Kurz vor Ende der Jagd­sai­son fand in einem Schram­ber­ger Jagd­re­vier eine Drück­jagd statt. Am 28. Janu­ar woll­ten Jäger auf Schram­ber­ger Gemar­kung mög­lichst vie­le Rehe, Füch­se und Wild­schwei­ne erle­gen (sie­he Extra-Bericht unten). Die Jagd­form ist umstrit­ten. Forst­leu­te hal­ten sie trotz aller Beden­ken der Tier­schüt­zer für notwendig.

„Eine Drück­jagd ist nichts Beson­de­res”, wun­dert man sich beim Kreis­forst­amt über die Nach­fra­ge der NRWZ. Bei der Drück­jagd sind meh­re­re Jäger mit eini­gen Trei­bern und manch­mal auch mit Stö­ber­hun­den im Wald unter­wegs. Die Trei­ber scheu­chen das Wild auf, und die Tie­re nähern sich den Jägern, die an den Wech­seln auf dem Hoch­sitz auf sie war­ten. Die Tie­re kämen eher lang­sam aus dem Wald und könn­ten des­halb „sicher und tier­schutz­ge­recht erlegt wer­den“, heißt es beim Deut­schen Jagd­ver­band. Eine Drück­jagd kön­ne jeder Jagd­päch­ter in sei­nem Revier selb­stän­dig orga­ni­sie­ren. „Das ist nicht geneh­mi­gungs­pflich­tig“, so die Aus­kunft des Land­rats­am­tes. Ledig­lich die Stra­ßen­ver­wal­tung müs­se gege­be­nen­falls infor­miert werden.

Di Simio.

Kei­nes­wegs harm­los fin­det Clau­dio Di Simio die Jagd: „Wir (Tier­schüt­zer, Anmer­kung der Redak­ti­on) leh­nen die Jagd unein­ge­schränkt ab.“ Sie sei grund­sätz­lich „nicht mög­lich, ohne Tier­leid in Kauf zu neh­men“, so der Vor­sit­zen­de des Tier­schutz­ver­eins Schram­berg auf Nach­fra­ge der NRWZ. Des­halb wür­den gera­de für die Bewe­gungs­jag­den wie die Drück- und die Treib­jagd vie­le Aus­nah­men im Tier­schutz­ge­setz gemacht.

Nagel.

„Eine Drück­jagd hört sich für das Wild furcht­bar an“, ent­geg­net die Diplom­forst­wir­tin Doro­thee Nagel. Wenn dafür aber sonst im Jahr kaum eine Jagd im Revier statt­fin­de, sei es eine erfolg­rei­che Form der Jagd, die eine Dau­er­be­las­tung der Tie­re verhindere.

Ohne Jagd aber sei es unmög­lich, den Wald in sei­ner jet­zi­gen Form zu erhal­ten: „In unse­ren Wäl­dern herrscht ein extrem hoher Wild­be­stand, was sich dadurch zeigt, dass der Wild­ver­biss sehr hoch ist, und es so nur schwer zu Jung­wuchs kommt.“ Da die natür­li­chen Fein­de fehl­ten, die den Bestand an Rehen und Wild­schwei­nen regu­lie­ren wür­den, wer­de es nicht ohne Jäger gehen. Dazu meint Di Simio: „Die Beja­gung zur Ver­mei­dung von Schä­den in Forst und Land­wirt­schaft ist öko­no­misch, nicht öko­lo­gisch motiviert.“

Für Nagel sor­gen auch wir Men­schen dafür, dass es dem Wald nicht gut geht: „Die extrem star­ke Nut­zung des Walds als Erho­lungs­funk­ti­on ver­stärkt den Ver­biss, weil das Wild einen deut­lich erhöh­ten Stress­pe­gel hat und des­halb einen höhe­ren Fut­ter­be­darf.“ Gra­de Hun­de­hal­ter, die ihre Hun­de im Wald frei lau­fen lie­ßen, sorg­ten für enor­men Stress bei den Wildtieren.

