Thank you for shooting – danke fürs Schießen“

Projekt auf dem Oberndorfer Weihnachtsmarkt

Bewaffenete Weihnachtsmänner in Oberndorf. Fotos: privat

Der Weihnachtsmann mit  dem Gewehr G 36 im Arm und zwei Patronengürteln über der Schulter – das riecht nach Ärger. Und den gab es  in Oberndorf beim Weihnachtsmarkt. Der “Schwarzwälder Bote“ (SB) berich­te­te unter der Überschrift: „Friedensaktivisten pro­vo­zie­ren“ vier Tage nach dem Ereignis, eine Gruppe habe sich die Teilnahme am Weihnachtsmarkt „erschli­chen“ und sei des Platzes ver­wie­sen wor­den. Sie hät­ten laut Berichten von Marktbesuchern im Weihnachtsmannkostüm mit Wasserspitzgewehren han­tiert und Schokolade an Kinder ver­teilt. 

Bilder einer umstrit­te­nen Aktion in Oberndorf. Fotos: pri­vat

Die NRWZ hat ein wenig her­um­ge­fragt und her­aus­ge­fun­den: Bei der Aktion mit dem bewaff­ne­ten Weihnachtsmann han­del­te es sich um ein Gemeinschaftsprojekt der Künstlerin Hera und des Berliner „Kunst/AktivismusKollektivs Rocco und sei­ne Brüder“. Jasmin Siddiqui, eine der Teilnehmerinnen, erzählt, dass die Gruppe sich mit sozi­al­kri­ti­schen Themen beschäf­ti­ge, etwa der mas­si­ven Videoüberwachung in Berliner U-Bahnhöfen oder der Wohnungsnot in der Hauptstadt. Aber auch die Rüstungsexportpolitik der Bundesrepublik habe sie empört. Dabei hät­ten sie sich „mit Heckler & Koch befasst, dem Exportführer des Todes mit­ten aus Deutschland: Oberndorf“. 

Was auf dem Weihnachtsmarkt gesche­hen ist, berich­tet der SB vom Hörensagen: Die Aktivisten hät­ten im Weihnachtsmannkostüm mit Wasserspitzgewehren han­tiert und Schokolade an Kinder ver­teilt.  An einer Art Glücksrad habe „man mit einem Ball, der die Form einer Bombe oder einer Handgranate gehabt haben soll, auf Dosen oder Fotos wer­fen kön­nen, auf denen Heckler & Koch abge­bil­det war“.

Warum, erklärt Siddiqui der NRWZ so: Kinder in Krisenregionen töte­ten und wür­den getö­tet, mit Infanteriegewehren aus Oberndorf. Sie sei­en nach Oberndorf gekom­men, weil sie gespannt waren „auf ein Dorf, wel­ches gemüt­lich in der Illusion der Idylle vor sich hin schlum­mert“. Es sei ein Schock für sie gewor­den, denn es schie­nen „alle stolz auf die hie­si­ge Industrie zu sein“.

Das Projekt auf dem Weihnachtsmarkt nann­ten sie „Thank you for shoo­ting – dan­ke fürs Schießen“. Mit ihrer Aktion woll­ten die Berliner her­aus­fin­den, wie die Menschen reagie­ren, wenn „sie mit Fake-Handgranaten Styroporblöcke in Aleppo-Optik umwer­fen“, erzählt Siddiqui. Sie hät­ten gestaunt, „wie selbst­ver­ständ­lich die Kinder, aber auch die Erwachsenen damit umge­hen. Eltern hät­ten sich über Babystrampler mit Einschusslöchern gefreut „und gra­tu­lier­ten ihren jugend­li­chen Kindern zu Treffern auf Kriegsruinen und Flüchtlingskinder.“

Ihre Aktion beob­ach­te­te eine Hörfunkreporterin vom Deutschlandfunk. Anders als im „Schwarzwälder Boten“ berich­tet  („Ein Fernsehteam des SWR hat­ten sie auch mit­ge­bracht.“) hät­ten sie selbst die Kamera dabei gehabt, um die Aktion zu doku­men­tie­ren, ver­si­chert Siddiqui.

Dass man in Oberndorf auf der­lei Aktionen nicht son­der­lich erpicht ist, ist hin­läng­lich bekannt. So war auch dies­mal die Reaktion vor­her­seh­bar: Leute hät­ten sich bei der Polizei beschwert und Polizeibeamte hät­ten die Aktivisten gebe­ten, den Markt zu ver­las­sen, schreibt die Zeitung. Der Ordnungsamtsleiter der Stadt Oberndorf, Josef Geray, sei „sehr befrem­det“ gewe­sen, als er auf den Markt kam und ihm Menschen im Weihnachtsmannkostüm und mit Gewehrattrappen ent­ge­gen kamen. Die Verantwortlichen hät­ten kei­ne Marktberechtigung gehabt und er habe sie des Platzes ver­wie­sen.

Auch die Berliner erin­nern sich an den Auftritt der Oberndorfer Polizei: Die Beamten habe weni­ger gestört, dass ein „mit zwei G-36-Plastik-Sturmgewehren und Patronengurten bewaff­ne­ter Nikolaus auf einem Weihnachtsmarkt durch die Gegend springt. Vielmehr die Verwendung von Logos orts­an­säs­si­ger Firmen wie Heckler und Koch. Nach etwa zwei Stunden sei Josef Geray auf­ge­taucht. Der Ordnungsamtsleiter habe geru­fen: „Wir hat­ten hier schon genug Whistleblower! Packt ein und ver­zieht euch!“

Das hät­ten sie denn auch getan. Sie hät­ten „genü­gend Eindrücke gesam­melt – lei­der so wie erwar­tet. Ohne zurück zu gucken ver­lie­ßen wir noch am sel­ben Abend die Stadt“, sagen sie.

Das Bedauern in Oberndorf dar­über soll sich in Grenzen gehal­ten haben.