Nach dem Dreifachmord: Wie die Mutter des Sechsjährigen jetzt unterstützt werden kann

Freundin der Familie organisiert Spendenaktion online / Unternehmen garaniert: Das Geld kommt bei der Empfängerin an

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Für seine Beerdigung und für seine hinterbliebene Mutter soll gesammelt werden: der offenbar von seinem Vater getötete r Junge. Bild: privat

In sei­ner Bru­ta­li­tät hat der Drei­fach­mord von Vil­lin­gen­dorf die Men­schen tief erschreckt. Ein Vater, der offen­bar sei­nen klei­nen Sohn erschießt. Und zwei wei­te­re Men­schen. Ein schreck­li­ches Ver­bre­chen in einer klei­nen Gemein­de. Die Mut­ter des Kin­des hat unver­letzt ent­kom­men kön­nen – und braucht jetzt Hil­fe. Sie hat sie zunächst vom Roten Kreuz, der Poli­zei und von Poli­zei­psy­cho­lo­gen bekom­men. Weni­ge Tage nach der Tat lief aber auch eine Sam­mel­ak­ti­on online an. Sie soll Geld erbrin­gen für die Beer­di­gung des klei­nen Jun­gen und für die Mut­ter. Sie erschien eini­gen dubi­os. Die NRWZ hat die Akti­on über­prüft – was steckt dahin­ter? Und wird das Geld an der rich­ti­gen Stel­le ankommen?

Die Spen­den­ak­ti­on läuft auf Leetchi.com. Eine Platt­form für Spen­den- und Crowd­fun­ding-Aktio­nen, die die NRWZ bis­her nicht gekannt hat. Wir haben die Akti­on noch am spä­ten Sonn­tag­abend auf unse­rer Face­book­sei­te ver­linkt – und unse­re Leser reagier­ten teils ver­hal­ten. Vie­le fin­den gut, dass es eine Hilfs­mög­lich­keit gibt. Eini­ge aber zwei­feln an deren Serio­si­tät. Die ers­ten Spen­den gehen ein, noch in der Nacht vie­le hun­dert Euro.

Am Mon­tag haben wir begon­nen, zu recher­chie­ren. Wir woll­ten wis­sen: Wer hat die Akti­on gestar­tet? Ist das Geld dort gut inves­tiert – kommt es wirk­lich bei der dem Anschein nach hilfs­be­dürf­ti­gen Mut­ter des getö­te­ten klei­nen Jun­gen an? Wer ist Leetchi?

Es dau­er­te ein wenig, bis wir Ergeb­nis­se beka­men. Zunächst konn­te uns nie­mand wei­ter hel­fen. Und die Tat­ja­na Bau­er, die als Initia­to­rin der Akti­on bei Leet­chi geführt wird, war auch nicht auf­zu­trei­ben. Eine Frau glei­chen Namens, die in Rott­weil arbei­tet und auf Face­book leicht zu fin­den ist, steckt jeden­falls nicht hin­ter dem Spendenaufruf.

Doch es soll­te einen Grund geben, war­um die Initia­to­rin sich nicht gemel­det hat.

Am Diens­tag sind wir einen ent­schei­den­den Schritt wei­ter gekom­men. Wir konn­ten uns mit einer Spre­che­rin des Betrei­bers der Spen­den­platt­form unter­hal­ten. Sie sitzt in Paris. Und sie erklärte:

  • Das Geld der Spen­der wird zwar direkt abge­bucht, dann aber treu­hän­de­risch von Leet­chi ver­wal­tet. Bis zur Aus­zah­lung kann es dem­nach jeder­zeit zurück ver­langt werden.
  • Das Geld geht, wenn der Ziel­be­trag erreicht ist, aus­schließ­lich an die ange­ge­be­ne Emp­fän­ge­rin. Hier also nicht die Per­son, die zur Spen­de auf­ruft und die die Akti­on auf Leet­chi gestar­tet hat, son­dern an die über­le­ben­de Mut­ter des klei­nen Jungen.
  • Leet­chi prüft vor der Aus­zah­lung die Iden­ti­tät der Emp­fän­ge­rin. „Wir stel­len sicher, dass das Geld dort ankommt, wo es laut dem Spen­den­auf­ruf gebraucht wird”, sag­te die Leet­chi-Spre­che­rin. Dazu müs­se etwa ein gül­ti­ger Per­so­nal­aus­weis vor­ge­legt wer­den. Bei Beträ­gen über 1000 Euro – wie hier – wer­de auch ein Nach­weis dar­über gefor­dert, dass das Kon­to, auf das der Aus­zah­lungs­be­trag über­wie­sen wird, zur Emp­fän­ge­rin gehört.
  • Die Spre­che­rin des Unter­neh­mens kann­te den Hin­ter­grund die­ser Spen­den­ak­ti­on, war über die­se selbst im Bil­de, trotz der vie­len tau­send Aktio­nen, die ihr zufol­ge par­al­lel auf Leet­chi lie­fen. Die Spre­che­rin ver­folg­te auch die Bericht­erstat­tung, war dazu etwa auch auf NRWZ.de gewe­sen, sag­te sie. Es sei ihr, wie auch dem Unter­neh­men Leet­chi, sehr dar­an gele­gen, dass die Spen­den­gel­der die Emp­fän­ge­rin erreichen.

Die Urhe­be­rin der Akti­on, Tat­ja­na Bau­er, haben wir zunächst nicht aus­fin­dig machen kön­nen. Leet­chi aber hat mit der Urhe­be­rin Kon­takt auf­ge­nom­men, um die­se zu bit­ten, sich bei uns zu melden.

Diens­tag­abend mel­det sie sich. Um 20.22 Uhr. Leet­chi habe sie über die Nach­fra­ge der NRWZ infor­miert. Tat­ja­na Bau­er schreibt: „Ich bin eine Ange­hö­ri­ge der Fami­lie, die­se furcht­ba­re Situa­ti­on hat mich sehr getrof­fen, so dass ich Näch­te nicht schla­fen und die Tat­sa­che ver­ar­bei­ten konn­te.” Irgend­wann habe sie sich „zusam­men­ge­ris­sen und ver­stan­den, dass mein Mit­leid mir und der betrof­fe­nen Fami­lie nichts bringt.” Aber „taten­los trau­ern” sei für sie auch kei­ne Opti­on gewe­sen. „So habe ich das gemacht, was in mei­ner Macht war, und zwar die Fami­lie finan­zi­ell zu unter­stüt­zen. So habe ich die­se Sei­te auf Leet­chi gegrün­det.” Das sei in Abstim­mung mit der Tan­te des getö­te­ten klei­nen Jun­gen geschehen.

War­um sie sich nicht frü­her gemel­det hat? Ganz ein­fach: „Ich habe den Kon­takt zur Pres­se ver­mie­den, da ich mich und mei­ne Fami­lie vor dem bis­her flüch­ti­gen Täter schüt­zen muss­te.” Am frü­hen Diens­tag­abend war der Mann gefasst wor­den. Daher konn­te sie sich weni­ge Stun­den spä­ter melden.

Hier ist die Spen­den­ak­ti­on auf Leet­chi zu fin­den.