Sowohl die Forst­ex­per­tin als auch der Tier­schüt­zer füh­ren die Natur­schüt­zer ins Feld. Di Simio ver­si­chert: „Die Sinn­haf­tig­keit der Regu­la­ti­on (Arten­schutz) wird mitt­ler­wei­le von sämt­li­chen gro­ßen Natur­schutz­ver­bän­den abgestritten.“

Ganz im Gegen­teil, so Nagel: Der Natur­schutz sei über­zeugt, dass es die Jagd „geben muss, weil vie­le Pflan­zen­ar­ten sonst gefähr­det wären. Unser Wald wäre deut­lich stär­ker von der Fich­te domi­niert, weil die­se nicht ger­ne gefres­sen wird.“ Wegen des Kli­ma­wan­dels, den die Fich­te nicht ver­trägt, wäre das aber ein Pro­blem für den Wald.

„Hoo, ho hooo“, die Trei­ber zie­hen durchs Revier.

Nach Ansicht der Tier­schüt­zer haben Drück- und Treib­jag­den aber wei­te­re gra­vie­ren­de Nach­tei­le für die bejag­ten Tie­re. Die Jäger hät­ten bei die­sen For­men der Jagd wenig Zeit, „um ein Tier rich­tig ‚anzu­spre­chen‘“. Das heißt, der Jäger kann das Tier vor sei­ner Büch­se nicht genau anschau­en, bevor er abdrückt. „Bei schnel­len Bewe­gungs­jag­den auf Schwarz­wild im Win­ter besteht die Gefahr, dass eine Bache, die Frisch­lin­ge mit sich führt, nicht als sol­che erkannt wird“, so Di Simio. Stimmt schon, so Nagel, aber durch die stän­di­ge Wald­nut­zung wer­de es für die Jäger immer schwie­ri­ger, Wild vom Ansitz aus zu erle­gen. Sie fän­de es auch schön, „wenn sich im Wald alles von selbst regeln wür­de. Dann müss­te aber der Mensch kom­plett aus die­sen Gebie­ten ver­trie­ben wer­den, also auch kei­ne Sonn­tags­spa­zier­gän­ge, Jog­gen, Rad­fah­ren, Klet­ter­wald, Hun­de aus­füh­ren“, so die Forst­wir­tin, „und ein Wolf, Bär, Luchs oder am bes­ten alle müss­ten eben­falls wie­der her.“

Schließ­lich führt Di Simio noch ein Argu­ment an, das an die Waid­mann­seh­re geht: „Weil die Tie­re in Bewe­gung sind, wird vom Schüt­zen eine hohe Treff­si­cher­heit abver­langt.“ Dar­an hape­re es oft. Bei der Reform des Lan­des­jagd­ge­set­zes hät­ten sich die Jäger vehe­ment dage­gen gewehrt, ihre Treff­si­cher­heit bewei­sen zu müs­sen. Mit Erfolg. Die Jäger müss­ten nur bele­gen, dass sie an Schieß­übun­gen teil­ge­nom­men haben. „Ob der Jäger auch ins Schwar­ze tref­fen kann, muss nicht nach­ge­wie­sen wer­den.“ Stimmt so nicht, meint dazu Jür­gen Wip­pel, stell­ver­tre­ten­der Pres­se­spre­cher Minis­te­ri­um für Länd­li­chen Raum und Verbraucherschutz.

Die Jäger sol­len und wol­len einen „‘sau­be­ren‘ – also einen unmit­tel­bar töd­li­chen – Schuss anbrin­gen, der dem Tier ver­meid­ba­res Leid erspart.“ Des­halb wür­den sie auch bei Drück­jag­den nicht auf schnell flüch­ten­des Wild anle­gen. Außer­dem müss­ten sie die Teil­nah­me an Schieß­übun­gen nach­wei­sen. Dass sie die Treff­si­cher­heit nicht eben­falls bele­gen müs­sen, habe eher prag­ma­ti­sche Grün­de: „Der Ver­wal­tungs­auf­wand zur Abnah­me sol­cher Prü­fun­gen wäre immens.“

Tier­schüt­zer Di Simio bleibt skep­tisch, er ver­weist auf eine Unter­su­chung aus Hes­sen. Dort habe man fest­ge­stellt, dass „nur ein Drit­tel der Schüs­se sofort töd­lich sind“. Es kön­ne dann „mit­un­ter Stun­den dau­ern, bis ver­letz­te Tie­re erlöst wer­den, vor­aus­ge­setzt, sie wer­den gefunden“.

Trotz jagd­li­chem Miss­er­folg: Jagd­päch­ter Thi­lo Geis­ler bleibt gut gelaunt.

