Sie diskutierten über die unechte Teilortswahl: Bürgermeister Ralf Ulbrich, seine beiden Vorgänger Wolfgang Wesner und Ernst Spadinger, Dieter Kohler (Schura), Michael Lehrer (Aichhalden), Benjamin Friedrich und Stefan Reindl. Foto: Moni Marcel

DEISSLINGEN – Die unech­te Teil­orts­wahl in den Mit­tel­punkt einer Bür­ger­ver­samm­lung zu stel­len, ist ein eher muti­ges Unter­fan­gen – wer außer einem Ver­wal­tungs­spe­zia­lis­ten weiß schon genau, was das eigent­lich ist? Nun, Bür­ger­meis­ter Ralf Ulb­rich trau­te sich, und seit Don­ners­tag­abend wis­sen nun auch die­je­ni­gen, die der Ein­la­dung in die Lauf­fe­ner Hal­le gefolgt waren, genau über das kom­pli­zier­te Kon­strukt Bescheid.

Ulb­rich hat­te Fach­leu­te aufs Podi­um gela­den, die bei­den Alt-Bür­ger­meis­ter Ernst Spa­din­ger und Wolf­gang Wes­ner, dazu Micha­el Leh­rer, Bür­ger­meis­ter von Aich­hal­den, wo die unech­te Teil­orts­wahl abge­schafft wur­de, und Die­ter Koh­ler, Orts­vor­ste­her von Schu­ra, der um ihren Erhalt gekämpft hat. Zudem mit Ben­ja­min Fried­rich und Ste­fan Reindl zwei Erst­wäh­ler, die sich erst in das The­ma ein­ar­bei­ten muss­ten, aber einen kla­ren Stand­punkt hat­ten: Die unech­te Teil­orts­wahl braucht es nicht mehr, denn Lauf­fen und Deiß­lin­gen sind längst zusam­men­ge­wach­sen, und zwar nicht nur im Fuß­ball.

Ein­ge­führt wur­de sie 1973, als Lauf­fen und Deiß­lin­gen zu einer Gemein­de wur­den. Das erläu­ter­te Ernst Spa­din­ger, der damals Bür­ger­meis­ter war. Es die Sor­ge der Lauf­fe­ner gewe­sen, als klei­ne­rer Part­ner zu kurz zu kom­men, durch die unech­te Teil­ort­wahl beka­men sie sechs der ins­ge­samt 18 Sit­ze im Gemein­de­rat garan­tiert, wodurch aller­dings die Wahl zu einer ziem­lich kom­pli­zier­ten Ange­le­gen­heit wur­de. Denn nun muss­ten nicht nur die Par­tei­en und Wäh­ler­ge­mein­schaf­ten für bei­de Orts­tei­le eige­ne Kan­di­da­ten­lis­ten auf­stel­len, son­dern die Lauf­fe­ner Wäh­ler auch ent­spre­chend getrennt ihre Stim­men ver­tei­len. Spa­din­gers kla­res Fazit: Eine Erfolgs­ge­schich­te in 45 Jah­ren, aber heu­te über­holt.

Das fand auch Wolf­gang Wes­ner, und Micha­el Leh­rer erzähl­te, wie es in Aich­hal­den und Röten­berg gelau­fen war, hier wur­de näm­lich nicht nur die unech­te Teil­orts­wahl, son­dern auch gleich der Ort­schafts­rat des Teil­orts Röten­berg abge­schafft. Heu­te fühl­ten sich die Gemein­de­rä­te für bei­de Orts­tei­le ver­ant­wort­lich, und die Bür­ger ver­trau­ten ihnen. „Die Zusam­men­ar­beit im Gemein­de­rat hat sich kolos­sal ver­än­dert. Man hat einen ganz ande­ren Blick auf die Gesamt­ge­mein­de.”

