderen, autoritären Staaten und deren Führer. Doch nochmals solche vier Jahre?

Mit herzlichen Worten, mit einem Briefumschlag und einem herbstlichen Blumengesteck bedankte sich Hubert Nagel bei Dr. Christoph Haas für seinen so faszinierenden Vortrag: „Man hätte eine Stecknadel fallen gehört.“ So gebannt folgten die Teilnehmer dieser Veranstaltung den Worten des  gebürtigen Lauterbachers, der vor 30 Jahren in seiner Heimatgemeinde bei der Kolpingfamilie den Fachbereich „Gesellschaft und Politik“ geleitet hatte. Und der das politische Denken in den USA genau so sehr verinnerlicht  hat wie er es anschaulich ausgebreitet und erklärt hat. Erkenntnisgewinne vom Feinsten. Auch dass bekennende Wähler von Joe Biden an erster Stelle, und zwar mit weitem Abstand, dies so begründen: „He is not Trump!“

Zwei Sternstunden im Gemeindehaus in Lauterbach!

 

 

 

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Quelle: NRWZ.de – veröffentlicht am 19. Oktober 2020 von Gastbeitrag. Erschienen unter https://www.nrwz.de/in-kuerze/kurzberichtetkreis/warum-biden-he-ist-not-trump/287201