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Dienstag, 18. Februar 2020

Kinderbilder im Richterzimmer

Amtsrichter Uwe Kopahnke geht in Ruhestand

Ein Richter am Amtsgericht Oberndorf  geht in Ruhestand: Uwe Kopahnke, der vor wenigen Tagen 64 Jahre alt wurde, hängt Ende Januar seine Robe endgültig an den Nagel. In Alpirsbach aufgewachsen hatte er in Freudenstadt Abitur gemacht. Seit vielen Jahren lebt er mit seiner Familie in Waldmössingen.

Bei einem Pressegespräch, zu dem Amtsgerichtsdirektor  Wolfgang Heuer eingeladen hatte, nahm Kopahnke kein Blatt vor den Mund. Er schilderte seine Zeit  als junger Richter in Aalen, bei  der Staatsanwaltschaft Rottweil, als „Aufbauhelfer“ in Leipzig und insbesondere als Familienrichter am Amtsgericht Oberndorf.

Nach dem Jurastudium in Konstanz kam der 26-Jährige ans Amtsgericht Aalen-Ellwangen. Ein Richter dort war sehr lange krank gewesen – und so lagern „Berge von Akten“ auf Kopahnkes Schreibtisch. Sein Vorgänger muss recht unbeliebt gewesen sein, denn eines Tages hatten Unbekannte einen Grabstein ausgebuddelt und vor das Amtsgericht gestellt.

Über seine Frau, die bei einem Oberndorfer Rechtsanwalt arbeitete, fand 1983 Kopahnke wieder in die nähere Heimat zurück. Die Familie zog nach Waldmössingen und aus dem Richter Kopahnke wurde 1986 Staatsanwalt Kopahnke. Doch schnell war ihm klar: „Da bleibe ich nicht.“ Ihm fehlte die richterliche Unabhängigkeit. Fast schon militärisch sei es da zugegangen.

Aufbauhelfer Ost

Nach der Wende sei er 1992 gefragt worden, ob er nicht Aufbauhilfe im Osten leisten wolle. Und beim zweiten Mal habe er zugestimmt und wechselte für 15 Monate nach Leipzig ans dortige Landgericht. „Das war ein großer Reiz für mich“, so Kopahnke, „beim Aufbau der Justiz nach rechtsstaatlichen Prinzipien mit zu helfen.“

In Leipzig leitete er eine von vier Jugendschöffengerichtskammern. Es sei sehr holprig gewesen, aber er bereue keinen Tag. Leipzig das waren unendlich lange Arbeitstage und eine primitive Bude zu horrenden Preisen: „Es war wie Wild West.“ Die „Rote Socken-Connection“ sei noch sehr aktiv gewesen, erinnert sich Kopahnke. Die Strafzumessungen waren drakonisch. „Unschuldsvermutung gab es praktisch keine.“ Auf den Westler hatten die  alteingesessenen bald eine „Stinkwut“: „Da kommt der Wessi und unterbricht unseren Arbeitsrhythmus.“

Familienrecht als Berufung

Nach 15 Monaten Wochenendpendelei kehrte Kopahnke in den Schwarzwald zurück und wurde ab 1994 Familienrichter in Oberndorf. Ursprünglich sei das nicht sein Wunsch gewesen, er sei aber nicht mehr davon weggekommen: „Nirgendwo in der Justiz kommt man dem Menschen so nah wie im Familienrecht.“ In einem schönen Zimmer, etwas abseits von den anderen Abteilungen, richtet sich Kopahnke ein.

Die neue Materie fesselt ihn, trifft einen Lebensnerv, wie er sagt. Geht eine Ehe auseinander, zerbricht für die Beteiligten alles, besonders die Kinder  leiden. Kopahnke erinnert sich an einen Buben, „den weder Papi noch Mami wollten“. Als der Junge ihm das erzählte, habe er auch angefangen zu heulen: „Und ich schäme mich nicht dafür.“

Kopahnkes Richterzimmer sei voll mit Bildern von Kindern gewesen, die diese in ihrer Wartezeit gemalt haben, berichtet Heuer. Als Kopahnke  dieser Tage die Bilder von den Wänden nahm, habe er sich oft gefragt: „Wie geht es diesem Kind wohl heute?“

Die Geschichten, die er da erfahren habe, das sei schon sehr belastend gewesen. Wegen der Verschwiegenheitspflicht habe er auch mit seiner Frau nicht darüber sprechen können. „Sie hat aber gemerkt, da ist was.“ Mit Kollegen im Gericht habe er sich auch nicht austauschen können. Heuer findet, auch für Richter sollte es so etwas wie eine Supervision geben: „Die Möglichkeit, alles was man mitnimmt, auch raus zu lassen.“

Nach acht Jahren erkrankt Kopahnke an der Hüfte und muss acht Monate pausieren. Als er zurückkehrt, hatte der damalige Amtsgerichtsdirektor die Familienangelegenheiten übernommen und Kopahnke wird wieder Strafrichter. Nicht wirklich freiwillig. Ihm fehlt die Nähe zu den Menschen. Seit Ende 2017 ist Kopahnke erneut erkrankt und geht nun in den Ruhestand.

Nur Gewissen und Gesetz verantwortlich

Am Ende seines Berufslebens geht Richter Kopahnke kritisch mit seiner Zunft um: Der Richter habe nach seinem Gewissen und nach dem Gesetz zu entscheiden und nicht irgendwelche Vorgabezahlen zu erfüllen: „Das hat nichts mit der Verantwortung des Richters zu tun.“ Auch Amtsgerichtsdirektor Heuer beobachtet, dass das Vertrauen der Bürger in die Justiz abnehme. Die Richter müssten sich fragen, ob die Betroffenen ihre Entscheidungen verstehen könnten.

Die Menschen hätten oft das Gefühl, „die Kleinen werden härter sanktioniert“. Deshalb seien Richter wie Kopahnke so wichtig, Richter, die sich innerhalb der Justiz „auch einmal quer stellen“. Offen und direkt sei Kopahnke gewesen, „authentisch für seine Überzeugungen eingetreten“. Eine Haltung, die Heuer sich auch bei seinen jüngeren Kolleginnen und Kollegen wünscht.

 

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