“Es gab eine Vorgeschichte” – Der Dreifachmord von Villingendorf

"Ich bin der, den ihr sucht", soll D. bei seiner Verhaftung gesagt haben - seither schweigt er

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Bei einer Pressekonferenz haben sich Staatsanwaltschaft und Polizei am Mittwoch sehr erleichtert über die Festnahme des fünf Tage lang flüchtigen, mutmaßlichen Dreifachmörders von Villingendorf geäußert. Der 40-Jährige war am Vorabend in Rottweil-Neufra gefasst worden (die NRWZ berichtete zuerst). “Ich bin der, den ihr sucht”, soll er den beiden Streifenbeamten, 33 und 39 Jahre alt und vom Revier Rottweil, gesagt haben, als sie ihn ansprachen. Nun aber schweigt er. Damit sind noch viele Fragen für die Ermittler offen – auch unbequeme zur Vorgeschichte der Tat.

UPDATE Donnerstag, 17.15 Uhr

Medien berichten heute, es habe im August, wenige Wochen vor der Tat, eine tätliche Auseinandersetzung zwischen den Expartnern am neuen Wohnort in Villingendorf gegeben. Das sei bei der Pressekonferenz am Mittwoch erklärt worden.

Die Videos von dieser Pressekonferenz geben diese Aussage nicht her. Deshalb haben wir nochmal beim Polizeipräsidium Tuttlingen nachgefragt. Die Antwort: Ganz klar nein, es hat in dem kleinen Ort bei Rottweil keinen Übergriff Ds. gegenüber seiner Familie gegeben, die da schon getrennt von ihm lebte. Und die sich ihm entzogen hatte, vor ihm auf der Flucht gewesen ist. Vielmehr konnte die Polizei davon ausgehen, dass sich die Lage zwischen den beiden getrennten Ex-Partner beruhigt hatte. So sei das vom Amtsgericht Tuttlingen gegenüber dem mutmaßlichen späteren Mörder ausgesprochene Annäherungsverbot in eine Vereinbarung zwischen diesem Mann und seiner Ex-Frau gewandelt worden, in beiderseitigem Einverständnis.

Weil sich die Frau weiterhin bedroht gefühlt hatte, weil die Polizei eine sogenannte Bedrohungssituation festgestellt hat, wurde sie nochmals eingehend von Beamten beraten, was sie zu ihrem Schutz und dem ihres Kindes tun könne. In die Beratung war ihr neuer Partner einbezogen.

Der spätere mutmaßliche Täter wiederum hatte eine Gefährderansprache über sich ergehen lassen müssen. Ihm musste klar gewesen sein, dass die Polizei ihn auf der Liste hat. Mehr ist in einem Rechtsstaat vor einer Tat nicht möglich.

Wie nun Drazen D. an die neue Adresse der kleinen Familie kam, die er später offenbar teilweise auslöschte, ist weiterhin unklar. Das ist Gegenstand der Ermittlungen, heißt es auf Nachfrage der NRWZ aus Tuttlingen. Die NRWZ interessiert sich dafür seit Montag nach der Tat.

Der Festgenommene, der in Untersuchungshaft sitzt, schweigt. Das tut er seit seinen beiden letzten Sätzen. “Ich bin der, den ihr sucht”, ist der wörtlich überlieferte. Den sprach er bei seiner Festnahme zu den beiden Streifenbeamten in Neufra. Und dann habe er zu verstehen gegeben, dass er nichts mehr sagen möchte. Daran hält er sich bis heute. Er wurde bisher nach Angaben eines Sprechers einmal nach der Festnahme von der Polizei befragt und einmal bei der richterlichen Anhörung zu seiner Inhaftierung. Ein Anwalt war bei ihm. Drazen D. schwieg jeweils. Er soll in den kommenden Tagen vernommen werden.

Am morgigen Freitag findet um 18 Uhr in der Kirche St. Gallus eine ökumenische Trauerfeier für die Opfer statt.

