Klaus Herrmann, Geschäftsführer der AOK Schwarzwald-Baar-Heuberg (links), und Markus Common, Hausarzt und Vorstandsmitglied des Hausärzteverbandes Baden-Württemberg, ziehen eine positive Bilanz zur Hausarztzentrierten Versorgung in der Region. Foto: pm

Land­kreis Rott­weil (pm) – Vor zehn Jah­ren wur­de von den Arzt­zu­sam­men­schlüs­sen Haus­ärz­te­ver­band und MEDI-Ver­bund sowie der AOK Baden-Würt­tem­berg der bun­des­weit ers­te Ver­trag zur haus­arzt­zen­trier­ten Ver­sor­gung (HZV) ein­ge­führt. Damit wur­de der Haus­arzt als ers­te Anlauf­stel­le im Gesund­heits­sys­tem eta­bliert. Lan­des­weit neh­men 1,6 Mil­lio­nen AOK-Ver­si­cher­te am Haus­ärz­te­ver­trag teil. Auf Medi­zi­ner­sei­te sind rund 5000 Haus­ärz­te inklu­si­ve Kin­der- und Jugend­ärz­te sowie knapp 2500 Fach­ärz­te aktiv, dies schreibt die AOK in einer Pres­se­mit­tei­lung.

„Nach zehn Jah­ren inten­si­ver Arbeit ist es gelun­gen, die haus­arzt­zen­trier­te Ver­sor­gung als alter­na­ti­ve Regel­ver­sor­gung im Land­kreis zu ver­an­kern“, stellt Klaus Herr­mann, Geschäfts­füh­rer der AOK Bezirks­di­rek­ti­on Schwarz­wald-Baar-Heu­berg, fest. „Mit dem Haus­ärz­te­ver­trag wur­de erfolg­reich ein neu­er Weg beschrit­ten, der die ambu­lan­te Ver­sor­gung vor Ort nach­hal­tig stärkt“, unter­streicht Mar­kus Com­mon, Haus­arzt in Hüfin­gen und Vor­stands­mit­glied des Haus­ärz­te­ver­ban­des Baden-Würt­tem­berg.

Im Land­kreis Rott­weil nut­zen die HZV 30.300 AOK-Ver­si­cher­te, die sich an 54 Haus­ärz­te wen­den kön­nen. Hin­zu kom­men 29 Fach­ärz­te der Berei­che Kar­dio­lo­gie, Gas­tro­en­te­ro­lo­gie, Psychiatrie/Neurologie/ Psy­cho­the­ra­pie, Ortho­pä­die, Uro­lo­gie und Dia­be­to­lo­gie. „Der Anteil von fast zwei Drit­teln akti­ven HZV-Ärz­ten in der Regi­on Schwarz­wald-Baar-Heu­berg ist mit Abstand Spit­ze im Regie­rungs­be­zirk Frei­burg. Glei­ches gilt für die Teil­nah­me­quo­te von über 40 Pro­zent unse­rer Ver­si­cher­ten“ so AOK-Chef Klaus Herr­mann. Die Grup­pe der über 50-Jäh­ri­gen stell­ten über­dies die Mehr­zahl der ein­ge­schrie­be­nen HZV-Ver­si­cher­ten dar. Die Vor­tei­le der haus­arzt­zen­trier­ten Ver­sor­gung kämen damit vor allem denen zu Gute, die die­se beson­ders benö­tig­ten.

„Durch die Haus­arzt­zen­trier­te Ver­sor­gung wer­de ich als All­ge­mein­me­di­zi­ner gestärkt“, betont Mar­kus Com­mon. Als qua­li­fi­zier­ter „Rund­um-Ver­sor­ger“ vor Ort behand­le er nicht nur alle Pati­en­ten, son­dern ste­he als Koor­di­na­tor auch im engen Aus­tausch mit den behan­deln­den Fach­ärz­ten. „Ich habe so zum Nut­zen mei­ner Pati­en­ten den Über­blick und steue­re damit die Behand­lung“, erklärt Com­mon. Dadurch wer­de die Fehl­me­di­ka­ti­on sowie unnö­ti­ge und belas­ten­de Dop­pel­un­ter­su­chun­gen ver­mie­den. Außer­dem sei­en die im HZV-Ver­trag vor­ge­se­he­nen eng­ma­schi­gen Betreu­ungs­mo­du­le für die Gesund­heit chro­nisch erkrank­ter Per­so­nen bedeut­sam.

