Ein schreck­lich­es Ver­brechen hat am 15. Sep­tem­ber die kleine Gemeinde Villin­gen­dorf (Kreis Rot­tweil) erschüt­tert. Ein Dreifach­mord — der auch die Medi­en anlock­te. Während die meis­ten Jour­nal­is­ten sich an ihre Ansprech­part­ner vor allem aus den Rei­hen der Polizei hiel­ten, über­trieb es ein Fernse­hteam deut­lich: Eine für RTL tätige Pro­duk­tions­fir­ma ver­suchte, Kon­takt mit Klassenkam­er­aden des getöteten Jun­gen aufzunehmen. Das sorgte nicht nur vor Ort für Empörung. Auf­tragge­ber RTL hat sich in den Fall eingeschal­tet und mit­tler­weile in Villin­gen­dorf für das offen­bar rück­sicht­slose Vorge­hen seines Teams entschuldigt.

Polizei an der Schule in Villin­gen­dorf. Sie sind da, um die Kinder zu beschützen. Nicht vor dem Tatverdächti­gen, der zu dem Zeit­punkt schon längst gefasst war, son­dern vor den Jour­nal­is­ten. Foto: Peter Arneg­ger

Rain­er Kropp-Kur­ta hat an den Ereignis­sen von Mitte Sep­tem­ber zu knab­bern. Ein ger­ade eingeschul­ter, sech­sjähriger Erstk­lässler sein­er Grund- und Werkre­alschule wurde offen­bar spät abends vom eige­nen Vater erschossen. Zudem kam es zu zwei weit­eren Mor­den. Da braucht ein Rek­tor ein­er Schule eigentlich seine ganze Kraft, um sich um seine Schüt­zlinge zu küm­mern. Und um die Fra­gen der Eltern. Und die Absprachen mit den Lehrern.

Doch dann kam die Presse. Sie nahm die Villin­gen­dor­fer Schule aus zwei Rich­tun­gen ins Visi­er. Zum einen kam die Frage auf, ob der geflüchtete Dreifach­mörder an der Schule erscheinen kön­nte. Schützt die Polizei die Schüler vor dem Mann? Einige Jour­nal­is­ten schaut­en gle­ich vor Ort nach. Sie blieben aber im Hin­ter­grund, beobachteten.

Zum anderen wur­den die Villin­gen­dor­fer über Nacht zu gefragten Inter­view­part­nern etwa eines regionalen Onlinemedi­ums und eben jenes TV-Teams, das für Pri­vat­sender, unter anderem für RTL dort arbeit­ete. In die Klassen­z­im­mer seien sie einge­drun­gen, wurde der NRWZ gesteckt. Hät­ten ein Inter­view mit der Klassen­lehrerin machen wollen, mit den Schülern, Erstk­lässlern, im Hin­ter­grund. Das sorgte für große Empörung an der Schule. Es sorgte dafür, dass zu ein­er Eltern­ver­samm­lung, die schon länger geplant gewe­sen ist, die Presse seit­ens der Gemeinde Villin­gen­dorf und seit­ens des Schulleit­ers aus­geschlossen wor­den ist. Es sorgte dafür, dass der Zeit­punkt des Trauer­gottes­di­en­sts für die Ermorde­ten so lange wie möglich geheim gehal­ten wurde, um die Presse nicht anzu­lock­en.

Schule und Gemein­de­v­er­wal­tung bit­ten Jour­nal­is­ten, Inter­views mit Schülern zu unter­lassen. Foto: Ben­no Schla­gen­hauf

Und es sorgte dafür, dass Polizis­ten den Schul­hof bewacht­en — um die Kinder zu beschützen. Nicht vor dem Tatverdächti­gen, der zu dem Zeit­punkt schon längst gefasst war, son­dern vor den Jour­nal­is­ten. “Jour­nal­is­ten ohne Klasse drin­gen in Klasse ein”, titelte “Bildblog.de”, der deutsche Medi­en kri­tisch beobachtet und kom­men­tiert und auf die Geschichte aufmerk­sam gewor­den ist.

