Dario hatte nicht einmal mehr Zeit, seine Schultüte auszupacken”

Prozessauftakt. Der Angeklagte, Drazen D., hat sich unkenntlich gemacht. Unter der über den Kopf gezogenen Trainingsjacke ist nur seine Hand zu erkennen. Zusammengekauert sitzt er an der Anklagebank. Foto: gg

Am zwei­ten Tag des Pro­zes­ses um den Drei­fach­mord von Vil­lin­gen­dorf kam unter ande­rem die Tan­te des getö­te­ten Jun­gen zu Wort. Die 33-Jäh­ri­ge erzähl­te, dass ihre Schwes­ter furcht­bar lei­de unter dem Tod des Kin­des und ihres neu­en Lebens­part­ners, mit dem sie sich kurz zuvor ver­lobt hat­te. „Er hat mei­ne Eltern gefragt, ob er sie hei­ra­ten darf.” Ihre Schwes­ter wei­ne stän­dig und gehe täg­lich auf den Fried­hof. „Das woll­te er wahr­schein­lich”, so die 33-Jäh­ri­ge, die die meis­te Zeit sehr gefasst wirk­te.

Sie erzähl­te aber auch, dass ihre Schwes­ter schon zu dem Zeit­punkt, als sie mit Dario schwan­ger war, unter der Gewalt des jetzt ange­klag­ten Dra­zen D. litt. Er habe ihr ein­mal gedroht, ihr das Kind mit dem Mes­ser aus dem Bauch zu schnei­den. Sie sei immer wie­der von ihm weg­ge­lau­fen, eine Zeit­lang habe sie auch im Frau­en­haus gelebt. Trotz­dem sei sie jedes­mal wie­der zu ihm zurück­ge­kehrt, da sie Angst vor ihm hat­te: er wür­de sie über­all fin­den, habe er gedroht. „Wenn sie bei mir zu Besuch war, hat er stän­dig ange­ru­fen!”, er sei sehr eifer­süch­tig und miss­trau­isch gewe­sen.

Und als sie sich dann doch von ihm trenn­te, habe es noch mehr Dro­hun­gen und Gewalt gege­ben. D. habe ihrer Schwes­ter das Auto zer­kratzt und die Roll­lä­den kaputt gemacht, „sie ging dann zur Poli­zei. Aber lei­der kommt die Poli­zei immer erst, wenn es zu spät ist.” Dann habe ihre Schwes­ter D. zufäl­lig in Sin­gen getrof­fen, er habe ihr gedroht, dass er jetzt alles vor­be­rei­tet habe, in einem Monat wer­de er die gan­ze Fami­lie umbrin­gen. Dario habe das alles mit­er­lebt, er habe nachts nicht mehr schla­fen kön­nen und kaum noch etwas geges­sen.
„Er hat mir erzählt, dass sein Papa alle erschießt!”

Dabei habe der Jun­ge sei­nen Vater geliebt, ihm ver­traut und ihn auch ver­tei­digt. Dann sei ihre Schwes­ter mit dem neu­en Lebens­ge­fähr­ten zusam­men­ge­zo­gen, so, dass der Ange­klag­te eigent­lich nicht wis­sen konn­te, wo die neue Woh­nung lag. „Mei­ne Schwes­ter war rich­tig glück­lich nach der Tren­nung.” Und auch Dario sei glück­lich gewe­sen, vor allem am Tag der Ein­schu­lung. Sie selbst, erzähl­te die 33-Jäh­ri­ge, sei bis etwa 18 Uhr bei der Fei­er dabei gewe­sen. „Wir haben uns ver­ab­schie­det. Ich habe ja nicht gewusst, dass ich ihn zum letz­ten Mal sehe”, sag­te sie, und man spür­te deut­lich, dass sie hier bei­na­he ihre Fas­sung ver­lor. „Er hat­te nicht mal mehr Zeit, sei­ne Schul­tü­te auf­zu­ma­chen. Wie kann man sei­nem Kind ein sol­ches Geschenk zur Ein­schu­lung machen?”

Der Ange­klag­te selbst saß die meis­te Zeit unge­rührt zwi­schen sei­nen Anwäl­ten, wäh­rend der Erzäh­lun­gen über die Gewalt gegen­über sei­ner Part­ne­rin rede­te er auf einen der bei­den ein, was schließ­lich den sonst eher gelas­se­nen Vor­sit­zen­den Karl­heinz Mün­zer ziem­lich sau­er wer­den ließ. Er sol­le auf­hö­ren, stän­dig zu reden und nach einer Pau­se fra­gen, wenn er sich mit sei­nen Anwäl­ten unter­hal­ten wol­le, so Mün­zer.

Zu Wort kamen am Mitt­woch auch meh­re­re Zeu­gen, die den grü­nen Seat des Ange­klag­ten am Tat­tag gese­hen hat­te. Eine Frau bei­spiels­wei­se nach­mit­tags vor der Turn­hal­le, in der die Ein­schu­lung statt­ge­fun­den hat­te. Sie habe aber wegen des strö­men­den Regens nicht gese­hen, ob jemand drin saß oder nicht. Meh­re­re Zeu­gen berich­te­ten, dass sie den Ange­klag­ten gegen 17.30 Uhr im Auto oder auch zu Fuß in der Nähe des Was­ser­re­ser­voirs bei Vil­lin­gen­dorf gese­hen hat­ten. So eine 30-Jäh­ri­ge, die beim Jog­gen an ihm vor­bei­ge­kom­men war. Ihr sei auf­ge­fal­len, dass der Mann nach kur­zem Blick­kon­takt den Kopf abge­wen­det habe. Nor­ma­ler­wei­se starr­ten ihr die Leu­te eher nach, daher habe sie das sogar als ange­nehm emp­fun­den. „Ich dach­te: Doch nicht jeder inter­es­siert sich für eine Frau allei­ne im Wald.” Als sie dann am nächs­ten Mor­gen von einem Bekann­ten per Whats­app das Fahn­dungs­fo­to aus der NRWZ geschickt bekom­men habe, „da dach­te ich, oje, das war der. Auweia.”

Der nächs­te Pro­zess­tag ist am Frei­tag, 6. April. Dann wer­den vor­mit­tags Not­ärz­te und Poli­zei­be­am­te zu Wort kom­men, am Nach­mit­tag Anwoh­ner des Tat­orts.