Ökumenischer Gottesdienst in der Predigerkirche aus Anlass der Translokation der „Madonna von der Augenwende.“ Foto: Berthold Hildebrand

Mit einem fei­er­li­chen öku­me­ni­schen Got­tes­dienst haben evan­ge­li­sche und katho­li­sche Chris­ten Rott­weils die Rück­kehr der „Madon­na von der Augen­wen­de“ in die evan­ge­li­sche Pre­di­ger­kir­che gefei­ert. Zur Eröff­nung erklang der Mari­en­hym­nus „Alle Tage sing und sage Lob der Him­mels­kö­ni­gin“, der auch am 29. Dezem­ber 1802 gesun­gen wur­de, als nach der Säku­la­ri­sa­ti­on die Madon­na aus der Pre­di­ger­kir­che ent­fernt wer­den muss­te und in einer Pro­zes­si­on hin­über ins Hei­lig-Kreuz-Müns­ter gebracht wur­de, wo sie bis heu­te auf dem Mari­en­al­tar stand.

Pfar­re­rin Esther Kuhn-Luz sag­te in ihrer Begrü­ßung, die­ser Hym­nus sei ganz unge­wöhn­lich für evan­ge­li­sche Ohren, sehr ver­traut aber für die katho­li­schen Ohren… und er wur­de doch öku­me­nisch gemein­sam gesun­gen vom Müns­ter­chor und dem Chor der Pre­di­ger­kir­che, die unter der Lei­tung von Wolf­gang Weis und Johan­nes Vöh­rin­ger den Got­tes­dienst musi­ka­lisch fei­er­lich gestal­te­ten.

Nun ste­he die „Madon­na von der Augen­wen­de“ nach 273 Jah­ren wie­der an dem Platz, an dem sie ursprüng­lich in der Kir­che der Domi­ni­ka­ner stand. Es sei ein Grund zur Freu­de, dass die­ses his­to­ri­sche Ereig­nis in öku­me­ni­scher Ver­bun­den­heit gefei­ert wer­den kön­ne.

Dekan Mar­tin Stöf­fel­mai­er erin­ner­te an den öku­me­ni­schen Weg der gegan­gen wer­den muss­te, bis es zu die­ser Fei­er kom­men konn­te. Er beton­te, dass immer dar­auf geach­tet wur­de, die Unter­schie­de im Umgang mit Maria wahr zu neh­men und zu respek­tie­ren. Nun lie­ge es an jedem Ein­zel­nen, wie er damit umge­he.

Ist es ledig­lich eine his­to­ri­sche Erin­ne­rung oder gibt uns die Madon­na einen Anstoß, unse­ren Glau­ben und unser Herz für die Nöte der Men­schen zu öff­nen“, frag­te Stöf­fel­mai­er. Kuhn-Luz mein­te, es sei schon sehr berüh­rend und auch auf­re­gend, wie Geschich­te und Gegen­wart hier zusam­men­kä­men.

Kir­che und Klos­ter des Pre­di­ger­or­dens der Domi­ni­ka­ner fie­len 1802 an den welt­li­chen Lan­des­herrn, den Her­zog von Würt­tem­berg. Das Klos­ter wur­de auf­ge­löst. Im Jahr 1806 wur­de die Mari­en­kir­che dann zur evan­ge­li­schen Pfarr­kir­che, so Kuhn-Luz. Es sei für die dama­li­ge evan­ge­li­sche Gemein­de sicher nicht leicht gewe­sen, die Bot­schaft der Bil­der zur ver­ste­hen. Mit dem Ver­stand könn­ten die Bil­der erklärt wer­den – aber die evan­ge­li­sche See­le habe einen ande­ren Zugang zu den Hei­li­gen.

Maria und ihr Kind blick­ten auf die Men­schen und erzähl­ten so auch etwas davon, wie Gott sei­ner­seits die Men­schen im Blick habe und sage „ich bin bei euch alle Tage.“ Dass Gott gegen­wär­tig sei in guten wie in sehr schwie­ri­gen Zei­ten, das hät­ten die Rott­wei­ler immer wie­der erlebt, beson­ders damals im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg. Zum Dank für Got­tes Bewah­rung wur­de nach dem „Wun­der der Augen­wen­de“ von 1643 die ehe­mals schlich­te Domi­ni­ka­ner­kir­che 100 Jah­re spä­ter zur baro­cken Mari­en­kir­che umge­baut und pracht­voll aus­ge­malt.

