SPD-Bundestagskandidat Georg Sattler (von links), die Landtagsabgeordnete Sabine Wölfle, der grüne Bundestagskandidat Hubert Nowack und AWO-Kreis- und Aufsichtsratsvorsitzender Hans-Peter Faißt stellten sich im Anschluss an die öffentliche Veranstaltung im Kapuziner in Rottweil zum Gruppenfoto. Foto: pm

Landkreis Rottweil (pm). Deutschland gehen die Fachkräfte aus. Dies ist keine voreilige Befürchtung für die Zukunft, sondern bereits heute vielerorts ein großes Problem. Dabei klemmt es auch in den Berufen, in denen sich Menschen um andere kümmern. So auch im Bereich der Pflege. Dies schreibt die Arbeiterwohlfahrt in einer Pressemitteilung

Für die Arbeiterwohlfahrt (AWO) im Landkreis Rottweil ist diese Entwicklung Grund genug, öffentlich immer wieder auf das Thema aufmerksam zu machen. So war nun die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Sabine Wölfle, in den Landkreis Rottweil gekommen,

Die SPD-Landtagsabgeordnete Sabine Wölfle (rechts) informiert sich über das AWO-Heim in Dietingen. Ihre Gesprächspartner waren Einrichtungsleiterin Schaplewski (von links), AWO-Geschäftsführer Peter Hirsch, Aufsichtsrat Hans Heckel und AWO-Kreis- und Aufsichtsratsvorsitzender Hans-Peter Faißt. Foto: pm

um gemeinsam mit der AWO das Thema weiter zu vertiefen. Erstes Ziel war das Pflegeheim der AWO in Dietingen, wo derzeit 24 Einzelzimmer und sechs Plätze in der Kurzzeitpflege entstehen. Dort wurde sie von mehreren Vertretern der AWO, so von der Leiterin der Einrichtung, Schaplewski, und dem Vorsitzenden des AWO-Kreisverbands Rottweil, Hans-Peter Faißt, begrüßt.

 

Als Landesvorsitzende des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB), der sowohl einen Rettungsdienst, als auch Pflegeheime betreibt, kennt sie das Thema aus eigener Anschauung. Die fertig ausgebildeten Fachkräfte können sich ihren Arbeitgeber quasi aussuchen.

Doch auch im Landkreis Rottweil ist es für die Betreiber von Senioren- und Pflegeheimen nicht leicht, ausreichend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen. Nach einer dreijährigen Ausbildung bleiben die Fachkräfte im Schnitt gerade mal acht Jahre im Beruf. Dabei steht nicht die Bezahlung an erster Stelle, wenn es um die Frage geht, wie der Beruf attraktiver werden kann, sondern die Arbeitsbedingungen sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. So kommt es immer wieder vor, dass sich eine Altenpflegerin darauf freut, endlich nach drei Wochen wieder mal am Wochenende frei zu haben, den Kinobesuch oder andere Aktivitäten mit der Familie plant und dann am Tag vorher erfährt, dass sie als Krankheitsvertretung einspringen muss.

Zumindest bei der Bezahlung tut sich derzeit etwas. So sollen im Zuge der Vereinheitlichung der Ausbildung die früher unterschiedlich bezahlten Krankenpfleger, Kinderpfleger und Altenpfleger künftig gleich bezahlt werden. Weitere Schritte müssen aber folgen. Geht es nach der AWO, dann soll es ein verpflichtendes soziales Jahr für alle jungen Menschen geben, sobald diese ihre Schule abgeschlossen haben. In Dietingen ist man im Pflegeheim übrigens sehr froh über die zahlreichen ehrenamtlichen Helfer.

Der Geschäftsführer der AWO Soziale Dienste gGmbH, Peter Hirsch, zu der die AWO-Einrichtung in Dietingen gehört, fordert eine weitere Entbürokratisierung. So wünscht er sich, dass der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MdK) und die Heimaufsicht, ihre Prüfungen miteinander abstimmen und gemeinsam kommen, „anstatt den ganzen Laden zwei Mal komplett lahm zu legen“.

Nach einem Kurzbesuch beim Testturm von Thyssen-Krupp in Rottweil ging es weiter in den Kapuziner, wohin zahlreiche Besucher gekommen waren, um mit der Landtagsabgeordneten ins Gespräch zu kommen. Moderiert vom AWO-Kreisvorsitzenden Hans-Peter Faißt, ging es unter der Überschrift „Sozialpolitik neu denken“ um die Themen „Verbesserungen in der Pflege und Gewinnung von Fachkräften“, „Armut im Alter“ und „bezahlbarer Wohnraum“. Vor dem Hintergrund der Themen bedauerte Faißt, dass sich die Repräsentanten von Landkreis und Stadt für den Abend entschuldigt hatten. Dafür waren neben den Bundestagskandidaten Georg Sattler (SPD) und Hubert Nowack (Bündnis 90 / Die Grünen) zahlreiche Besucher gekommen, die in der einen oder anderen Form direkt mit den angesprochenen Themen zu tun haben.

Sabine Wölfle machte deutlich, dass es auch in einem Land „in dem man gut und gerne lebt“ eben auch Menschen gibt, denen es nicht so gut geht. Für die Betroffenen sei es zunächst egal, ob zehn oder drei von 100 Menschen betroffen sind: „Die betroffenen Menschen brauchen Hilfe“. Mit Blick auf den bezahlbaren Wohnraum forderte Wölfle, dass jedes Jahr 50 000 neue Wohnungen gebaut werden müssten, davon 5000 Wohnungen als Sozialwohnungen. Hans-Peter Faißt machte die Möglichkeiten an einem neuen Baugebiet in Rottweil fest. Wenn man dort je Quadratmeter nur drei Euro mehr verlangen würde, wären damit bereits die Grundstücke und die Erschließung für zwei Gebäude mit Sozialwohnungen finanziert.

Sabine Wölfle kritisierte, dass von den vier Moderatoren beim TV-Duell Merkel-Schulz keine Fragen zu den Themen gestellt wurden, die die Menschen wirklich bewegen. Dafür wurde bei der AWO-Veranstaltung umso engagierter diskutiert und nachgehakt. Die AWO wird auch nach der Bundestagswahl dranbleiben und weitere Veranstaltungen zu sozialen Fragen anbieten, wie bereits in der Vergangenheit zur Frage des bezahlbaren Wohnraums.