3.5 C
Rottweil
Dienstag, 10. Dezember 2019
Start In Kür­ze Kurz berich­tet Schram­berg Ver­ant­wor­tung der Deut­schen für ihre Geschich­te

Verantwortung der Deutschen für ihre Geschichte

Geschichts­nei­gungs­kurs des Gym­na­si­ums in Bel­gi­en und Frank­reich unter­wegs

-

Die deut­sche Dich­te­rin Inge­borg Bach­mann schrieb ein­mal, dass die Geschich­te andau­ernd leh­re, aber kei­ne Schü­ler fän­de. Um die­ser pes­si­mis­ti­schen Ein­schät­zung etwas ent­ge­gen­zu­set­zen, folg­te der Geschichts­nei­gungs­kurs des Gym­na­si­ums im Namen der Stadt Schram­berg bereits zum drit­ten Mal der Ein­la­dung der deut­schen Bot­schaft in Bel­gi­en, an der Gedenk­ver­an­stal­tung zum Ers­ten Welt­krieg in Char­le­roi, der bel­gi­schen Part­ner­stadt von Schram­berg, teil­zu­neh­men. Dar­über berich­tet die Schu­le:

Und so reis­ten zwölf Schü­le­rin­nen und Schü­ler in Beglei­tung von Anne Her­zog als Ver­tre­te­rin der Stadt und mit ihrem Geschichts­leh­rer Jür­gen Hall­mey­er von Diens­tag bis Don­ners­tag nach Bel­gi­en und erleb­ten, auf welch viel­fäl­ti­ge Wei­se man wich­ti­ger geschicht­li­cher Ereig­nis­se geden­ken kann. Die­se Erfah­rung begann schon auf der Hin­rei­se, als die Grup­pe Zwi­schen­sta­ti­on in Ver­dun mach­te, einem der bedeu­tends­ten und fürch­ter­lichs­ten Kriegs­schau­plät­ze des Ers­ten Welt­kriegs, an dem sich 1916 deut­sche und fran­zö­si­sche Sol­da­ten fast ein Jahr lang gegen­über­stan­den und gegen­ein­an­der kämpf­ten, wobei ohne eine nen­nens­wer­te Ver­schie­bung des Grenz­ver­lau­fes unter mas­si­vem Geschütz­ein­satz auf bei­den Sei­ten Hun­dert­tau­sen­de von Gefal­le­nen – die genaue Zahl ist bis heu­te nicht end­gül­tig geklärt und dif­fe­riert zwi­schen 150.000 und 800.000 für jedes Land (!) – zu bekla­gen waren.

Vor dem monu­men­ta­len Bein­haus von Ver­dun

Schon allein im Bein­haus, dem ein­drucks­vol­len Gedenk­mo­nu­ment, das in den Jah­ren danach in der Hoff­nung ent­stand, als Mahn­mal dazu bei­tra­gen zu kön­nen, dass sich ein Welt­krieg nicht wie­der­holt, lie­gen die Über­res­te von 130.000 Sol­da­ten, die durch klei­ne Fens­ter betrach­tet wer­den kön­nen und wel­che die Geschichts­rei­sen­den eben­so betre­ten mach­te wie der Blick über das schier unend­li­che Meer an wei­ßen Kreu­zen auf dem Feld vor dem Bau­werk, an dem sich im Sep­tem­ber 1984 der fran­zö­si­sche Staats­prä­si­dent Fran­cois Mit­ter­rand und der deut­sche Bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl als wirk­mäch­ti­ges Zei­chen der inzwi­schen gewach­se­nen Freund­schaft bei­der Staa­ten die Hän­de reich­ten.

Das Mémo­ri­al de Ver­dun, ein sehr gelun­ge­nes moder­nes Muse­um, das die Grup­pe unmit­tel­bar danach besuch­te, ver­tief­te die Ein­drü­cke in beson­de­rer Wei­se, indem dort die Geschich­te die­ses Kriegs­schau­plat­zes sehr leben­dig ver­an­schau­licht wur­de. Kein Geschichts­buch kön­ne das in die­ser Form leis­ten, so die ein­hel­li­ge Mei­nung der Schü­le­rin­nen und Schü­ler.

Danach wur­de die Rei­se fort­ge­setzt und man bezog vier Stun­den spä­ter Quar­tier in der ein Jahr zuvor eröff­ne­ten Jugend­her­ber­ge von Char­le­roi, um danach ein wenig die Innen­stadt zu erkun­den und sich zu stär­ken.

