Prozess nach Attacke auf Joggerin: Antworten vertagt

Öffentlichkeit am ersten Prozesstag vorübergehend ausgeschlossen

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Seit Don­ners­tag steht er vor Gericht: ein jun­ger, unschein­ba­rer, schlan­ker, etwas kränk­lich wir­ken­der Mann, der bei Schiltach am 19. Febru­ar aus dem Nichts her­aus eine Jog­ge­rin ange­grif­fen und mit einem Ham­mer bru­tal geschla­gen haben soll. Der gebür­ti­ge Schwen­nin­ger mit schwä­bi­schem Nach­na­men ist wegen ver­such­ten Mor­des, schwe­rer Ver­ge­wal­ti­gung und ande­ren Straf­ta­ten ange­klagt und befin­det sich in Unter­su­chungs­haft. Und er befin­det sich jetzt unter dem Schutz des Gerichts und des Geset­zes: Der Vor­sit­zen­de Rich­ter an der Rott­wei­ler Schwur­ge­richts­kam­mer hat die Öffent­lich­keit vor­über­ge­hend aus­ge­schlos­sen.

War­ten auf die Kam­mer: der Pro­zess gegen einen heu­te 24-jäh­ri­gen hat begon­nen, der im Febru­ar eine Jog­ge­rin bei Schiltach bru­tal atta­ckiert haben soll. Fotos: Peter Arn­eg­ger

Was treibt einen jun­gen Mann, zur Tat­zeit 23, dazu, auf eine Jog­ge­rin los­zu­ge­hen? Sie zunächst zu grü­ßen, sie dann von hin­ten mit einem Ham­mer auf den Kopf zu schla­gen, so dass sie zusam­men bricht? Sie erneut mit dem Ham­mer nie­der­zu­stre­cken, als sie ver­sucht, auf­zu­ste­hen, vier­mal ins­ge­samt auf die Frau ein­zu­schla­gen? Sie Rich­tung Auto zu zer­ren, um sie zu besit­zen, zu ver­ge­wal­ti­gen, viel­leicht am Ende voll­ends zu töten? Was treibt einen unschein­ba­ren, blei­chen, auf den ers­ten Blick etwas antriebs­lo­sen aber ansons­ten nicht von einer schwe­ren Kind­heit beein­fluss­ten Mann dazu an? Einer der einen fes­ten Job hat und Zukunfts­aus­sich­ten?

Das ist die Fra­ge, die sich die Men­schen nach der grau­sa­men Tat vom Febru­ar stel­len. Wer eine Ant­wort will, wird sich gedul­den müs­sen. Die Schwur­ge­richts­kam­mer hat auf Antrag der Ver­tei­di­gung des Ange­klag­ten die Öffent­lich­keit aus­ge­schlos­sen. Viel­mehr: Der Vor­sit­zen­de Rich­ter hat dem Rechts­an­walt den Antrag auf Aus­schluss der Öffent­lich­keit nahe gelegt. Und sie, als der folg­te, dann nach allen Regeln der Straf­pro­zess­ord­nung auch umge­setzt. Unter Jour­na­lis­ten gilt die­ser Rich­ter als jemand, der dazu neigt, hin­ter ver­schlos­se­nen Türen zu tagen.

Wor­um es nun, in die­sen Minu­ten vor dem Land­ge­richt Rott­weil geht, und was neben den Pro­zess­be­tei­lig­ten wie Staats­an­walt, Ver­tei­di­ger, Neben­klä­ger, psych­ia­tri­scher Gut­ach­ter, Pro­to­kol­lan­tin, Jus­tiz­voll­zugs­an­ge­stell­ter und natür­lich der Kam­mer selbst nur eine ange­hen­de Jus­tiz­an­ge­stell­te, aber kein Jour­na­list und Inter­es­sier­ter zu hören bekommt: Der Ange­klag­te wird zu sei­nen sexu­el­len Vor­lie­ben, zu einem even­tu­el­len Dro­gen­kon­sum und zu sei­nem Bezie­hungs­le­ben befragt. „Es ist eine inten­si­ve Erör­te­rung mög­li­cher Stö­run­gen der Sexu­al­prä­fe­renz nebst Dro­gen­kon­sum zu erwar­ten”, erklär­te der Rich­ter.

Genau das kann ein Bild vom mut­maß­li­chen Täter erge­ben und damit ein Ver­ständ­nis für die Tat – im Sin­ne einer Nach­voll­zieh­bar­keit, nicht einer Ent­schul­di­gung. Genau des­halb will die Kam­mer, die ein Urteil über den jun­gen Mann zu fäl­len hat, mög­lichst viel zu die­sen The­men aus ihm her­aus holen.