Die Decken­fres­ken erzähl­ten ihre Geschich­ten mit Maria. So etwa die Bedeu­tung der Madon­na für die Rott­wei­ler, die mit ihren Sor­gen und Nöten zu Maria kom­men. Dann die Bedeu­tung Mari­ens für Euro­pa mit der Bit­te, das christ­li­che Abend­land gegen die dama­li­gen krie­ge­ri­schen Angrif­fe der Osma­nen zu bewah­ren. In einem ande­ren Decken­fres­ko gehe es um die Bewah­rung der Schöp­fung. In allen Bil­dern gehe es aber um die Gegen­wart Got­tes – in beson­de­rer Wei­se auch in Maria.

Stöf­fel­mai­er erin­ner­te dar­an, dass die bei­den Gemein­den mit der Unter­zeich­nung der Char­ta Oecu­me­ni­ca vor 10 Jah­ren sich ver­pflich­te­ten, „Gesprä­che zu för­dern und durch gegen­sei­ti­ge Besu­che Fremd­hei­ten abzu­bau­en.“ Er zähl­te auf, was die bei­den christ­li­chen Gemein­den ver­bin­det und was sie eint. Es gebe bei den Begeg­nun­gen kei­ne Berüh­rungs­ängs­te mehr. Er lege Wert dar­auf, dass zwi­schen Ver­eh­rung und Anbe­tung streng unter­schie­den wer­den müs­se. Maria habe eine beson­de­re Bedeu­tung unter den Hei­li­gen, sie wer­de aber nicht ange­be­tet.

Men­schen such­ten am Mari­en­al­tar, und in nächs­ter Zeit auch hier in der Pre­di­ger­kir­che, im Gebet ihr per­sön­li­ches Gespräch mit Gott. Er frag­te, „wer weiß denn, wel­che Gebets­spra­che rich­tig oder falsch ist, wenn die Wor­te aus dem Her­zen kom­men?“ Maria sei ein Bei­spiel für geglück­tes Leben, das ganz unter dem Anruf Got­tes gestan­den habe.

Die bei­den Chö­re san­gen den Lob­preis Mari­ens, das Magni­fi­cat, in der Fas­sung von Alan Wil­son.

Es folg­ten bibli­sche Lesun­gen über Maria. Da heißt es unter ande­rem, Maria sei geseg­net unter den Frau­en. So, wie sie sich auf das Wort Got­tes ein­ge­las­sen habe, das ihr der Engel über­brach­te, sei sie uns ein Vor­bild im Glau­ben.

Mit­glie­der des Öku­me­ni­schen Aus­schus­ses tru­gen Für­bit­ten vor. Die Chris­ten soll­ten aus ihrem Glau­ben Kraft schöp­fen und ihn sicht­bar und erfahr­bar wer­den las­sen. In der Freu­de an Got­tes Wort sol­le das öku­me­ni­sche Mit­ein­an­der wach­sen und in ihren viel­fa­chen Nöten soll­ten Chris­ten auf die Nähe Got­tes ver­trau­en und sich schließ­lich durch sein Wort in Bewe­gung brin­gen las­sen.

Ein beson­de­rer musi­ka­li­scher Höhe­punkt war das „Ave maris stel­la“ aus der Mari­en­ves­per von Clau­dio Mon­te­ver­di, der 1643, im Jahr des Wun­ders der Augen­wen­de, gestor­ben ist.

Nach dem gemein­sa­men Vater­un­ser beschlos­sen die bei­den Kir­chen­chö­re mit „Glo­ry to thee, my God“ von Tho­mas Tal­lis die­sen his­to­ri­schen öku­me­ni­schen Got­tes­dienst. Mit dem Segen wur­den die Got­tes­dienst­be­su­cher nicht etwa ent­las­sen. Die Kir­chen­ge­mein­den haben viel­mehr noch zu einem Steh­emp­fang ein­ge­la­den.

Maria hat in die­sen Tagen viel in Bewe­gung gebracht. Sehr vie­le Men­schen sind zu die­sem außer­or­dent­lich gut besuch­ten beson­de­ren Got­tes­dienst gekom­men, Maria hat aber auch einen öku­me­ni­schen Dia­log ange­sto­ßen und die Mög­lich­keit gebo­ten, sich bes­ser in den ande­ren katholischen/evangelischen Part­ner hin­ein­zu­ver­set­zen und viel­leicht auch einen neu­en Blick auf Maria zu bekom­men.

Von 1755 - 1802 stand die Madonna schon einmal an diesem Platz auf dem Hochaltar. Foto: Berthold Hildebrand
Von 1755 – 1802 stand die Madon­na schon ein­mal an die­sem Platz auf dem Hoch­al­tar. Foto: Bert­hold Hil­de­brand