ROTTWEIL – Der dro­hen­de Pfle­ge­not­stand ist der­zeit das The­ma, das land­auf, land­ab dis­ku­tiert wird. Fie­ber­haft wird nach Lösun­gen gesucht, die eine Ver­bes­se­rung der Situa­ti­on in der Kran­ken- und Alten­pfle­ge ver­spre­chen. So stand die Pfle­ge dann auch bei der Vor­stands- und Aus­schuss­sit­zung des Kreis­se­nio­ren­rats Rott­weil mit dem CDU-Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Ste­fan Teu­fel im Mit­tel­punkt einer teil­wei­se emo­tio­nal geführ­ten Dis­kus­si­on.

Für die Sozi­al­po­li­tik braucht man einen lan­gen Atem“, eröff­ne­te Teu­fel sein State­ment. Aus sei­ner Sicht wird die Digi­ta­li­sie­rung auch im Gesund­heits­we­sen rasant an Bedeu­tung gewin­nen. Sor­ge berei­tet ihm die gro­ße Fluk­tua­ti­on in den Pfle­ge­be­ru­fen. Durch­schnitt­lich beschrän­ke sich die Tätig­keit im Pfle­ge­be­ruf gene­rell auf elf Jah­re, spe­zi­ell in der Alten­pfle­ge sogar auf nur noch gut drei Jah­re. Mit Blick auf die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung im länd­li­chen Raum warn­te Teu­fel vor einer wei­te­ren Absen­kung der Ver­weil­dau­er in den Kran­ken­häu­sern auf unter fünf bis sechs Tage sowie einem noch­ma­li­gen Bet­ten­ab­bau. „Dage­gen weh­re ich mich.“

Nach Ansicht von Win­fried Halu­sa, dem Vor­sit­zen­den des Kreis­se­nio­ren­rats, kann es mit der Pfle­ge, so wie es der­zeit lau­fe, nicht mehr wei­ter­ge­hen: über­las­te­tes Per­so­nal, extrem hohe Fluk­tua­ti­on, feh­len­de Wert­schät­zung, zu gerin­ge Bezah­lung, die wegen der Arbeits­zei­ten schwie­ri­ge Ver­ein­bar­keit von Beruf und Fami­lie und ein leer­ge­feg­ter Arbeits­markt für Pfle­ge­per­so­nal. Halu­sa sah in der immer wie­der gefor­der­ten bes­se­ren Bezah­lung kein All­heil­mit­tel. Er reg­te an, ein spe­zi­el­les Modell für die Rekru­tie­rung von Pfle­ge­kräf­ten im Aus­land zu ent­wi­ckeln. „Man könn­te über bila­te­ra­le Abkom­men mit bestimm­ten Län­dern poten­zi­el­le Pfle­ge­kräf­te anwer­ben, die mit finan­zi­el­ler Unter­stüt­zung Deutsch­lands bereits in ihrem Land ein Jahr lang in Deutsch und Pfle­ge­grund­la­gen unter­rich­tet wer­den. Ich glau­be, dass wir über kurz oder lang nicht um ein sol­ches Anwer­be­mo­dell her­um­kom­men“, mein­te Halu­sa und ver­wies auf die demo­gra­fi­sche Ent­wick­lung: immer mehr älte­re Men­schen, aber immer weni­ger jun­ge Men­schen, die dem Arbeits­markt zur Ver­fü­gung ste­hen. „Das geht schon mathe­ma­tisch nicht.“