Der ursprüngliche Bericht

Der 40-jährige Drazen D. hat, davon gehen die Ermittler aus, am Donnerstag vergangener Woche vorsätzlich seinen sechsjährigen Sohn, dessen Cousine und den neuen Partner seiner Ex-Frau getötet. Mit einem Nachbau eines ehemaligen Militärgewehrs, einer Langwaffe, die er zum besseren Transport auf 53 Zentimeter Länge gestutzt hat. Heimtückisch, weil er die Arglosigkeit der Opfer ausgenutzt habe. Es sei also Mord gewesen, Dreifachmord. Hintergrund: die Trennung, finanzielle Schwierigkeiten. Aber auch ein Hang zur Gewalt, den er zuvor bereits an den Tag gelegt habe und der aktenkundig ist.

Auf unsere Nachfrage hin bestätigte Ermittlungschef Gerold Sigg, stellvertretender Polizeipräsident, das: Die Ex-Frau des mutmaßlichen Mörders hatte gegen ihn einen Gerichtsbeschluss erwirkt. Ihr hatte er sich seit März 2017 nicht mehr nähern dürfen. Und nach Einschätzung der Ermittler auch seinem Sohn nicht. Der Auslöser war, wie von der NRWZ berichtet, ein früherer Übergriff auf seine Frau. Es gab ein unbefristetes Annäherungsverbot, erlassen vom Amtsgericht Tuttlingen. Es habe auch eine Gefährderansprache stattgefunden, der der 40-Jährige sich habe unterziehen müssen, so Sigg. Die Ex-Frau sei im Rahmen eines Beratungsgesprächs in der neuen Wohnung in Villingendorf von der Polizei “sehr umfänglich” unterrichtet worden, was “im Fall verdächtiger Unternehmungen zu tun” sei.

Es hat eine Bedrohungssituation gegeben. Mit einem Übergriff war zu rechnen. Das gaben die Ermittler damit zu. Weiteres müsse nun in den kommenden Tagen und Wochen geklärt werden. Unklar damit auch noch, woher der Mann die Adresse seiner ehemaligen Familie in Villingendorf hatte.

Die Frau, die nicht angeschossen worden ist und die zu einer Nachbarin flüchten konnte, um die Polizei über die schreckliche Tat zu informieren, war danach mit einem Rettungswagen in eine Klinik gebracht worden. Offenbar unter Polizeischutz, wie Sigg auf Nachfrage der NRWZ betonte. Die Beamten seien erst gestern, nach der Festnahme des mutmaßlichen Täters abgezogen worden.

Eine interaktive Chronik der Ereignisse, Quelle: Zollern-Alb-Kurier (zur Vollbildversion):

Was klar ist: Drazen D. ist offenbar nach der Tat zunächst nach Herrenzimmern gefahren, hat dort sein Fluchtauto – den von seiner Schwester entwendeten Kleinwagen – abgestellt und ist in den Wald gegangen. Dort muss er mehr oder weniger ziellos umher geirrt und immer wieder seinen teils mehr als hundert Verfolgern von der Polizei entkommen sein. Bis er in Neufra auftauchte. “Ziemlich platt”, wie ihn die Streifenpolizisten beschrieben, die ihn festgenommen haben. Sie hatten keinerlei Mühe, den 40-jährigen in ihren Streifenwagen zu verfrachten. Für jeden anderen Fall, den Ernstfall aber wären sie ausgebildet gewesen, versicherte Vizepolizeipräsident Gerold Sigg vom Polizeipräsidium Tuttlingen. Der Festgenommene habe erschöpft gewirkt. Er war total durchnässt.

Ermittlungsleiter Rolf Straub wörtlich:

“Er (der Festgenommene) hat auch die Interpretation zugelassen, dass er sich die letzten Tage offensichtlich nur im Freien aufgehalten hat.”

D. war einigen Neufraer Bürgern zuvor aufgefallen, mit seinen drei Plastiktüten, mit denen er darum schlich. In einer, das konnte da niemand wissen, die Tatwaffe. Er lief erst Richtung Frittlingen, dann wieder in den Ort. Zwei Bürger riefen die Polizei. Die nahm ihn in der Spaichinger Straße fest. Im strömenden Regen hatte er unter einem Baum Schutz gesucht. Bei der Tatwaffe handelt es sich laut Ermittlungsleiter Rolf Straub um einen jugoslawischen Nachbau des deutschen Mehrladekarabiners K98k.

In der U-Haft schweigt D. nun.

Die Angehörigen der Opfer werden weiterhin von Seelsorgern betreut. Sie hatten laut Ermittlungsleiter Straub nach der blutigen Tat die schwere Aufgabe, die Toten identifizieren zu müssen.

