Für seine Beerdigung und für seine hinterbliebene Mutter soll gesammelt werden: der offenbar von seinem Vater getötete r Junge. Bild: privat

In seiner Brutalität hat der Dreifachmord von Villingendorf die Menschen tief erschreckt. Ein Vater, der offenbar seinen kleinen Sohn erschießt. Und zwei weitere Menschen. Ein schreckliches Verbrechen in einer kleinen Gemeinde. Die Mutter des Kindes hat unverletzt entkommen können – und braucht jetzt Hilfe. Sie hat sie zunächst vom Roten Kreuz, der Polizei und von Polizeipsychologen bekommen. Wenige Tage nach der Tat lief aber auch eine Sammelaktion online an. Sie soll Geld erbringen für die Beerdigung des kleinen Jungen und für die Mutter. Sie erschien einigen dubios. Die NRWZ hat die Aktion überprüft – was steckt dahinter? Und wird das Geld an der richtigen Stelle ankommen?

Die Spendenaktion läuft auf Leetchi.com. Eine Plattform für Spenden- und Crowdfunding-Aktionen, die die NRWZ bisher nicht gekannt hat. Wir haben die Aktion noch am späten Sonntagabend auf unserer Facebookseite verlinkt – und unsere Leser reagierten teils verhalten. Viele finden gut, dass es eine Hilfsmöglichkeit gibt. Einige aber zweifeln an deren Seriosität. Die ersten Spenden gehen ein, noch in der Nacht viele hundert Euro.

Am Montag haben wir begonnen, zu recherchieren. Wir wollten wissen: Wer hat die Aktion gestartet? Ist das Geld dort gut investiert – kommt es wirklich bei der dem Anschein nach hilfsbedürftigen Mutter des getöteten kleinen Jungen an? Wer ist Leetchi?

Es dauerte ein wenig, bis wir Ergebnisse bekamen. Zunächst konnte uns niemand weiter helfen. Und die Tatjana Bauer, die als Initiatorin der Aktion bei Leetchi geführt wird, war auch nicht aufzutreiben. Eine Frau gleichen Namens, die in Rottweil arbeitet und auf Facebook leicht zu finden ist, steckt jedenfalls nicht hinter dem Spendenaufruf.

Doch es sollte einen Grund geben, warum die Initiatorin sich nicht gemeldet hat.

Am Dienstag sind wir einen entscheidenden Schritt weiter gekommen. Wir konnten uns mit einer Sprecherin des Betreibers der Spendenplattform unterhalten. Sie sitzt in Paris. Und sie erklärte:

  • Das Geld der Spender wird zwar direkt abgebucht, dann aber treuhänderisch von Leetchi verwaltet. Bis zur Auszahlung kann es demnach jederzeit zurück verlangt werden.
  • Das Geld geht, wenn der Zielbetrag erreicht ist, ausschließlich an die angegebene Empfängerin. Hier also nicht die Person, die zur Spende aufruft und die die Aktion auf Leetchi gestartet hat, sondern an die überlebende Mutter des kleinen Jungen.
  • Leetchi prüft vor der Auszahlung die Identität der Empfängerin. “Wir stellen sicher, dass das Geld dort ankommt, wo es laut dem Spendenaufruf gebraucht wird”, sagte die Leetchi-Sprecherin. Dazu müsse etwa ein gültiger Personalausweis vorgelegt werden. Bei Beträgen über 1000 Euro – wie hier – werde auch ein Nachweis darüber gefordert, dass das Konto, auf das der Auszahlungsbetrag überwiesen wird, zur Empfängerin gehört.
  • Die Sprecherin des Unternehmens kannte den Hintergrund dieser Spendenaktion, war über diese selbst im Bilde, trotz der vielen tausend Aktionen, die ihr zufolge parallel auf Leetchi liefen. Die Sprecherin verfolgte auch die Berichterstattung, war dazu etwa auch auf NRWZ.de gewesen, sagte sie. Es sei ihr, wie auch dem Unternehmen Leetchi, sehr daran gelegen, dass die Spendengelder die Empfängerin erreichen.

Die Urheberin der Aktion, Tatjana Bauer, haben wir zunächst nicht ausfindig machen können. Leetchi aber hat mit der Urheberin Kontakt aufgenommen, um diese zu bitten, sich bei uns zu melden.

Dienstagabend meldet sie sich. Um 20.22 Uhr. Leetchi habe sie über die Nachfrage der NRWZ informiert. Tatjana Bauer schreibt: “Ich bin eine Angehörige der Familie, diese furchtbare Situation hat mich sehr getroffen, so dass ich Nächte nicht schlafen und die Tatsache verarbeiten konnte.” Irgendwann habe sie sich “zusammengerissen und verstanden, dass mein Mitleid mir und der betroffenen Familie nichts bringt.” Aber “tatenlos trauern” sei für sie auch keine Option gewesen. “So habe ich das gemacht, was in meiner Macht war, und zwar die Familie finanziell zu unterstützen. So habe ich diese Seite auf Leetchi gegründet.” Das sei in Abstimmung mit der Tante des getöteten kleinen Jungen geschehen.

Warum sie sich nicht früher gemeldet hat? Ganz einfach: “Ich habe den Kontakt zur Presse vermieden, da ich mich und meine Familie vor dem bisher flüchtigen Täter schützen musste.” Am frühen Dienstagabend war der Mann gefasst worden. Daher konnte sie sich wenige Stunden später melden.

Hier ist die Spendenaktion auf Leetchi zu finden.