Kanal und Brunnen

Kanal und Brunnen

Auch in der evangelischen Stadtkirche in Schramberg stand die Predigt am Fasnetssonntag eben im Zeichen der Fasnet. Pfarrer Michael Jonas nahm sich die große und die kleine Welt in Versform vor, blickte dann aber insbesondere auf den Glauben. Wir veröffentlichen sie im Wortlaut:

I.

Liebe Gemeinde!

Die Fasnet lädt uns wieder ein,

auch einmal kritischer zu sein.

Die Welt und Politik betrachten

und auf die Fehler hier zu achten,

dazu ist jetzt die Zeit gekommen,

die Mächtigen werd‘n rangenommen

in Büttenreden, laut im Besen,

im Narrenblatt dann auch zum Lesen.

Hier wird mit Häme nicht gespart;

hier wird kein Blatt vorm Mund bewahrt.

 

Die Bissigkeit trifft unser Land,

dessen Parteien sich verrannt.

Eine Regierung zu bilden nach der Wahl:

Mann, Leute, was ist das für eine Qual!

 

Kritik, sie trifft auch unsre Stadt,

mit allem, was sie nicht mehr hat.

Eine Landesgartenschau soll‘s bringen,

an Dingen, die verloren gingen.

Und Schrambergs Teile, Straßen, Plätze,

verbindet dann der Blumen Netze

zu einem Kunstwerk ganz gesamt,

wer braucht da noch ein Bundesamt

für die Umgehung lang geplant,

wenn Blumenflor die Rampe bahnt?

 

Und jedes Jahr neu muss man’s wagen:

Sich wieder ganz konkret zu fragen:

Wie ist die Zukunft dieser Stadt,

mit allem, was sie in sich hat?

Bei allem Planen, was wird kommen?

Die Frage wirklich ernstgenommen,

wird von der Zeitung aufgebracht,

und die Idee kommt über Nacht:

„Was Neues bringt uns sicher Lob.

Wie wär denn mal ein Horoskop?“

 

So findet nun dann Schrambergs Leserschar

des Astrologen Wort im Januar.

Ausführlich die Zeitung im Detail verrät,

dass Schrambergs Zukunft in den Sternen steht.

Natürlich regt sich Widerspruch und auch Protest:

Aberglaube, wenn die Vernunft einen verlässt!

 

„Zu recht!“, muss hier die Kirche sagen.

Und will man nach der Zukunft fragen,

sind Sterne hier nicht anzuschauen,

sondern Fakten nur und Gottvertrauen.

Gott gab uns klaren Sachverstand

und der regiere unser Land!

Wird mit Horoskop Politik gemacht,

kann ich nur sagen: Gute Nacht!

 

Die Zukunft lässt nur schwer sich lenken,

so mancher Schramberger wird denken:

Besser, die Zukunft in den Sternen steht,

als dass sie ganz da Bach na geht.

 

II.

 

Doch heute gilt ja die Kritik

nicht nur der Stadt und Politik.

Kritik trifft heut – ihr ahnt es schon –

auch hart die eigne Religion.

 

Amos, Prophet von Gott gesandt,

schimpft nicht nur über Stadt und Land.

Er hat den Glauben im Visier,

sieht Heuchelei und manche Gier.

 

Den Opferkult und die Gesänge,

die vielen Feste mit Gepränge,

das alles will Gott gar nicht hören,

denn Unrecht will den Eindruck stören.

 

Wo nur im Tempel herrscht ein frommes Spiel

und draußen im Alltag vom Unrecht so viel,

da verliert das Opfer seinen Wert

wenn sonst die Haltung ist verkehrt.

Am Feiertage brav und schön gekleidet

im Alltag aber hart und viel geneidet.

Das hat Gott, der Herr, ja schnell durchschaut.

Er weiß doch, wer wirklich auf ihn baut.

 

Ob Sonntag, ob Festtag, ist ihm einerlei

Gott mag einfach keine Heuchelei.

„Ich hasse, verachte eure Feste

und opfert ihr auch das Allerbeste.“

 

Diese Worte Gottes treffen hart, wer sie hört,

weil diese Botschaft die einfache Ruhe stört,

mit der wir uns machen das Gewissen so rein

und sprechen: „So ein schlechter Mensch kann ich nicht sein.“

 

Wir feiern die Feste und leben sonst bieder,

wir gehn in die Kirche und singen dort Lieder,

und denken, damit ist schon alles erledigt,

schließlich ertragen wir dort still die Predigt.

 

Doch Gott will mehr, es mag uns schmerzen;

er will nicht weniger als unsre Herzen.

 

Mit ganzem Herzen vor Gott leben,

ihm und dem Nächsten Ehre geben.

Das ist verlangt, nur ehrlich und schlicht.

Wir wissen es oft und tun es doch nicht.

 

Nur Opfer und Feste, damit nur äußerer Kult,

so strapazier‘n doch die Menschen nur Gottes Geduld.

 

Nun ist diese Kritik ja schwer zu ertragen.

Sie traf schon die Frommen vor unsern Tagen.

Die Protestanten haben es sich manchmal leichtgemacht

und sich dabei vielleicht noch ins Fäustchen gelacht:

 

„Kult, Feste und Opfer mit Weihrauch vereint,

damit hat Gott doch Katholiken gemeint.“

Der äußere Pomp und der bigotte Katholik:

Das ist doch hier das Ziel der Kritik.

 

Evangelischer Glaube ist vergeistigt und schlicht.

Und so trifft uns die Kritik des Propheten ja nicht.

 

Doch Vorsicht, Protestanten, in eurem Sinn!

Bevor ihr so sprecht, schaut genauer hin.

Gott sind nicht nur Opfer und Weihrauch zuwider,

er wendet sich auch gegen frömmelnde Lieder.

