Erinnerung an Josef Engling in der Marienkapelle in Sulgen

Postkarte zum Gedenken an die Gefallenen aller Völker im Ersten Weltkrieg

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Das Glasfenster von Albert Birkle zur Erinnerung an den Tod von Josef Engling am 4.Oktober 1918 in der Marienkapelle in Sulgen. Foto: Rainer Langenbacher / Stadtarchiv Schramberg

Schram­berg (ck) – In der Mari­en­ka­pel­le im Schram­ber­ger Stadt­teil Sul­gen erin­nert ein Glas­fens­ter an den in Frank­reich gefal­le­nen Sol­da­ten Josef Eng­ling. An sei­nem 100. Todes­tag erscheint die­ses Motiv heu­te, Don­ners­tag, in der Serie der Post­kar­ten des Stadt­ar­chivs und Stadt­mu­se­ums Schram­berg zum Geden­ken an die Gefal­le­nen aller Völ­ker.

Schon vie­le Besu­cher der Mari­en­ka­pel­le haben sich schon ver­mut­lich gefragt, wer der töd­lich getrof­fe­ne Sol­dat auf dem aus­drucks­star­ken Glas­fens­ter gewe­sen ist, des­sen Hand von der Mut­ter­got­tes ergrif­fen wird. Neben sei­nem Stahl­helm befin­det sich zwar ein Spruch­band, auf dem „Joseph Eng­lings Heim­gang“ zu lesen ist, aber selbst lang­jäh­ri­ge Mit­glie­der der katho­li­schen Kir­chen­ge­mein­de Sankt Lau­ren­ti­us und Freun­de der Mari­en­ka­pel­le wis­sen nicht, wer sich hin­ter die­sem Namen ver­birgt.

Erst die Recher­chen von Josef Uhl, einem der guten Geis­ter im För­der­kreis Alte Sankt-Lau­ren­ti­us-Kir­che Sul­gen, lös­ten das Rät­sel um „Joseph Eng­lings Heim­gang“ und gaben auch den Anstoß, zu sei­nem 100. Todes­tag in der Serie „Post­kar­ten des Stadt­ar­chivs und Stadt­mu­se­ums Schram­berg“ an ihn zu erin­nern, stell­ver­tre­tend für die Gefal­le­nen aller Völ­ker, die im Ers­ten Welt­krieg ihr Leben opfern muss­ten. Das ers­te Mal erscheint damit in der Serie ein Motiv aus dem Stadt­teil Sul­gen, wes­halb auf dem Brief­mar­ken­feld auch das Wap­pen der (ehe­ma­li­gen) Gemein­de Sul­gen zu sehen ist.

Die Mari­en­ka­pel­le in Sul­gen wur­de in der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus auf Initia­ti­ve Karl Him­mels­bach (1902 bis 1970) gebaut, einem tief­gläu­bi­gen Mari­en­ver­eh­rer, der sich der Schönstatt­be­we­gung des Pal­lo­ti­ner­pa­ters Josef Ken­te­nich (1885 bis 1968) ange­schlos­sen hat­te. 1929 wur­de in Sul­gen unter dem Namen „Apos­to­li­scher Bund“ eine Orts­grup­pe gegrün­det. Benannt ist die­se Erneue­rungs­be­we­gung in der römisch-katho­li­schen Kir­che nach dem Ort Schönstatt bei Val­len­dar, wo Josef Ken­te­nich im Jahr 1914 im dor­ti­gen Stu­di­en­heim des Pal­lo­ti­ner­or­dens eine apos­to­lisch aus­ge­rich­te­te Maria­ni­sche Kon­gre­ga­ti­on ins Leben rief. Deren Mit­glie­der (Soda­len) schlos­sen ein Lie­bes­bünd­nis mit der Mut­ter­got­tes und streb­ten ihre Selbst­hei­li­gung durch eine enge Ver­bin­dung zwi­schen dem all­täg­li­chen Leben und dem christ­li­chen Leben an. Die Bewe­gung ver­brei­te­te sich auch in der Diö­ze­se Rot­ten­burg, wo die Mari­en­ka­pel­le in Sul­gen ein bemer­kens­wer­tes Schön­statt­hei­lig­tum dar­stellt.

In der Mari­en­ka­pel­le befin­den sich vier Glas­fens­ter mit Moti­ven des Mari­en­lie­des „Es blüht der Blu­men eine“, die von dem Künst­ler Albert Birk­le (1900 bis 1986) geschaf­fen wur­den, der bereits 1932 das expres­sio­nis­ti­sche Fres­ko der Kreu­zi­gung Chris­ti in der damals neu gestal­te­ten Sankt-Lau­ren­ti­us-Kir­che geschaf­fen hat­te. Eines der Glas­fens­ter in der Mari­en­ka­pel­le wid­me­te er der Erin­ne­rung an Josef Eng­ling, der zu den ers­ten Schü­lern von Pater Josef Ken­te­nich in Schönstatt gehört hat­te und im Ers­ten Welt­krieg gefal­len war. 1936 – ein Jahr vor der Ein­wei­hung der Mari­en­ka­pel­le durch „Beken­ner­bi­schof“ Joan­nes Bap­tis­ta Sproll (1870 bis 1949) – hat­te die Schönstatt­be­we­gung ein „Eng­ling­jahr“ aus­ge­ru­fen und sich im immer här­ter wer­den­den „Kir­chen­kampf“ unter sei­nen Schutz gestellt. Am 4. August 1937 wur­de an sei­ner Todes­stel­le ein Stein­kreuz auf­ge­rich­tet. Unter das Glas­fens­ter schrieb Albert Birk­le: „Und wer vom Feind ver­wun­det, zum Tode nie­der­sinkt.“ Im Zwei­ten Welt­krieg muss­te das als „wehr­kraft­zer­set­zend“ gel­ten­de Glas­fens­ter auf Anord­nung des NSDAP-Orts­grup­pen­lei­ters Johan­nes Gün­ter (1895–1990) zuge­hängt wer­den.

