Geldgeschenke für die Sedans-Veteranen

Geldgeschenke für die Sedans-Veteranen

In den ersten Septembertagen 1870, vor 150 Jahren also, wurde Europa umgekrempelt. Durch den deutschen Sieg in der Schlacht von Sedan zerbrach das Zweite französische Kaiserreich. Zugleich wurde der Weg zum preußisch-deutschen Nationalstaat geebnet. In der Region Rottweil erinnert an diese lange glorifizierten Geschehnisse heute wenig. In Böhringen hat sich ein Denkmal erhalten.

Kraftvoll und wuchtig wirkt der Adler, der den schlank aufragenden Obelisken an der Einmündung der Rotenzimmerner Straße in die Hauptstraße bekrönt. Im Gegensatz zu vielen Monumenten, die an die Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege erinnern, wird hier etwas mit erkennbarem Stolz in Erinnerung gerufen: Die Mitwirkung von Männern aus Böhringen am sogenannten deutsch-französischen Krieg 1870/71.

Auf dem Steinpostament finden sich ihre 16 Namen, verbunden mit Angaben zu Schlacht- und Einsatzorten sowie zur Regimentszugehörigkeit. Sie wurden damit eingebunden in eine Heldenerzählung, die das Geschichtsbild für Generationen prägte.

Dessen wichtigste Koordinaten waren zum einen der Sieg über das im 19. Jahrhundert zum „Erbfeind“ stilisierte Frankreich. Symbolisch stand hierfür der „Sedanstag“, den man am 2. September als bedeutenden nationalen Feiertag beging. Und zum andern die Gründung des Wilhelminischen Kaiserreichs am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles.

An diesen epochalen Entwicklungen, mit denen ein seit der napoleonischen Zeit gehegter Wunsch nach nationaler Einigung endlich erfüllt schien, hatten auch Böhringer ihren Anteil – so stellt es das Denkmal dar. Erleichtert wurde diese heroische Sichtweise durch den Umstand, dass keiner von ihnen im Krieg sein Leben verlor.

Auch danach erging es den Kriegsheimkehrer nicht schlecht: Sie wurden regelrecht verehrt und erhielten materielle Vergünstigungen der Gemeinde. Noch 1895, so berichtet es das Heimatbuch Böhringen, wurden die Veteranen anlässlich der 25-Jahr-Feier des Siegs bei Sedan abermals mit einem Geldgeschenk geehrt.

Das Böhringer Kriegerdenkmal wurde erst 1909 errichtet, nachdem viele Augenzeugen der Sedansschlacht wohl bereits verstorben waren. Das Monument zeugt damit auch von der tiefgreifenden Militarisierung der Gesellschaft, die sich im Kaiserreich bis in die Landgemeinden hinein vollzogen hatte.

So viel Glück wie die Böhringer Kombattanten hatten übrigens nicht alle Kriegsteilnehmer. Die Zahl der getöteten deutschen Soldaten wird auf etwa 48.000 geschätzt. Frankreich, auf dessen Territorium sich der ganze Krieg mit Ausnahme einer ersten Schlacht bei Saarbrücken abspielte, hatte rund 140.000 Gefallene zu beklagen. Nicht zuletzt verzerrt die Deutung, dass der Krieg irgendwie bei Sedan endete, die Tatsachen. Was danach kam, ein schmutziger, hässlicher Krieg an der Loire im Herbst und Winter, Raubzüge, die Belagerung und Besetzung von Paris, die schon auf die Kriegsführung des 20. Jahrhundert verweisen, wurden in der Rückschau gerne verdrängt.

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Quelle: NRWZ.de – veröffentlicht am 6. September 2020 von Andreas Linsenmann (al). Erschienen unter https://www.nrwz.de/kreis-rottweil/geldgeschenke-fuer-die-sedans-veteranen/273047