Gleich der Mor­gen des dar­auf­fol­gen­den Tages hielt ein außer­ge­wöhn­li­ches Ereig­nis für die Geschichts­fah­rer bereit: Unweit der Her­ber­ge wur­de in der Rue Vital Fran­cois­se 53 in Mar­ci­nel­le im Bei­sein hoher Ver­tre­ter der Stadt und der deut­schen Bot­schaft sowie der Fon­da­ti­on Ausch­witz, der Akti­on Süh­ne­zei­chen Frie­dens­diens­te und des Künst­lers Gun­ter Dem­nig, der 1992 das Pro­jekt in Deutsch­land ins Leben geru­fen hat­te, gesetzt, um an den 1922 gebo­re­nen Wider­stands­kämp­fer Fer­nand Blam­pain zu erin­nern, der 1943 fest­ge­nom­men und ein Jahr spä­ter hin­ge­rich­tet wor­den war.

Set­zung eines Stol­per­stei­nes in Anwe­sen­heit des Künst­lers Gun­ter Dem­nig, des Initia­tors des Stol­per­stein-Pro­­je­k­­tes. Fotos: pm

Für alle war das ein sehr bewe­gen­der Moment. Stol­per­stei­ne wer­den mitt­ler­wei­le an vie­len Orten Euro­pas vor den letz­ten frei gewähl­ten Woh­nun­gen von Opfern der Nazi­herr­schaft in den Boden ein­ge­las­sen, und auch in Schram­berg wur­de die wich­ti­ge Dis­kus­si­on dar­um 2017 ange­sto­ßen.

Wie wich­tig und aktu­ell die mah­nen­de und auf­klä­ren­de Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ver­ant­wor­tung der Deut­schen für ihre Geschich­te ist, erfuhr die Grup­pe dann am spä­ten Abend, als die Nach­richt vom Anschlag in Hal­le bekannt wur­de.

Wäh­rend die Stol­per­stein­set­zun­gen an zehn wei­te­ren Orten in Char­le­roi fort­ge­setzt wur­den, ver­ab­schie­de­te sich die Grup­pe aus Schram­berg, da die Stadt Char­le­roi sie zu einer Füh­rung durch das präch­ti­ge Rat­haus und die die­sem gegen­über­lie­gen­de Basi­li­ka Saint Chris­to­phe ein­ge­la­den hat­te, bevor sie sich auf dem Weg ins Bois du Cazier mach­te, wo nach einem von der deut­schen Bot­schaft aus­ge­rich­te­ten Lunch ein Work­shop zu den The­men Gedenk­kul­tur, Frie­den und Euro­pa begann, die unter der Mode­ra­ti­on der Ver­tre­te­rin der Akti­on Süh­ne­zei­chen Frie­dens­diens­te, Sara Mieth aus Brüs­sel, von den Schram­ber­ger Schü­lern gemein­sam mit Schü­lern der fran­zö­si­schen Schu­le in Brüs­sel dis­ku­tiert wur­den.

Die Sprach­bar­rie­re war rasch über­wun­den, man ver­stän­dig­te sich auf Fran­zö­sisch und Eng­lisch, mit Bli­cken, Ges­ten und Zeich­nun­gen, und so wur­den aus­sa­ge­kräf­ti­ge Pla­ka­te ange­fer­tigt, die anschlie­ßend dem deut­schen Bot­schaf­ter in Bel­gi­en, Mar­tin Kott­haus, vor­ge­stellt wer­den soll­ten. Die Dis­kus­sio­nen ver­lie­fen immer ange­reg­ter und es war bald nichts mehr von der anfäng­li­chen Distanz zu spü­ren. „Ich war posi­tiv über­rascht, wie offen die fran­zö­si­schen Schü­ler auf uns zuge­gan­gen sind“, so etwa Ame­ly Stein­wan­del, und die ande­ren Teil­neh­mer des Geschichts­kur­ses stimm­ten dem zu.

Als um 15 Uhr tat­säch­lich der Bot­schaf­ter ein­traf, nahm sich die­ser tat­säch­lich eine Stun­de Zeit, um sich die Gedan­ken der Schü­ler zu den gestell­ten The­men schil­dern zu las­sen. „Ich hat­te das Gefühl, dass er sich wirk­lich auf uns ein­ge­las­sen hat und unse­re Über­le­gun­gen ernst genom­men hat“, ist sich Emi­ly Rajsp sicher, und Kira Fed­der­sen ergänzt: „In sei­nen Ant­wor­ten ist er tat­säch­lich auf das ein­ge­gan­gen, was wir gesagt haben.“ Davon zeig­ten sich alle eben­so beein­druckt wie von sei­ner Fähig­keit, die Zusam­men­hän­ge zwi­schen den his­to­ri­schen Ent­wick­lun­gen vor den bei­den Welt­krie­gen und der heu­ti­gen Situa­ti­on in Euro­pa in einer kla­ren Spra­che – auf Deutsch, Eng­lisch und Fran­zö­sisch – zu ver­deut­li­chen.