Laut dem Vor­sit­zen­den Rich­ter aber kann dies beson­ders dann gelin­gen, wenn der Ange­klag­te sozu­sa­gen frei reden kann, wenn er sich ange­sichts von flei­ßig mit­schrei­ben­den Repor­tern nicht auf sein Aus­sa­ge­ver­wei­ge­rungs­recht beruft.

Ob er das getan hät­te? Zu sei­ner Per­son und zu sei­nem Lebens­lauf mach­te der jun­ge Mann, der zuletzt in Schiltach gewohnt hat, bereit­wil­lig Anga­ben. Ob eine behut­sa­me Hin­füh­rung zu den sen­si­ble­ren The­men dar­an etwas geän­dert hät­te?

Aller­dings steht, je nach Ver­lauf der Befra­gung, eine Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus im Raum, so der Rich­ter an die Öffent­lich­keit und hier an die Pres­se im zu einem Drit­tel besetz­ten Schwur­ge­richts­saal gewandt. Die Fra­ge der ein­ge­schränk­ten Schuld­fä­hig­keit bezie­hungs­wei­se deren Feh­len. Um die­se Fra­gen zu beant­wor­ten, müs­se die Kam­mer in höchst­per­sön­li­che Lebens­be­rei­che des Ange­klag­ten vor­drin­gen – und des­sen Schutz über­wie­ge dann vor dem Inter­es­se der Öffent­lich­keit an einem öffent­li­chen Pro­zess. Sag­te der Vor­sit­zen­de Rich­ter, fürs Pro­to­koll.

Auch beach­tet wer­den muss: Noch befin­det sich die Kam­mer nicht in der soge­nann­ten Beweis­auf­nah­me. Son­dern eine Stu­fe davor. Der Ange­klag­te wird zunächst über sei­ne per­sön­li­chen Lebens­um­stän­de befragt, begin­nend beim Namen, dem Alter, der kind­li­chen und schu­li­schen Ent­wick­lung bis zum aktu­el­len Stand, der bei dem jun­gen Mann im Febru­ar ste­hen geblie­ben ist, bei sei­ner Inhaf­tie­rung.

Und natür­lich noch dies: Wenn über die Sexu­al­prak­ti­ken des Ange­klag­ten gespro­chen wird, dann auto­ma­tisch auch über die sei­ner Sexualpartnerin(nen), etwa sei­ner Freun­din. Zu deren Schutz, so der Vor­sit­zen­de Rich­ter, gesche­he der Aus­schluss der Öffent­lich­keit nicht zuletzt auch. Er zähl­te die Para­gra­fen auf, auf die die Kam­mer ihren Beschluss stützt. Für Nicht-Juris­ten: Das Gesetz gibt die­sen Ver­fah­rens­ver­lauf her.

Aber natür­lich hat die ver­sam­mel­te Jour­nail­le dar­auf gehofft, bei den The­men Sexu­al­prak­ti­ken, Dro­gen­kon­sum und Bezie­hungs­le­ben etwas zu erfah­ren und mit­tei­len zu kön­nen. Die Ein­las­sun­gen des heu­te 24-Jäh­ri­gen, im wein­ro­ten Hemd erschie­ne­nen und mit lei­ser Stim­me hin­ter vor­ge­hal­te­nen Hän­den hoch­deutsch spre­chen­den Man­nes zu sei­ner Kind­heit und Jugend haben bis­her rein gar kei­nen Hin­weis auf mög­li­che Tat­mo­ti­ve oder ‑aus­lö­ser gege­ben. Die Mut­ter mag ihn wegen ihres Hangs zu gesun­den Lebens­mit­tel genervt haben, eben­so, dass er im Gegen­satz zu sei­nen Klas­sen­ka­me­ra­den lan­ge kein Han­dy haben durf­te. Aber des­halb eine Jog­ge­rin über­fal­len und nie­der­stre­cken? Fast zu töten? Zu ver­su­chen, sie zu ermor­den, wie die Staats­an­walt­schaft ihm vor­wirft?

Doch wer­den die Umstän­de der Tat noch erör­tert wer­den. Sechs Fort­set­zungs­ter­mi­ne sind anbe­raumt. Gela­den sind 41 Zeu­gen, ein Neben­klä­ger und vier Sach­ver­stän­di­ge. Und spä­tes­tens bei der Urteils­be­grün­dung, im Fal­le eines Urteils oder eines Beschlus­ses auf Unter­brin­gung in einer psych­ia­tri­schen Kli­nik wird viel­leicht die Ant­wort gege­ben auf die Fra­ge: Was trieb die­sen jun­gen Mann zu die­ser Tat?

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