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Sonntag, 20. September 2020

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Kreisseniorenrat Rottweil installiert Projektgruppe „Coronavirus“

KREIS ROTTWEIL – Der Kreisseniorenrat Rottweil hat den Restart-Knopf gedrückt. Nach monatelanger, dem Coronavirus geschuldeten Ruhepause steht für den Vorstand fest, dass die Arbeit des Kreisseniorenrats, ja der Seniorenräte insgesamt noch an Bedeutung gewonnen hat und die Aufgaben aufgrund der bei der Pandemie gemachten Erkenntnisse größer und mehr geworden sind. Der Kreisseniorenrat Rottweil hat daher die Projektgruppe „Coronavirus“ installiert, welche den Verlauf der Pandemie im Kreis Rottweil analysieren und die entsprechende Schlussfolgerungen für die Tätigkeit von Vorstand und Ausschuss ziehen soll.

So hat Corona allen deutlich vor Augen geführt, wie berechtigt die vom Kreisseniorenrat seit Jahren erhobene Forderungen sind, die Pflegekräfte in den Krankenhäusern, der Altenpflege sowie der ambulanten Pflege finanziell besser zu stellen, deren Arbeit höher wertzuschätzen und die oft an die oder gar über die Grenzen der Belastbarkeit gehenden Arbeitsbedingungen in diesem „systemrelevanten“ Bereich zu verbessern. Wer die Geschichte des Kreisseniorenrats studiert, wird feststellen, dass das Thema „Pflegenotstand“ wie ein roter Faden die politische Lobbyarbeit des Gremiums für die Belange der Senioren in den vergangenen 26 Jahren geprägt hat.

Der Vorsitzende Matthias Kohlhase freute sich, seine Vorstandskollegen nach fast viermonatigem „Lockdown“ wieder begrüßen zu können. Jetzt sei es geboten, Perspektiven für die Arbeit des Kreisseniorenrats in den nächsten Monaten zu entwerfen. Als eine erste konkrete Aufgabe wurde vorgeschlagen, als Vertreter der Senioren im Kreis beim Landratsamt beziehungsweise beim Gesundheitsamt darauf zu pochen, dass in den Alten- und Pflegeheimen, in den Krankenhäusern sowie bei den ambulanten Pflegediensten kontinuierlich und in relativ kurzen Abständen die Mitarbeiter wie die Bewohner beziehungsweise die Patienten auf das Coronavirus getestet würden. „Wir brauchen ein engmaschiges Testnetz in allen Einrichtungen dieser Art“, bekräftigte Kohlhase. Hier müsse je nach Bedarf flexibel reagiert werden.

Dieter Gaus, als stellvertretender Geschäftsführer des DRK-Kreisverbands Vertreter der Liga der freien Wohlfahrtspflege im Vorstand, erinnerte daran, dass fast alle Angebote für Senioren wie die Seniorengymnastik oder Besuchsdienste derzeit auf Eis lägen beziehungsweise nur sehr eingeschränkt möglich seien. Gaus gab zu bedenken, dass 80 Prozent der ehrenamtlichen Helfer in der Seniorenarbeit über 60 Jahre alt seien und damit zur „Risikogruppe“ gehörten.

Wie schnell das Coronavirus eine Organisation wie das DRK erheblich in seiner Leistungsfähigkeit einschränken könne, zeigte Gaus mit dem Hinweis auf, dass von elf Mitarbeitern der Leitstelle fünf an Covid 19 erkrankt gewesen seien. Er wünschte sich in Bezug auf die Änderungen der Coronaverordnungen mehr Vorlaufzeit. Ähnlich sah es Helene Eyth, stellvertretende Vorsitzende und Pflegedienstleiterin der Sozialstation Sulz. Sie bedauerte, dass die Änderungen der Coronaverordnungen zumeist sehr kurzfristig bekannt gegeben würden. „Wir können dann immer nur auf den letzten Drücker reagieren.“

Aus Sicht der Vorstandsmitglieder haben die in der Coronakrise gemachten Erfahrungen eines sehr deutlich gezeigt: Es führe in die falsche Richtung, wenn die Gesundheitsvorsorge, ja das gesamte Gesundheitswesen ausschließlich unter das Postulat der Wirtschaftlichkeit gestellt werde. Die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung sei eine Aufgabe des Staates und dürfe nicht kaputt gespart werden. Wozu das führe, hätten die zum Teil verheerenden Auswirkungen der Pandemie unter anderem in Staaten wie Großbritannien, Italien, Spanien und den USA gezeigt.

So fragten sich die Kreisseniorenräte, was passiert wäre, wenn die 2019 veröffentlichten Studie der Bertelsmannstiftung zur Entwicklung der Krankenhauslandschaft bereits umgesetzt worden sei. Sie fordert eine Halbierung der Krankenhausbetten und eine Reduzierung der Krankenhäuser in Deutschland von 1400 auf unter 600 Häuser. Kritisch betrachtet wurde auch der zunehmende Dokumentationswahn, der den in den Krankenhäusern, Praxen sowie stationären und ambulanten Pflegeinstitutionen Beschäftigten viel Zeit koste und damit Kapazitäten auffresse, die sonst den Patienten zugute kommen könnten. Es dürfe nicht sein, dass das Pflegepersonal mit der Stoppuhr in der Hand ihre Patienten versorgen müssten. Ein Umdenken erwarten die Kreisseniorenräte auch in Bezug auf die Produktion und Bevorratung von Medikamenten und Schutzkleidung. „Wir dürfen uns in dieser Hinsicht nicht von ausländischen Lieferungen abhängig machen.“

Kohlhase fasste die Forderungen des Kreisseniorenrats Rottweil in zwei Punkten zusammen: erstens nach einer entscheidenden und vor allem schnellen, neuen Ausrichtung der finanziellen Entlohnung der Pflegeberufe und insbesondere deren Wertschätzung; zweitens nach einem Umdenken der bisher gewinnorientierten Ausrichtung von gesundheitsrelevanten Einrichtungen. Zur Mitarbeit in der Projektgruppe „Das Coronavirus und die Folgen“ haben sich Matthias Kohlhase, Dieter Gaus und Pressewart Peter Wolf bereit erklärt. Weitere an einer Mitarbeit in der Projektgruppe interessierte Ausschussmitglieder können sich bei der Geschäftsführerin Regina Steimer melden. Die aufgrund der Coronaregeln ausgefallene Mitgliederversammlung soll nun am 20. Oktober im großen Sitzungssaal des Landratsamts nachgeholt werden.

 

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