Ganz anders in Schu­ra, das zu Tros­sin­gen gehört, hier bestand man dar­auf, durch die unech­te Teil­orts­wahl sei­ne garan­tier­ten drei Sit­ze zu behal­ten. Die­ter Koh­ler hat­te die Wah­len der letz­ten Jah­re ana­ly­siert und fest­ge­stellt: Ohne das Kon­strukt hät­te Schu­ra nur noch einen oder zwei Sit­ze im Tros­sin­ger Gemein­de­rat.

Für die bei­den jun­gen Podi­ums­teil­neh­mer hin­ge­gen ist die unech­te Teil­orts­wahl so kom­pli­ziert, dass Leu­te vom Wäh­len abge­hal­ten wer­den. Und Ralf Ulb­rich beton­te, dass es durch eine Abschaf­fung und damit Ver­ein­fa­chung der Wahl weni­ger ungül­ti­ge Stim­men geben wer­de. Bei der anschlie­ßen­den Dis­kus­si­on gab es ver­ein­zel­te Stim­men, die sich für den Erhalt der Teil­orts­wahl aus­spra­chen. Micha­el Leh­rer, dar­auf ange­spro­chen, wie sich bei ihm in Röten­berg die Ver­tei­di­ger des Kon­strukts ver­hal­ten hät­ten: „Die Beton­köp­fe sind aus dem Gemein­de­rat gewählt wor­den.” Und Ben­ja­min Fried­rich: „Man soll­te bes­ser zusam­men­hal­ten und Brü­cken bau­en. Nicht die Her­kunft, son­dern die Qua­li­fi­ka­ti­on zählt.” Das unter­strich auch Manu­el Merk­le, Lauf­fe­ner und Ort­schafts- sowie Gemein­de­rat: „Die Ängs­te, dass man als Lauf­fe­ner benach­tei­ligt wird, kann ich nicht nach­voll­zie­hen.”

Hin­ge­gen fürch­te­te Lauf­fens Orts­vor­ste­her Karl Heinz Mai­er, dass die Poli­tik­ver­dros­sen­heit durch eine Abschaf­fung noch mehr zuneh­men wer­de, und Jochen Schwarz erin­ner­te an die unsäg­li­che Wahl des Orts­vor­ste­hers, der sein Amt erst im zwei­ten Wahl­gang zuge­spro­chen bekam, hier habe man ja gese­hen, wie­viel Ver­trau­en da sei. „Wenn ich was ver­än­dern will, muss ich bewei­sen, dass das Neue bes­ser ist!”

Alt-Bür­ger­meis­ter und Lauf­fe­ner Wes­ner sprach sich dage­gen klar für eine Abschaf­fung aus: „Mit unse­ren sechs Stim­men haben wir immer die Min­der­heit. Ohne die unech­te Teil­orts­wahl kön­nen wir auch mehr Stim­men haben. Uns wird gar nichts genom­men!” Ziem­lich deut­lich wur­de an dem Abend, dass die Mehr­heit für eine Abschaf­fung ist, vor allem die Jün­ge­ren. Und von Micha­el Leh­rer gab es ein dickes Lob für die Ver­an­stal­tung, die von Bür­ger­meis­ter Ralf Ulb­rich sou­ve­rän mode­riert wur­de: „Ich habe schon vie­le Dis­kus­sio­nen zu dem The­ma erlebt, aber noch nie war es so sach­lich wie hier!”

Im Anschluss gab es für die Bür­ger noch Gele­gen­heit, zu ande­ren The­men Fra­gen zu stel­len, die Ulb­rich eben­so sou­ve­rän beant­wor­te­te: Dass es in der Orts­mit­te nicht vor­an geht, liegt dar­an, dass der Bau­herr vier Wochen län­ger auf die Tief­bau­fir­ma war­ten muss als geplant, der im Ort zwi­schen­ge­la­ger­te Abraum aus die­ser Bau­stel­le ist nicht gif­tig, die schwar­zen Stel­len dar­in sind Torf, und das Toi­let­ten­pro­blem für den Lauf­fe­ner Markt ver­su­chen Rat und Ver­wal­tung mög­lichst ein­ver­nehm­lich zu lösen.