Richter Uwe Kopahnke

Ein Rich­ter am Amts­ge­richt Obern­dorf  geht in Ruhe­stand: Uwe Kopahn­ke, der vor weni­gen Tagen 64 Jah­re alt wur­de, hängt Ende Janu­ar sei­ne Robe end­gül­tig an den Nagel. In Alpirs­bach auf­ge­wach­sen hat­te er in Freu­den­stadt Abitur gemacht. Seit vie­len Jah­ren lebt er mit sei­ner Fami­lie in Wald­mös­sin­gen.

Bei einem Pres­se­ge­spräch, zu dem Amts­ge­richts­di­rek­tor  Wolf­gang Heu­er ein­ge­la­den hat­te, nahm Kopahn­ke kein Blatt vor den Mund. Er schil­der­te sei­ne Zeit  als jun­ger Rich­ter in Aalen, bei  der Staats­an­walt­schaft Rott­weil, als „Auf­bau­hel­fer“ in Leip­zig und ins­be­son­de­re als Fami­li­en­rich­ter am Amts­ge­richt Obern­dorf.

Nach dem Jura­stu­di­um in Kon­stanz kam der 26-Jäh­ri­ge ans Amts­ge­richt Aalen-Ell­wan­gen. Ein Rich­ter dort war sehr lan­ge krank gewe­sen – und so lagern „Ber­ge von Akten“ auf Kopahn­kes Schreib­tisch. Sein Vor­gän­ger muss recht unbe­liebt gewe­sen sein, denn eines Tages hat­ten Unbe­kann­te einen Grab­stein aus­ge­bud­delt und vor das Amts­ge­richt gestellt.

Über sei­ne Frau, die bei einem Obern­dor­fer Rechts­an­walt arbei­te­te, fand 1983 Kopahn­ke wie­der in die nähe­re Hei­mat zurück. Die Fami­lie zog nach Wald­mös­sin­gen und aus dem Rich­ter Kopahn­ke wur­de 1986 Staats­an­walt Kopahn­ke. Doch schnell war ihm klar: „Da blei­be ich nicht.“ Ihm fehl­te die rich­ter­li­che Unab­hän­gig­keit. Fast schon mili­tä­risch sei es da zuge­gan­gen.

Aufbauhelfer Ost

Nach der Wen­de sei er 1992 gefragt wor­den, ob er nicht Auf­bau­hil­fe im Osten leis­ten wol­le. Und beim zwei­ten Mal habe er zuge­stimmt und wech­sel­te für 15 Mona­te nach Leip­zig ans dor­ti­ge Land­ge­richt. „Das war ein gro­ßer Reiz für mich“, so Kopahn­ke, „beim Auf­bau der Jus­tiz nach rechts­staat­li­chen Prin­zi­pi­en mit zu hel­fen.“

In Leip­zig lei­te­te er eine von vier Jugend­schöf­fen­ge­richts­kam­mern. Es sei sehr holp­rig gewe­sen, aber er bereue kei­nen Tag. Leip­zig das waren unend­lich lan­ge Arbeits­ta­ge und eine pri­mi­ti­ve Bude zu hor­ren­den Prei­sen: „Es war wie Wild West.“ Die „Rote Socken-Con­nec­tion“ sei noch sehr aktiv gewe­sen, erin­nert sich Kopahn­ke. Die Straf­zu­mes­sun­gen waren dra­ko­nisch. „Unschulds­ver­mu­tung gab es prak­tisch kei­ne.“ Auf den West­ler hat­ten die  alt­ein­ge­ses­se­nen bald eine „Stink­wut“: „Da kommt der Wes­si und unter­bricht unse­ren Arbeits­rhyth­mus.“

Familienrecht als Berufung

Nach 15 Mona­ten Wochen­end­pen­de­lei kehr­te Kopahn­ke in den Schwarz­wald zurück und wur­de ab 1994 Fami­li­en­rich­ter in Obern­dorf. Ursprüng­lich sei das nicht sein Wunsch gewe­sen, er sei aber nicht mehr davon weg­ge­kom­men: „Nir­gend­wo in der Jus­tiz kommt man dem Men­schen so nah wie im Fami­li­en­recht.“ In einem schö­nen Zim­mer, etwas abseits von den ande­ren Abtei­lun­gen, rich­tet sich Kopahn­ke ein.