Die­ter Gaus, Liga der Frei­en Wohl­fahrts­pfle­ge, erin­ner­te dar­an, dass der Per­so­nal­man­gel für ambu­lan­te und sta­tio­nä­re Pfle­ge­ein­rich­tun­gen im Kreis Rott­weil zu einem Pro­blem wer­den könn­te, so dass sie nie­man­den mehr neu auf­neh­men könn­ten. Auch ihm berei­te­te der kur­ze Ver­bleib im Pfle­ge­be­ruf Kopf­zer­bre­chen. Der erfah­re­ne Aus­bil­der unter­strich, dass die Schü­ler immer mehr über den aus­ufern­den Admi­nis­tra­ti­ons­auf­wand klag­ten, der ihnen die Freu­de am Pfle­ge­be­ruf ver­gäl­le. Die Schü­ler gin­gen hoch­mo­ti­viert in ihren Beruf. Nach eini­ger Zeit sei­en sie aber völ­lig des­il­lu­sio­niert. Auch Albert Röcker, Ver­tre­ter der Pfle­ge­hei­me, beklag­te die wach­sen­de Büro­kra­tie und den zuneh­men­den Kon­troll­wahn. Zudem kri­ti­sier­te Röcker, dass Baden-Würt­tem­berg das ein­zi­ge Bun­des­land sei, das bis­lang kei­nen gül­ti­gen Per­so­nal­schlüs­sel für Pfle­ge­hei­me zustan­de gebracht habe. Vehe­ment wehr­te sich Röcker gegen die Ansicht, die sta­tio­nä­re Pfle­ge sei zu teu­er. Mat­thi­as Kohl­ha­se frag­te sich, ob es für ein­fa­che Pfle­ge­tä­tig­kei­ten immer gleich exami­nier­te Kräf­te sein müss­ten.

Ich bin zutiefst davon über­zeugt, dass die Pfle­ge teu­rer wird“, beton­te Teu­fel und ver­wies auf die neue Unter­gren­ze im Per­so­nal­schlüs­sel. Man wer­de nicht dar­um her­um­kom­men, die Bei­trä­ge zur Pfle­ge­ver­si­che­rung zu erhö­hen. Aus sei­ner Sicht müs­se das Land über­le­gen, wie­der in die För­de­rung der Pfle­ge­hei­me ein­zu­stei­gen. Kei­ne Illu­sio­nen mach­te sich Teu­fel bezüg­lich einer Redu­zie­rung der Büro­kra­tie. Der Abge­ord­ne­te gab Halu­sa inso­fern recht, dass es gebo­ten sei, dem Ärz­te- und Pfle­ge­kräf­te­man­gel durch inno­va­ti­ve Model­le ent­ge­gen­zu­wir­ken.

In der Fra­ge zur ärzt­li­chen Ver­sor­gung im länd­li­chen Raum ver­wies Teu­fel auf das Land­arzt­pro­gramm. Auch hof­fe er, dass das von der CDU initi­ier­te Sti­pen­di­um Modell für jun­ge Medi­zi­ner in den Haus­halts­be­ra­tun­gen fest­ge­zurrt wer­de. „Ange­hen­de Medi­zi­ner erhal­ten ein Sti­pen­di­um, wenn sie sich ver­pflich­ten, als Arzt min­des­tens 60 Mona­te lang in unter­ver­sorg­ten Gebie­ten tätig zu wer­den.“ Der Poli­ti­ker ging davon aus, dass die Land­arzt­pra­xis bis­he­ri­ger Prä­gung ein Aus­lauf­mo­dell sei und durch medi­zi­ni­sche Ver­sor­gungs­zen­tren abge­löst wer­de, in dem meh­re­re Ärz­te tätig sei­en.

Zur For­de­rung des Lan­des­se­nio­ren­rats, ein Anhö­rungs­recht für Senio­ren­rä­te in der Gemein­de­ord­nung ent­spre­chend des im Para­gra­fen 41 a gere­gel­ten Betei­li­gungs­rechts Jugend­li­cher zu ver­an­kern, mein­te Teu­fel, dass die Senio­ren­ver­tre­tun­gen sowie­so bei Senio­ren-Ange­le­gen­hei­ten gehört wür­den. Dem wider­sprach Kohl­ha­se aber aus eige­ner Erfah­rung mit dem Schram­ber­ger Gemein­de­rat. Als das Senio­ren­fo­rum gegrün­det wor­den sei, sei in der Sat­zung die Ver­pflich­tung des Gemein­de­rats, in allen Senio­ren­fra­gen das Senio­ren­fo­rum anzu­hö­ren, auf­ge­nom­men wor­den. Die Pra­xis sehe völ­lig anders aus. Nicht ein ein­zi­ges Mal sei das Senio­ren­fo­rum zu einer Anhö­rung ein­ge­la­den wor­den.