Allerdings kann nun die Trauerfeier geplant werden. Der Termin für den Gedenkgottesdienst steht schon fest: Am Freitag, 22. September, findet um 18 Uhr in der Kirche St. Gallus eine ökumenische Trauerfeier statt um an die Opfer zu erinnern. Während einer turnusgemäßen Schulversammlung am Dienstagabend ist der Opfer mit einer Schweigeminute gedacht worden. Die Presse war dazu nicht zugelassen worden, nachdem ein für RTL und andere Privatsender arbeitendes Fernsehteam aus Mannheim am Morgen unvermittelt in den Räumen der Erstklässler an der Villingendorfer Schule aufgetaucht war. An dieser Schule sollte eigentlich der getötete Sechsjährige sein, er war gerade eingeschult worden.

Eine Kastanie vor dem Schulgebäude soll gepflanzt werden, teilten Bürgermeister Karl-Heinz Bucher und Schulrektor Rainer Kropp-Kurta in einer gemeinsamen Erklärung mit. Sie solle “Trauer und Schmerz, aber auch Leben und Hoffnung symbolisch Ausdruck verleihen.”

Kropp-Kurta und Bucher, aber auch Sigg hoben die Hilfsbereitschaft und den Gemeinschaftssinn der Villingendorfer hervor, die seit der Tat eng zusammen stünden.

Hier das Schreiben von Bürgermeister und Rektor im Wortlaut:

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

mit Bestürzung und Betroffenheit erfuhren wir von der unfassbaren Tat, welche in den Abendstunden des 14. Septembers 2017 drei Menschen, darunter einen eben erst eingeschulten Sechsjährigen, unvermittelt aus dem Leben riss. In den darauf folgenden Tagen lag große Ungewissheit, Sorge und eine diffuse Angst über der Gemeinde, die erst mit der Festnahme des flüchtigen Täters am 19. September ein Ende fand.

Unsere tiefe Anteilnahme und unser großes Mitgefühl gilt den Angehörigen der drei Opfer. Dem sechsjährigen Jungen wurde in der Elternvollversammlung und in der Schule jeweils mit einer Schweigeminute gedacht. Seitens der Schulgemeinschaft wird eine Kastanie gepflanzt, welche Trauer und Schmerz, aber auch Leben und Hoffnung symbolisch Ausdruck verleihen soll.

In den schweren Stunden standen die Bürgerinnen und Bürger Villingendorfs, die Eltern der Grund- und Werkrealschule und der Kindertageseinrichtungen zusammen und alle beteiligten Einsatzkräfte der Polizei wuchsen in großartiger Weise über sich hinaus. Dank der wertvollen Unterstützung durch die Helferteams, Feuerwehr und Rettungskräfte, der besonnenen und immer aktuellen Berichterstattung der lokalen Presse sowie dem Krisenmanagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Verwaltung und Schule konnte die Polizei, dort wo erforderlich, unterstützt werden. Darüber hinaus war in der Bevölkerung ein hervorragender Gemeinschaftssinn zu erkennen. Dieser kam in vielfältiger Weise, wie beispielsweise durch die zahlreichen Hilfsangebote privaterseits, zum Ausdruck. Ihnen allen sind wir zu großem Dank verpflichtet. In den Predigten der evangelischen und katholischen Sonntagsgottesdienste der letzten Woche wurden die Trauer und der Schmerz der Betroffenen und der Menschen in Villingendorf in den Mittelpunkt gestellt.

Am Freitag, 22. September findet um 18 Uhr in der St. Galluskirche eine ökumenische Trauerfeier statt, um an die Opfer des Gewaltverbrechens zu erinnern und die Trauer der Angehörigen und vieler Betroffener aufzunehmen.

Der Schock über die Tragödie sitzt nach wie vor tief. All dies zu verarbeiten wird sicherlich noch Wochen und Monate dauern. Wir wünschen allen Angehörigen und Betroffenen viel Kraft, Mut, Zuversicht und ganz besonders Gottes Segen.

Karl-Heinz Bucher, Bürgermeister

Rainer Kropp-Kurta, Rektor

Hinweis: Am Abend wird die NRWZ eine Videozusammenfassung der Pressekonferenz vom heutigen Nachmittag online stellen.