Josef Eng­ling wur­de am 5. Janu­ar 1898 als Sohn einer kin­der­rei­chen Schnei­der­fa­mi­lie in Pro­sit­ten im katho­li­schen Erm­land (Ost­preu­ßen) gebo­ren und wur­de 1912 in das Stu­di­en­heim der Pal­lo­ti­ner in Val­len­dar auf­ge­nom­men. Er soll­te Pries­ter wer­den und war einer der ers­ten Schü­ler von Pater Josef Ken­te­nich, mit dem er auch eng ver­bun­den blieb, als er 1916 als Sol­dat in den Ers­ten Welt­krieg ein­ge­zo­gen wur­de. Über sein reli­giö­ses Den­ken hat er in umfang­rei­chen Auf­zeich­nun­gen vie­le auf­schluss­rei­che Zeug­nis­se hin­ter­las­sen. Wer in den edier­ten Doku­men­ten liest, begeg­net einem ehr­li­chen und from­men Men­schen, der mit­ten in einem grau­en­haf­ten Krieg ver­such­te, ein guter Katho­lik im apos­to­li­schen Dienst zu sein, indem er so oft wie mög­lich reli­giö­se Übun­gen unter­schied­li­cher Art ver­rich­te­te, sei­nen Kame­ra­den in christ­li­cher Nächs­ten­lie­be bei­stand und mög­lichst vie­le See­len zu ret­ten ver­such­te.

Sei­ne letz­te Auf­zeich­nung ist ein Ein­trag, den er am 4. Okto­ber 1918, sei­nem Todes­tag, in Eswars bei Cam­brai in sei­nem Kriegs­ta­ge­buch mach­te: „Jetzt sit­zen wir in Stel­lung in Bereit­schaft, wäh­rend der Tom­my bestän­dig in unse­rer Nähe funkt. 50 Meter von mir ist auch gleich der Hel­den­fried­hof und der frü­he­re Got­tes­acker, wo schon eini­ge aus­ge­ho­be­ne Grä­ber auf uns war­ten. Doch soweit sind wir noch nicht.“ Um die Mit­tags­zeit schreibt er noch in sein regel­mä­ßig geführ­tes „Par­ti­ku­lar-Examen“: „Das Müt­ter­lein ist bei mir, ich bin vor­be­rei­tet und habe alles in Ord­nung.“ Bei einem Feu­er­über­fall auf eine Stra­ßen­kreu­zung, bei der eine der Gra­na­ten ihr Ziel ver­fehlt, wur­de Josef Eng­ling töd­lich getrof­fen.

Sein Kame­rad Josef Mehl berich­te­te: „Er zeig­te auf einen Fried­hof, wo man Grä­ben aus­ge­ho­ben hat­te und sag­te: ‚Man macht mir dort mein Grab.’ Ich ent­geg­ne­te: Du bist ver­rückt, das glau­be ich doch nicht. Dar­auf er: ‚Die­se Nacht nimmt die Got­tes­mut­ter mein Opfer an.’ […] Er wuß­te, daß ich andern­tags in Urlaub fuhr. Er nahm ein Stück Papier, schrieb etwas dar­auf und gab mir den Zet­tel mit den Wor­ten Dann gab er mir die Hand, schau­te mir fest in die Augen und sag­te: ‚Wenn ich gefal­len bin, dann tei­le an die­se Adres­se (P. Ken­te­nich) mei­nen Tod mit.’ Dann gab er mir die Hand, schau­te mir fest in die Augen und sag­te: ‚Komm gut nach Hau­se und erle­di­ge bit­te mei­nen Wunsch. Das Müt­ter­lein ist bei mir. Ich bin vor­be­rei­tet und habe alles in Ord­nung.’“

Im Jahr 1952 wur­de ein bis heu­te andau­ern­des Ver­fah­ren zur Selig­spre­chung von Josef Eng­ling ein­ge­lei­tet, der in der Schönstatt­be­we­gung als ers­ter „Hei­li­ger“ ange­se­hen wird. Bei Cam­brai wur­de zur Erin­ne­rung an ihn eine dem Frie­dens­ge­dan­ken gewid­me­te Gedenk­stät­te errich­tet, die bis heu­te das Ziel von Schönstatt­wall­fahr­ten ist.

Info: Die Post­kar­te zum Geden­ken an die Gefal­le­nen aller Völ­ker im Ers­ten Welt­krieg ist zum Preis von einem Euro im Stadt­ar­chiv und Stadt­mu­se­um Schram­berg und in der Mari­en­ka­pel­le in Schram­berg-Sul­gen erhält­lich.

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