Die neue Mate­rie fes­selt ihn, trifft einen Lebens­nerv, wie er sagt. Geht eine Ehe aus­ein­an­der, zer­bricht für die Betei­lig­ten alles, beson­ders die Kin­der  lei­den. Kopahn­ke erin­nert sich an einen Buben, „den weder Papi noch Mami woll­ten“. Als der Jun­ge ihm das erzähl­te, habe er auch ange­fan­gen zu heu­len: „Und ich schä­me mich nicht dafür.“

Kopahn­kes Rich­ter­zim­mer sei voll mit Bil­dern von Kin­dern gewe­sen, die die­se in ihrer War­te­zeit gemalt haben, berich­tet Heu­er. Als Kopahn­ke  die­ser Tage die Bil­der von den Wän­den nahm, habe er sich oft gefragt: „Wie geht es die­sem Kind wohl heu­te?“

Die Geschich­ten, die er da erfah­ren habe, das sei schon sehr belas­tend gewe­sen. Wegen der Ver­schwie­gen­heits­pflicht habe er auch mit sei­ner Frau nicht dar­über spre­chen kön­nen. „Sie hat aber gemerkt, da ist was.“ Mit Kol­le­gen im Gericht habe er sich auch nicht aus­tau­schen kön­nen. Heu­er fin­det, auch für Rich­ter soll­te es so etwas wie eine Super­vi­si­on geben: „Die Mög­lich­keit, alles was man mit­nimmt, auch raus zu las­sen.“

Nach acht Jah­ren erkrankt Kopahn­ke an der Hüf­te und muss acht Mona­te pau­sie­ren. Als er zurück­kehrt, hat­te der dama­li­ge Amts­ge­richts­di­rek­tor die Fami­li­en­an­ge­le­gen­hei­ten über­nom­men und Kopahn­ke wird wie­der Straf­rich­ter. Nicht wirk­lich frei­wil­lig. Ihm fehlt die Nähe zu den Men­schen. Seit Ende 2017 ist Kopahn­ke erneut erkrankt und geht nun in den Ruhe­stand.

Nur Gewissen und Gesetz verantwortlich

Am Ende sei­nes Berufs­le­bens geht Rich­ter Kopahn­ke kri­tisch mit sei­ner Zunft um: Der Rich­ter habe nach sei­nem Gewis­sen und nach dem Gesetz zu ent­schei­den und nicht irgend­wel­che Vor­ga­be­zah­len zu erfül­len: „Das hat nichts mit der Ver­ant­wor­tung des Rich­ters zu tun.“ Auch Amts­ge­richts­di­rek­tor Heu­er beob­ach­tet, dass das Ver­trau­en der Bür­ger in die Jus­tiz abneh­me. Die Rich­ter müss­ten sich fra­gen, ob die Betrof­fe­nen ihre Ent­schei­dun­gen ver­ste­hen könn­ten.

Die Men­schen hät­ten oft das Gefühl, „die Klei­nen wer­den här­ter sank­tio­niert“. Des­halb sei­en Rich­ter wie Kopahn­ke so wich­tig, Rich­ter, die sich inner­halb der Jus­tiz „auch ein­mal quer stel­len“. Offen und direkt sei Kopahn­ke gewe­sen, „authen­tisch für sei­ne Über­zeu­gun­gen ein­ge­tre­ten”. Eine Hal­tung, die Heu­er sich auch bei sei­nen jün­ge­ren Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen wünscht.