Auf die Geschichte ist auch Hardy Pro­th­mann aufmerk­sam gewor­den. Der Jour­nal­ist arbeit­et in der Rhein-Neckar-Region und sieht die Arbeitsweise der für RTL täti­gen TV-Pro­duk­tions­fir­ma kri­tisch. Es geht um die Zone 7 GmbH, die in Pro­th­manns Region nach seinen Angaben das Region­alfen­ster für RTL als Nach­fol­ger von RNF unter dem Namen RONTV (RON) bestückt. Tat­säch­lich war es Zone 7, deren Mitar­beit­er durch ihre beson­ders aggres­sive Arbeitsweise aufge­fall­en sind. Das hat die NRWZ her­aus gefun­den.

Jour­nal­ist und Blog­ger Pro­th­mann kommt zu einem ein­deuti­gen Urteil: 

Als Reporter darf man nicht zim­per­lich sein — allerd­ings sollte man das Handw­erk eben­so beherrschen, als auch wis­sen, wo es Gren­zen der Recherche gibt. Wer auf die Idee kommt, direkt nach einem Mord an drei Per­so­n­en, darunter einem sech­sjähri­gen Kind, bei dessen Klassenkam­er­aden oder Lehrern ‘Infor­ma­tio­nen’ zu sam­meln, der hat, fre­undlich gesagt, nicht mehr alle Tassen im Schrank.

Pro­th­mann hat für seinen “Rhein­neckar­blog” sowohl RTL als auch Zone 7 mit den Vor­wür­fen kon­fron­tiert. Zone 7-Geschäftfs­führer und Chefredak­teur Thomas Präkelt habe nicht geant­wortet, dafür aber RTL — und das laut Pro­th­mann “dankenswert­er­weise ein­deutig.” RTL (Köln) habe “inten­siv mit den Kol­le­gen der Zone 7 und dem Reporter gesprochen”, habe es auf Anfrage durch die Presseabteilung von RTL geheißen. Weit­er schreibt RTL an Pro­th­mann nach dessen Angaben:

Der Kol­lege vor Ort beteuert, zu keinem Zeit­punkt Grund­schüler ange­sprochen zu haben. Allerd­ings hat der Kol­lege – ohne Kam­er­ateam – das Schul­gelände betreten und ohne vorherige Anmel­dung im Sekre­tari­at an ein­er Klassen­tür gek­lopft. Er hoffte, dort die Klassen­lehrerin des ermorde­ten Kindes anzutr­e­f­fen. Es öffnete jedoch eine andere Lehrerin, die dann auch umge­hend wieder die Tür schloss. Par­al­lel ging eine andere Klassen­tür auf. Hier öffnete die besagte Lehrerin. Sie sagte fre­undlich, dass sie in diesem Fall keine Aus­sage tätige. Der Reporter hat dann die Schule ver­lassen.

Wed­er mit den Kol­le­gen bei RTL in Köln, noch mit dem zuständi­gen Chef vom Dienst der Zone 7 sei dieses Vorge­hen abge­sprochen gewe­sen, teilt RTL mit. Der Zone 7-Stu­di­oleit­er, Chris­t­ian Rothen­burg, habe aus­führlich mit seinem Kol­le­gen gesprochen und ihm in aller Deut­lichkeit sein Fehlver­hal­ten gespiegelt.

Andere kur­sierende Vor­würfe weist RTL als Auf­tragge­ber laut Pro­th­mann zurück. Wed­er sei ein Erscheinen eines RTL-Teams beziehungsweise von RTL beauf­tragten Teams bei einem Eltern­abend der betrof­fe­nen Klasse geplant gewe­sen, noch habe man beson­ders „aggres­siv“ im Umfeld der Opfer­fam­i­lie recher­chiert. Offen­bar aber hat­te die Schule Hin­weise auf ein möglich­es Auf­tauchen der TV-Jour­nal­is­ten und unter­band dies in Absprache mit einem Juris­ten durch Auss­chluss der Presse ins­ge­samt.

RTL forderte Zone 7 nach Pro­th­manns Recherchen auf, sich mit dem Schulleit­er in Verbindung zu set­zen und sich für das Fehlver­hal­ten “in aller Form” zu entschuldigen. Dies sei erfol­gt. Denn eine solche “Arbeitsweise entspricht natür­lich nicht den Vor­gaben und Richtlin­ien von RTL”. Der Schulleit­er habe die Entschuldigung angenom­men.

Tat­säch­lich hat Rain­er Kropp-Kur­ta einen Anruf erhal­ten — von RTL, wie er der NRWZ berichtet, nicht von der Pro­duk­tions­fir­ma. Der Anrufer habe sich entschuldigt, so der Rek­tor  zur NRWZ.