Die­se Fest­stel­lung bele­gen die im Okto­ber ver­öf­fent­lich­te Eva­lua­tio­nen der Uni­ver­si­tä­ten Frankfurt/Main und Hei­del­berg. Bei­spiels­wei­se wei­sen HZV-Pati­en­ten mit koro­na­ren Herz­er­kran­kun­gen pro Jahr 1.900 weni­ger Kran­ken­haus­auf­ent­hal­te auf. Bei Dia­be­ti­kern sind deut­lich weni­ger schwer­wie­gen­de Kom­pli­ka­tio­nen zu beob­ach­ten. Im Unter­su­chungs­zeit­raum von sechs Jah­ren wur­den ca. 4.000 schwer­wie­gen­de Kom­pli­ka­tio­nen wie Ampu­ta­ti­on, Dia­ly­se, Erblin­dung, Herz­in­farkt oder Schlag­an­fall in der HZV-Grup­pe ver­mie­den. Bei Betrach­tung des Fünf-Jah­res-Zeit­raums 2012 bis 2016 zeigt sich für Pro­fes­sor Joa­chim Szec­se­nyi von der Uni Hei­del­berg, dass das Risi­ko zu verster­ben in der HZV gerin­ger ist als in der Regel­ver­sor­gung. Das zugrun­de­lie­gen­de sta­tis­ti­sche Über­le­bens­zeit­mo­dell weist eine Zahl von knapp 1.700 ver­hin­der­ten Todes­fäl­len in der HZV aus.

Auch die Ärz­te pro­fi­tie­ren. „Die leis­tungs­ge­rech­te Hono­rie­rung in fes­ten Euro­be­trä­gen ohne Bud­ge­tie­rung sichert die wirt­schaft­li­che Zukunft unse­rer Pra­xen und bie­tet Pla­nungs­si­cher­heit für Inves­ti­tio­nen und lau­fen­de Kos­ten“, sagt Haus­arzt Mar­kus Com­mon. Und mit der Ver­sor­gungs­as­sis­ten­tin in der Haus­arzt­pra­xis – der VERAH- steht die HZV für moder­ne, team­ori­en­tier­te Pra­xis­struk­tu­ren. Denn die VERAH ent­las­tet die Medi­zi­ner etwa bei der Ver­sor­gung der älte­ren und mul­ti­mor­bi­den Pati­en­ten. Sie führt Haus­be­su­che durch und über­nimmt medi­zi­ni­sche Tätig­kei­ten, die nicht zwin­gend vom Arzt erbracht wer­den müs­sen. „HZV-Pra­xen sind“, so Com­mon, „für die Über­nah­me durch den ärzt­li­chen Nach­wuchs erheb­lich attrak­ti­ver und damit auch ein Mit­tel gegen den Haus­ärz­te­man­gel im länd­li­chen Raum.“

Die HZV ent­wi­ckelt sich im Übri­gen wei­ter: Mit Nephrolo­gie, Pul­mo­lo­gie und HNO wird die alter­na­ti­ve Regel­ver­sor­gung auf der Fach­arzt­schie­ne im kom­men­den Jahr erwei­tert. Außer­dem wer­den die durch den HZV ver­netz­ten Haus- und Fach­ärz­te zunächst mit drei IT-Anwen­dun­gen im ers­ten Quar­tal 2019 suk­zes­si­ve digi­ta­le Struk­tu­ren auf­bau­en. Der elek­tro­ni­sche Arzt­brief wird erst­mals klar defi­nier­te Infor­ma­tio­nen bei Über­wei­sung und Rück­über­wei­sung struk­tu­riert und damit digi­tal ver­ar­beit­bar in Echt­zeit zur Ver­fü­gung stel­len. Die elek­tro­ni­sche Arbeits­un­fä­hig­keits­be­schei­ni­gung (E‑AU) ver­ein­facht und beschleu­nigt die Ver­ar­bei­tung, so dass zum Bei­spiel Kran­ken­geld noch schnel­ler an die lang­zeit­er­krank­ten Ver­si­cher­ten über­wie­sen wer­den kann. Das elek­tro­ni­sche Medi­ka­ti­ons­dos­sier (Haus­ko­met) zeigt allen an der Behand­lung betei­lig­ten und an der Ver­net­zung mit­wir­ken­den Pra­xen die medi­ka­men­tö­se The­ra­pie an, Ände­run­gen oder Ergän­zun­gen von Fach­ärz­ten wür­den ange­zeigt und pro­to­kol­liert.