Dem­entspre­chend kamen die Schü­ler immer wie­der auf ihre Hoff­nung zu spre­chen, dass man aus der Ver­gan­gen­heit ler­nen kön­ne und möge. Felix Knecht wies etwa in sehr gutem Eng­lisch dar­auf hin, „dass Frie­den dann gesi­chert wer­den kann, wenn wir bei uns selbst anfan­gen und sicher­stel­len, dass wir mit ande­ren respekt­voll umge­hen, und dass jeder, egal ob Fran­zo­se oder Deut­scher, sich klar sein muss, dass der jeweils ande­re auch Bru­der oder Schwes­ter von jeman­dem ist.“ Damit mach­te er deut­lich, dass sich die Lebens­si­tua­tio­nen jun­ger Men­schen in Euro­pa sich nicht wesent­lich von­ein­an­der unter­schei­den, es für Krie­ge also kei­ne ech­ten Grün­de gäbe, und er fügt hin­zu: Wir müs­sen begrei­fen, dass die Geschich­te Euro­pas von uns defi­niert wird.“

Nach dem für alle sehr gewinn­brin­gen­den, erhel­len­den und erfül­len­den Work­shop fand die Ver­an­stal­tung ihren wür­di­gen Abschluss in der gemein­sa­men Bege­hung des Fried­ho­fes von Mar­ci­nel­le, auf dem bel­gi­sche, fran­zö­si­sche, bri­ti­sche und deut­sche Sol­da­ten begra­ben lie­gen. Und so mein­te auch Sven Sche­rer tref­fend: „Es ist schon selt­sam, sich vor­zu­stel­len, dass all die­se Sol­da­ten zuerst erbit­tert gegen­ein­an­der gekämpft haben und nun zusam­men auf einem Fried­hof lie­gen.“

Jeweils ein fran­zö­si­scher und ein deut­scher Schü­ler leg­ten an den Mahn­ma­len aller Natio­nen und zuletzt am Mahn­mal für die jüdi­schen Ein­woh­ner Char­le­rois, die wäh­rend des Drit­ten Rei­ches umge­kom­men waren, Krän­ze nie­der. Hier­bei waren auch wie­der die Ver­tre­ter der Stadt anwe­send. Nach einem gemein­sa­men Grup­pen­fo­to mit die­sen ver­ab­schie­de­te man sich sehr herz­lich von­ein­an­der und die Schram­ber­ger Dele­ga­ti­on trat wie­der den Rück­weg zur Jugend­her­ber­ge an.

Abends traf man sich zu einem sehr lecke­ren gemein­sa­men Abschluss­abend­essen in einem nahe­ge­le­ge­nen Lokal.

Am nächs­ten Mor­gen wur­den früh die Kof­fer gepackt, bevor die Grup­pe erneut zu einer Füh­rung durch die Stadt ein­ge­la­den war, die unter ande­rem zu Sym­bo­len der berühm­ten in Char­le­roi ansäs­si­gen Comic­kunst führ­te, wäh­rend man nach dem Auf­stieg über 272 Stu­fen auf der Auf­sichts­platt­form des Bel­frieds die Gele­gen­heit hat­te, die impo­san­te Ver­gan­gen­heit der Stadt als Koh­­le- und Stahl­in­dus­trie­zen­trum aus der Fer­ne zu bewun­dern.

Mit gro­ßem Bedau­ern, dass die für die meis­ten zu kur­ze Rei­se somit bereits ihrem Ende ent­ge­gen­ging, stie­gen alle vor dem Rat­haus in den Bus, um wie­der Rich­tung Hei­mat zu fah­ren, jedoch mit dem Gefühl im Gepäck, einen wich­ti­gen Bei­trag zur Völ­ker­ver­stän­di­gung geleis­tet zu haben und mit vie­len Ein­drü­cken und Erkennt­nis­sen nach Hau­se zurück­zu­keh­ren, ver­bun­den mit der Hoff­nung, dass auch durch sol­che Begeg­nun­gen und Erleb­nis­se Inge­borg Bach­mann mit ihrer Ein­schät­zung nicht recht behält.

 

- Adver­tis­ment -