 

Ihr seid doch so stolz auf eure Musik,

habt Orgeln, Posaunen und Bach stets im Blick,

singt Lieder, Kantaten und lasst euch nicht stören,

und Gott spricht: Ich will das alles gar nicht hören.

 

Wir tönen so stolz oft mit „Lobe den Herren“,

und Gott spricht dabei nur von furchtbarem Plärren.

Denn auch die Musik wird wertloser Schein,

wenn äußere Übung sie nur bleibt allein.

 

Gott will auch hier das ganze Herz,

will unsere Liebe in Freude und Schmerz.

 

So trifft Gottes Wort und Kritik nicht die andern allein,

Besinnung und Umkehr muss auch evangelisch sein.

 

Gerechtes Tun und ehrlich leben,

das ist uns allen vorgegeben.

Wo Glaube ganz ehrlich das Leben hier prägt,

sich ganz von allein Ökumene dann regt.

 

III.

 

Gott will stets im Alltag Gerechtigkeit sehen

Doch fragen wir ehrlich: Wie soll das nur gehen?

 

Es ströme Gerechtigkeit wie Wasser so klar.

Wie wird dieser Wunsch des Propheten denn wahr?

 

Es mag uns heute helfen zu unterscheiden

zwischen Kanal und Brunnen, diesen beiden.

In beiden fließt das Wasser reich,

doch keinesfalls in beiden gleich.

 

Der Kanal gibt alles Wasser weiter.

Ist er recht voll, so ist er heiter.

Doch kommt nichts nach, so ist er leer,

man kann nur sehn: Da kommt nichts mehr.

 

Er ist Kanal und kann nichts speichern,

sich an der Fülle nicht bereichern.

Das Wasser strömt, er kann nichts halten,

er kann die Menge nicht verwalten.

 

Im Blick auf Schramberg will ich sagen,

was immer gilt an allen Tagen:

Was heute strömt im Kirchenbach,

ist bald in Schiltach weg und ach!

 

Da Bach na geht so viel im Leben,

wir können nach so vielem streben,

doch halten können wir es nicht,

betrachten wir’s bei Tageslicht.

 

Der Kirchenbach mit seinem Strömen zeigt

auch heut uns allen die Vergänglichkeit.

 

„Kanal voll!“ mag einer heute schreien laute,

doch morgen schon herrscht hier die Flaute.

Der Mensch kann vieles schalten, walten,

doch als Kanal kann man nichts halten.

 

Beim Brunnen läuft’s auf andre Weise.

Hier fließt das Wasser langsam, leise.

In Schalen rinnt es von oben herunter

und füllt stets die nächste Schale munter.

 

Die Schalen speichern das Wasser ganz heiter

und geben es dann erst wieder weiter,

wenn sie erfüllt sind und dankbar gestillt,

dann erst das Wasser weiter quillt.

 

Vom Brunnen schrieb Conrad Meyer einst im Gedicht,

was gilt und sich bis heute geändert hat nicht.

Von diesem Bild können wir profitieren,

so will ich den Dichter hier zitieren:

 

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

[Conrad Ferdinand Meyer, Der römische Brunnen (1887)]

 

„Und jede nimmt und gibt zugleich“ –

Ganz wunderbar ist der Vergleich

mit unserm Leben, seinen Gaben:

Das allein will Gott von uns haben.

 

Erweis dich als Schale und nicht als Kanal,

denn wenn es nur durchströmt, dann ist das fatal!

Die Schale, sie wartet stets, bis sie ist erfüllt,

dann erst dankbar in die andere überquillt.

 

So lerne auch du, aus der Fülle zu geben,

hat Gott dir zuvor schon bereichert das Leben.

Sei Schale, die voll ist und weiter teilt,

und sei nicht Kanal, der rastlos nur eilt.

 

Da rät uns Bernhard von Clairvaux,

das stimmt so bei uns und anderswo.

 

Da Bach na mag so vieles gehen,

bei Gott aber bleiben die Dinge stehen.

Die Äußerlichkeiten alle, sie schwinden so schnell,

die Ehrlichkeit unter uns aber leuchtet ganz hell.

Das will uns Gott auch heute nur sagen,

durch Propheten-Wort aus alten Tagen.

 

Es ströme das Recht wie das Wasser so klar.

Das ist zur Fasnet und immer sonst wahr.

Es ströme das Recht auch in unserem Ort

und fließ‘ nicht zu schnell mit dem Kirchenbach fort.

Wo Menschen bei uns Gottes Liebe sich speichern,

da können sie auch das Leben bereichern.

 

 „Kanal voll“ oder Leere, ob schwierige Zeiten,

das kann uns hier und überall leiten.

Aus Gottes Quelle kommt ständig Wasser geströmt.

Was zögert ihr denn noch, Menschen? Kommt nur und nehmt!

 

Wenn euch manchmal das Leben allzu sehr quält,

und selbst euch dann auch die Gerechtigkeit fehlt:

Hört dann auf Jesus, folgt seinen Blicken:

„Kommt her zu mir, ich will euch erquicken.“

Dieser Strom hört niemals auf,

speist den ganzen Lebenslauf.

 

Hierher könnt ihr kommen mit Kummer und mit Sorgen.

Er wird sie gerne von euch nehmen und entsorgen.

Bis Aschermittwoch nicht nur, sondern auch weiter,

so wird das Leben für euch das ganze Jahr heiter.

 

Hier schließe ich in Gottes Namen,

jetzt hör ich auf und spreche: Amen.

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Quelle: NRWZ.de – veröffentlicht am 13. Februar 2018 von NRWZ-Redaktion Schramberg. Erschienen unter https://www.nrwz.de/kirchliches/kanal-und-brunnen/196014