Unser Foto zeigt von links Schrambergs SPD-Vorsitzenden Mirko Witkowski, Diplom-Politologe Efe Ural und den SPD-Kreisvorsitzenden Torsten Stumpf. Foto: Guido Neudeck

SCHRAMBERG (pm) – Der SPD-Kreis­ver­band Rott­weil und der SPD-Orts­ver­ein Schram­berg dis­ku­tier­ten bei einem The­men­abend über die Bezie­hung von Deutsch­land und der Tür­kei nach dem Refe­ren­dum zur Ände­rung der Ver­fas­sung in der Tür­kei. Das Impuls­re­fe­rat wur­de vom Diplom-Poli­to­lo­gen Efe Ural gehal­ten. Hier­über berich­tet die SPD in einer Pres­se­mit­tei­lung.

Mir­ko Wit­kow­ski, Vor­sit­zen­der der Schram­berg SPD, freu­te sich vie­le Gäs­te begrü­ßen zu dür­fen und skiz­zier­te kurz den Anlass des Abends: „Wir leben Tür an Tür mit unse­ren tür­kei­stäm­mi­gen Nach­barn, machen Urlaub in der Tür­kei und vie­le von uns haben Freu­de, deren Hei­mat­land die Tür­kei ist. Doch dann das Ergeb­nis des Ver­fas­sungs­re­fe­ren­dums und die dar­an anschlie­ßen­den bren­nen­den Fra­gen: Ken­nen wir uns wirk­lich? Wie nah oder fern sind wir uns? Wie pas­sen unse­re Kul­tu­ren zusam­men? Wie kön­nen wir den gemein­sa­men Weg wei­ter­ge­hen? Die­se Fra­gen wol­len wir heu­te dis­ku­tie­ren.“

Efe Ural ist 1987 in Schram­berg gebo­ren und auch dort auf­ge­wach­sen. Heu­te lebt er in Stutt­gart-Deger­loch. Er absol­vier­te das Stu­di­um der Poli­tik­wis­sen­schaft an der Uni­ver­si­tät Bam­berg. Aktu­ell arbei­tet er haupt­amt­lich bei der Tür­ki­schen Gemein­de in Baden-Würrtem­berg. Er lei­tet bun­des­mi­nis­te­ri­al geför­der­te Pro­jek­te. SPD-Mit­glied ist er seit 2005.

In einem kur­zen Impuls­re­fe­rat gab Efe Ural einen Über­blick über das The­ma.
Nach dem von Erdo­gan ange­setz­ten Refe­ren­dum sei der Prä­si­dent der Tür­kei auch Regie­rungs­chef, er dür­fe nun Minis­ter ernen­nen und habe Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz hin­zu­ge­won­nen. Gegen das Par­la­ment habe er nun ein Veto-Recht. Das Prin­zip des Miss­trau­ens­vo­tums wür­de abge­schafft. Das Par­la­ment habe nur noch die Mög­lich­keit ihre Anfra­gen an den Vize­prä­si­den­ten oder an Minis­ter ein­zu­rei­chen, wel­che wie­der­um direkt vom Prä­si­den­ten ernannt wer­den.

Efe Ural fasst die Situa­ti­on wei­ter zusam­men und erklär­te, dass in der Tür­kei die Rech­te von Kri­ti­kern ein­ge­schränkt wür­den. Die AKP habe sich lei­der von einer isla­misch-kon­ser­va­ti­ven Par­tei zu einer isla­misch-natio­na­lis­ti­schen Par­tei ent­wi­ckelt. Die Tür­kei ins­ge­samt ent­wi­ckelt sich immer wei­ter in ein auto­kra­ti­sches Sys­tem. Wirt­schaft­lich und poli­tisch ist die Gesell­schaft gespal­ten. Der EU-Bei­tritt ste­he lei­der kurz vor dem Ende.

Unver­ständ­lich für vie­le Teil­neh­mer der Ver­an­stal­tung war vor allem, war­um so vie­le der in Deutsch­land leben­den Tür­ken für die Ver­fas­sungs­re­form gestimmt hat­ten. Es kön­ne ja nicht, sein, dass man hier in Deutsch­land die Seg­nun­gen der Demo­kra­tie genießt, die­se aber den Men­schen in der Tür­kei nicht gönnt.
Efe Ural ver­such­te das zu erklä­ren. Erdo­gan habe die Opfer­rol­le, in der sich vie­le Deutsch­tür­ken sehen, gut bedient. Er habe sich als der­je­ni­ge ver­kauft, der die Men­schen ver­steht und der hel­fen kann. Erdo­gan habe einen popu­lis­ti­schen Wahl­kampf betrie­ben, er habe sich als star­ker Mann prä­sen­tiert und auf die durch­aus erfolg­rei­che infra­struk­tu­rel­le Ent­wick­lung in der Tür­kei ver­wie­sen. Das gepaart mit einem all­ge­mei­nen Ver­trau­ens­ver­lust in die Poli­tik habe dazu geführt, dass vie­le ihn gewählt hät­ten. Eine schlei­chen­de Ent­de­mo­kra­ti­sie­rung sei von den Wäh­lern dabei bil­li­gend in Kauf genom­men wor­den. Ähn­li­che Mus­ter gebe es auch bei Wäh­lern ande­rer popu­lis­ti­scher Par­tei­en, wie bei­spiels­wei­se der AfD.

Ins­ge­samt woll­te Efe Ural das Ergeb­nis nicht schön­re­den, er ver­wies aber dar­auf, dass nur 13 Pro­zent der in Deutsch­land leben­den Tür­ken mit „Ja“ gestimmt hät­ten. Auf die­ses Ergeb­nis kommt man, wenn man alle raus­rech­net, die nicht wäh­len durf­ten, oder die nicht zur Wahl gegan­gen waren.

Auf die Fra­ge, war­um so weni­ge Tür­ken in Deutsch­land sich über­haupt an der Wahl betei­ligt hat­ten, ant­wor­te­te Efe Ural, dass durch die zen­tra­li­sier­te Wahl, der Weg in die jewei­li­gen Wahl­lo­ka­le rela­tiv weit war. Für eini­ge Fami­li­en sei die Fahrt viel­leicht zu teu­er gewe­sen.

Efe Ural for­der­te, dass die SPD sich für die Oppo­si­ti­on in der Tür­kei stark machen müs­se. Die Schwes­ter­par­tei­en in der Tür­kei müss­ten gestärkt wer­den. Durch Besu­che vor Ort kön­ne Sym­bol­po­li­tik betrie­ben wer­den.

Auf die Fra­ge, was man den tun kön­ne, um die hier leben­den Tür­ken bes­ser zu inte­grie­ren ant­wor­te­te Ural, dass es bes­ser sei mit den Men­schen zu reden als über sie. Man sol­le ihre Sor­gen, Ängs­te und manch­mal ihren Groll wahr­neh­men und ins Gespräch kom­men. Loben­de Wor­te fand Efe Ural für eine Initia­ti­ve der Schram­ber­ger SPD. In einem Antrag an den Lan­des­par­tei­tag hat man das Kom­mu­na­le Wahl­recht für hier leben­de Aus­län­der gefor­dert. Der Lan­des­par­tei­tag hat die­sen Antrag ein­stim­mig gebil­ligt. Die­ses Wahl­recht sei sehr wich­tig, sag­te Efe Ural, wenn man kei­nen Zugang zur Demo­kra­tie bekom­me, sei die Lust mit­zu­ma­chen auch nicht beson­ders groß.