Fronleichnam ohne Prozession gefeiert

Fronleichnam ohne Prozession gefeiert

ROTTWEIL – Vor 79 Jahren, im Jahr 1941, war in Rottweil letztmals die Fronleichnamsprozession von Amts wegen abgesagt worden. Auf Anordnung von Bürgermeister Abrell wurde sie unter dem Vorwand verboten, die Stadt Rottweil sei als Luftschutzort II. Ordnung „besonders gefährdet“. Die Prozession könne ja, wie in den Jahren zuvor, in der Kirche stattfinden.

Es handelte sich hier um eine kirchenfeindliche Schikane, denn in den Jahren 1942, 1943 und 1944 durften wieder Prozessionen stattfinden, obwohl die Gefahr von Fliegerangriffen nun real gegeben war. Offensichtlich traute man sich immer weniger, der Bevölkerung in der angespannten Kriegslage kirchlichen Trost und Zuspruch zu verweigern. (siehe Broschüre: Pfarrei Heilig Kreuz Rottweil, 1991). Eine besonders große Prozession zog am 31. Mai 1945 durch die Straßen der Stadt, einen Monat nach Kriegsende. Noch 1949 wurde von der Kolpingjugend die „Madonna von der Augenwende“ in der Prozession mitgetragen.

1949 wurde von der Kolpingjugend die „Madonna von der Augenwende“ in der Prozession mitgetragen.

Nach der katholischen Glaubenslehre ist Christus im Brot gegenwärtig, Fronleichnam heißt deshalb Fest des Leibes und Blutes Christi. „Vron“ bedeutet Herr, und das mittelhochdeutsche Wort lichnam (Leib) meint nicht den toten, sondern den lebendigen Leib. In der Prozession ziehen die Katholiken, gleichsam als wanderndes Gottesvolk, mit dem Leib des Herrn in Gestalt der Hostie durch die Straßen der Stadt. Das Fest geht zurück bis auf das Jahr 1209. Fronleichnam mit der Prozession, dem Himmel, den Fahnen und Laternen der Zünfte, der Musikkapelle und den Chören gehört einfach zu Rottweil.

2020 leben wir in einem Jahr, in dem ein fast unsichtbares Virus das Leben weltweit auf den Kopf stellt. Vieles ist anders, so auch dieses Fronleichnamsfest. Die Prozession war abgesagt worden. Im Mittelgang des Münsters hatten die Zünfte ihre 30 barocken Laternen aufgestellt. Die 85 angemeldeten Gottesdienstbesucher verteilten sich mit Abstand in den Bänken. Dieses Bild verstärkte bei manchem eher noch die aufkommende Wehmut darüber, dass an eine Prozession wie früher nicht zu denken war. Die Prozession konnte natürlich auch nicht in der Kirche stattfinden wie vor 79 Jahren, oder bei schlechtem Wetter letztmals 2010. Drinnen ist es noch enger als im Freien. So blieb halt nur ein Hauch vom gewohnten Fronleichnamsfest übrig. Es sei schon Anlass und Freude genug zur Feier, dass wieder gemeinsam Eucharistie gefeiert werden könne, meinte Pfarrer Florian Störzer, der mit den beiden Gemeinden Heilig-Kreuz und Auferstehung Christi diesen Gottesdienst im Münster gefeiert hat.

Die musikalische Gestaltung erfuhr der Gottesdienst durch Lisa Hummel an der Orgel und die Sopranistin Alice Fuder als Kantorin. Gemeinsames Singen war nicht erlaubt.

Im newsletter von Heilig-Kreuz heißt es, „auch wenn wir dieses Jahr das Fest der Gegenwart Christi ohne Prozession feiern, meinen wir: Trauer ist an diesem Tag fehl am Platz.“

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Quelle: NRWZ.de – veröffentlicht am 11. Juni 2020 von Berthold Hildebrand (hil). Erschienen unter https://www.nrwz.de/kirchliches/fronleichnam-ohne-prozession-gefeiert/266224