Neujahrsempfang in Deißlingen: Optimismus und Tatendrang statt Egoismus und Bruddeln

Ralf Ulbrich sparte beim Neujahrsempfang nicht mit deutlichen Worten. Und bekam dafür viel Applaus. Nur nicht von AfD-Mann Emil Sänze und seiner Frau. Foto: Moni Marcel

DEISSLINGEN – Gro­ßen Applaus bekam Bür­ger­meis­ter Ralf Ulb­rich am Frei­tag­abend für sei­ne Rede beim Neu­jahrs­emp­fang in der frisch reno­vier­ten Mehr­zweck­hal­le. Aller­dings nicht von allen: Der AfD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Emil Sän­ze und sei­ne Gat­tin konn­ten offen­bar mit Ulb­richs kla­ren Wor­ten nichts anfan­gen und klatsch­ten nicht.

Dabei erwähn­te Ulb­rich des­sen Par­tei mit kei­nem Wort. Aber er sprach von den Brudd­lern, die dar­über lamen­tie­ren, dass der Laden im Ort zumacht, Ver­ei­ne sich auf­lö­sen und der Nach­bar in sei­nem Gar­ten ein Haus baut.

Wir dür­fen mit Fug und Recht behaup­ten, dass wir hier in der oft zitier­ten ‚bes­ten aller Wel­ten‘ leben, und den­noch nimmt ganz offen­sicht­lich die Unzu­frie­den­heit zu. Der Grund dafür kön­nen in mei­nen Augen nur ego­is­ti­sche Ver­lust­ängs­te sein, da es in der Tat kaum mehr bes­ser wer­den kann!”, so Ulb­rich. „Geht´s eigent­lich noch?” Tat­säch­lich gehe doch neben der Zufrie­den­heit vor allem der gesell­schaft­li­che Zusam­men­halt ver­lo­ren. „Ein­zel­han­dels­ge­schäf­ten nach­zu­trau­ern, die ich nie besucht habe ist nicht nur kurz­sich­tig, son­dern unehr­lich. Ver­eins­auf­lö­sun­gen zu betrau­ern und mich selbst nicht ehren­amt­lich zu enga­gie­ren ist nicht tra­gisch, son­dern ver­ant­wor­tungs­los. Und dem Nach­barn nicht das zu gön­nen, was ist seit Jahr­zehn­ten ganz selbst­ver­ständ­lich in Anspruch neh­me ist schlicht ego­is­tisch.”

Kla­re Wor­te auch im Rück­blick: 2017 sei auch für Deiß­lin­gen ein spe­zi­el­les Jahr gewe­sen. „Für den Pes­si­mis­ten ist es ein gefun­de­nes Fres­sen, sich auf eini­ge Din­ge stür­zen, die bei wei­tem nicht so glatt lie­fen.” Bis jetzt ste­he noch immer kein Bag­ger in der Orts­mit­te, die Maß­nah­me wird noch ein­mal teu­rer, wei­te­re Leer­stän­de im Ort, der Och­sen immer noch im Dorn­rös­chen­schlaf, Ver­zö­ge­run­gen beim Umbau der Mehr­zweck­hal­le und dem Breit­band­aus­bau – genug Gesprächs­stoff für die Brudd­ler.

Doch es lässt sich auch anders sehen: In weni­gen Tagen geht es in der Orts­mit­te los, die Nach­fra­ge nach Bau­plät­zen ist unge­bro­chen, die Mehr­zweck­hal­le end­gül­tig im Betrieb, die Nar­ren­zunft freue sich auf eine Fas­net mit der legen­dä­ren Bier­schwem­me, und die Tele­kom wer­de den Breit­band­aus­bau in den kom­men­den Wochen abschlie­ßen. Ein ech­ter Stun­den­takt beim Ring­zug in Deiß­lin­gen, Hoff­nung für den Halt in Lauf­fen: „die Bahn hält eben immer beson­ders dicke Bret­ter – oder bes­ser gesagt Gleis­schwel­len – parat, die über Jah­re gebohrt wer­den müs­sen.”

Dazu: Ein Wochen­markt für Lauf­fen, die Jugend­kon­fe­renz mit gro­ßer Betei­li­gung, mit 6,47 Mil­lio­nen Euro das bis dato höchs­te Gewer­be­steu­er­auf­kom­men, gro­ße Nach­fra­ge nach Gewer­be- und Wohn­bau­grund­stü­cken, zehn neue Krip­pen­plät­ze, stei­gen­de Gebur­ten­ra­te, 1,5 Mil­lio­nen Inves­ti­tio­nen in Kin­der­be­treu­ung, „das sind 5.500 Euro für jedes Kind!”, und der Start für die Erwei­te­rung des Schul­zen­trums, zehn Mil­lio­nen wer­den hier inves­tiert. Das rech­ne sich lang­fris­tig, ist Ulb­rich über­zeugt, und auch die Nach­hal­tig­keit kom­me nicht zu kurz: Im Juni gibt es einen Markt der Mög­lich­kei­ten der Nach­hal­tig­keits­re­gi­on Fünf G, zu der Deiß­lin­gen gehört. In einer der wirt­schafts­stärks­ten Regio­nen der Welt zeig­ten die Betrie­be, dass wirt­schaft­li­cher Erfolg, res­sour­cen­scho­nen­des Pro­du­zie­ren und sozia­le Ver­ant­wor­tung kei­ne Gegen­sät­ze, son­dern ein Erfolgs­mo­dell sind.

Da müss­te man eigent­lich nur so strot­zen von Opti­mis­mus und Taten­drang, „den­noch muss­te ich erfah­ren, dass dies immer weni­ger emp­fun­den und auch gelebt wird.” Die Brudd­ler sei­en zwar bei wei­tem nicht in der Mehr­heit, „den­noch habe ich den Ein­druck, dass die­se Stim­mung immer mehr Tei­le unse­rer Bevöl­ke­rung erfasst.” Man habe dies an den Wahl­er­geb­nis­sen able­sen kön­nen, doch wenn man die Leu­te auf den Grund ihrer Unzu­frie­den­heit anspre­che, erhal­te man kei­ne ver­nünf­ti­ge Ant­wort, son­dern eine dif­fu­se Stim­mungs­la­ge.
Nicht Ego­is­mus, son­dern Koope­ra­ti­on, Zusam­men­halt, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men, das mache den Erfolg des Lan­des aus, und dies umso mehr in Zei­ten, wo Poli­ti­ker Ab- und Aus­gren­zung als Kon­zept für das 21. Jahr­hun­dert ver­kau­fen woll­ten. „Welch ver­zerr­te Wahr­neh­mung muss man haben, um das als allen Erns­tes als einen Schlüs­sel zur Lösung unse­rer gesell­schaft­li­chen Auf­ga­ben zu erach­ten?”, so Ulb­rich. Und zitier­te den Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger Mario Var­gas Llosa: „Die Bereit­schaft mit denen zusam­men­zu­le­ben, die anders sind, war viel­leicht der außer­ge­wöhn­lichs­te Schritt des Men­schen auf dem Weg zur Zivi­li­sa­ti­on. Ein Schritt, wel­cher der Demo­kra­tie vor­aus­ging und sie über­haupt erst mög­lich gemacht hat.” Er wün­sche sich für das neue Jahr etwas mehr „wir” und weni­ger „ich”. Und dafür gabs, eben, gro­ßen Bei­fall. Nur nicht von den bei­den AfDlern.