Wildschweine: Zu schlau für die Jäger

Drückjagd Mit 30 Jagdteilnehmern im Wald unterwegs

Ende Janu­ar traf sich eine Jagd­ge­sell­schaft im Revier von Thi­lo Geis­ler. Etwa 30 Jäger und Trei­ber stapf­ten einen ver­schnei­ten Wald­weg hin­auf, bis zu einem Holz­platz. Auch ein dut­zend Hun­de zog an den Lei­nen den Berg hoch. Dort hat­te der Jagd­päch­ter schon alles für ein Ves­per nach der Jagd vor­be­rei­tet. Doch zuvor stand für Hun­de, Jäger und Trei­ber ein anstren­gen­des Pro­gramm bevor.

Guten Mor­gen zusam­men“, begrüßt Geis­ler die Gesell­schaft. Es sei die ers­te Treib­jagd, die er in sei­nem Revier ver­an­stal­te. Auf Schwarz­wild, Reh und Fuchs soll es gehen. Alle tra­gen neon-leuch­ten­den Jacken und Müt­zen, wer ohne kommt, wird mit einer Warn­wes­te ver­sorgt. Auch die Hun­de sind mit Leucht­wes­ten aus­staf­fiert. Den Jägern weist Geis­ler ihre fes­ten Plät­ze an. Mar­kiert hat er auch, in wel­che Rich­tung sie nicht schie­ßen dürfen.

Über den Weg hat Geis­ler Schil­der an rot-wei­ßem Tras­sier­band gehängt. „Ach­tung Jagd“. Es dau­ert eine Wei­le, bis alle Jäger ihre Posi­tio­nen erreicht haben. Die Hun­de wer­den lang­sam ner­vös und bal­gen sich unter­ein­an­der. Die Trei­ber mar­schie­ren wei­ter den Berg hoch, tei­len sich in zwei Grup­pen. Die zie­hen durch den Wald in einer Ket­te, so im Abstand von 15 bis 20 Metern. „Hoo, ho, hooo“, rufen die Trei­ber, die Hun­de lau­fen auf­ge­regt hin und her, manch­mal kläfft einer. Anfangs ist der Wald noch licht, doch dann kommt das Dickicht.

Der schwe­re Schnee auf den Zwei­gen wuscht einem ins Gesicht. Wir rufen und joh­len, doch kein Reh, kein Fuchs und kei­ne Sau läßt sich bli­cken oder gar erle­gen. Nach einer drei­vier­tel Stun­de ist noch kein Schuss gefal­len. „Die Sau­en sind schlau­er als die Jäger“, meint einer der Trei­ber leicht ange­fres­sen. Das Wald­stück ist durch­kämmt. „Wir gehen jetzt rüber an den Süd­hang“, gibt Geis­ler die neue Rich­tung vor, „da lie­gen sie ger­ne in der Son­ne.“ Doch auch da hilft alles „hoho­ho-Rufen“ nichts. Wir sehen zwar vie­le Spu­ren von Rehen und Wild­schwei­nen, doch an die­sem Sams­tag­mor­gen hat­ten sie wohl ande­re Pläne.

Nach zwei Stun­den keh­ren wir zurück zum Aus­gangs­punkt. „Stre­cke legen“ fällt aus. Es sind zwar zwei Schüs­se gefal­len, aber erlegt haben die Jäger nichts. „Das kann pas­sie­ren, das weiß man nie“, ver­si­chert Geis­ler. Er hat­te unter­des­sen unter einem gro­ßen Kes­sel ein Feu­er ange­zün­det. Jetzt wirft er rote Würs­te hinein.

Lang­sam kom­men auch die Jäger von ihren Pos­ten zurück. Gese­hen hat der ein oder ande­re schon Reh und Fuchs. Aber zum Schuss gekom­men sei­en sie nicht, erzäh­len sie. Die Ent­fer­nung war zu groß, das Reh in zu schnel­ler Bewe­gung. „Eigent­lich wären die Bedin­gun­gen heu­te super gewe­sen“, fin­det Geis­ler, „Son­ne, Schnee…“

Erstaun­lich, kei­ner mault. Die Würs­te sind heiß, das Bier ist kalt. Und so steht die Jagd­ge­sell­schaft auf dem Platz, plau­dert und genießt die fri­sche Luft.