Manfred Sorg (links) und Steff Hengstler übernahmen die musikalische Seite des SPD-Liederabends im Bären. Foto: Moni Marcel

DEISSLINGEN – Es war ein musi­ka­lisch-his­to­ri­scher Aus­flug in die Geschich­te der Sozi­al­de­mo­kra­tie, der Lie­der­abend der Deiß­lin­ger SPD am Don­ners­tag­abend im Bären. Und ein gut besuch­ter: Freie Plät­ze waren näm­lich Man­gel­wa­re.

Für die Musik waren wie in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auch Steff Hengst­ler und Man­fred Sorg zustän­dig, Jo Hengst­ler und sein Akkor­de­on konn­ten krank­heits­be­dingt nicht dabei sein. Dafür sprang SPD-Bun­des­tags­kan­di­dat Georg Satt­ler kurz­fris­tig ein und gab Mari­us Mül­ler-Wes­tern­ha­gens „Frei­heit” zum Bes­ten. Die geschicht­li­chen Aspek­te beleuch­te­te Dr. Win­fried Hecht wie immer mit viel span­nen­dem Hin­ter­grund­wis­sen und humor­vol­len Aus­flü­gen. Und dies alles unter dem Mot­to „Du, lass dich nicht ver­här­ten in die­ser har­ten Zeit”, die­ser Text­zei­le aus dem Lied „Ermu­ti­gung” von Wolf Bier­mann. Das stammt zwar schon aus dem Jahr 1974, wie aktu­ell es aber ist, dar­auf wies ein­lei­tend Kreis­vor­sit­zen­der Tors­ten Stumpf hin. Er erhal­te regel­mä­ßig Mails mit üblen Inhal­ten, in dem SPD-Poli­ti­ker als Volks­mör­der bezeich­net wür­den, die auf­ge­hängt gehör­ten. Sei­ne Kon­se­quenz: Er trug an dem Abend ein T´Shirt mit dem Auf­druck „Fuck AFD”.

Ich habe mich gefreut über das Mot­to des Abends!”, beton­te Dr. Hecht und erzähl­te von Wolf Bier­mann, der frei­wil­lig in die DDR ging, wo er kom­po­nier­te, dem Sys­tem aber zu kri­tisch wur­de und 1976 wie­der aus­ge­bür­gert wur­de. Der Sohn einer jüdi­schen und kom­mu­nis­ti­schen Fami­lie hat­te Mathe und Phi­lo­so­phie stu­diert, war spä­ter in der Frie­dens­be­we­gung aktiv. Die Sta­si hat­te über 50.000 Sei­ten über ihn gesam­melt, und dazu mein­te der Lie­der­ma­cher ein­mal, es sei ja kein Wun­der, dass die DDR wirt­schaft­lich kei­nen Erfolg gehabt habe, wenn sie nichts ande­res zu tun hat­te.

Die geschicht­li­chen Aspek­te beleuch­te­te Dr. Win­fried Hecht. Foto: Moni Mar­cel

Hecht wuss­te zu jedem der Lie­der den geschicht­li­chen Hin­ter­grund, so zu „Die freie Repu­blik” von 1835, der Geschich­te der ein­ge­ker­ker­ten Stu­den­ten in Frank­furt, die sich für Men­schen­rech­te und Frei­heit stark gemacht hat­ten. Fol­gen der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, „Wer­te, die bis heu­te gel­ten: Frei­heit, Brü­der­lich­keit!”, so Hecht, doch damals muss­te man schon an den Bier­ti­schen auf­pas­sen, was man sag­te, „freie Mei­nungs­äu­ße­rung war was ganz Schlim­mes!” Die Geheim­diens­te des Bade­ner Groß­her­zogs und des Her­zogs von Würt­tem­berg hat­ten ihre Spio­ne auch im Nach­bar­land, so erzähl­te Hecht von Wan­der­ge­sel­len, die aus St. Gal­len nach Rott­weil zurück­ka­men und gleich wegen ihrer Äuße­run­gen in der Schweiz ver­haf­tet wur­den. „Des­halb wur­de in Deutsch­land auch das Lied ‚Die Gedan­ken sind frei‘ so popu­lär.”, erklär­te der His­to­ri­ker.

Küh­ne Vor­stel­lun­gen von Demo­kra­tie hat­ten nicht nur die Teil­neh­mer am Ham­ba­cher Fest, son­dern auch die einer Ver­samm­lung auf dem Drei­fal­tig­keits­berg. „Man­che von ihnen muss­ten in die Schweiz flie­hen!” Hecht erzähl­te von unter­drück­ten Bau­ern nicht nur in Deutsch­land, son­dern auch in Russ­land oder Por­tu­gal, wo er selbst län­ge­re Zeit gelebt hat­te, von dem Traum von Frei­heit und Gerech­tig­keit, von aus­beu­te­ri­schen Herr­schaf­ten und Auf­stän­den. Und von Krie­gen: Mar­le­ne Diet­richs Lied „Sag mir wo die Blu­men sind” zeigt deut­lich die Frie­dens­sehn­sucht, es wur­de 1955 von Pete See­ger als „Whe­re have all the flowers gone” zum Hit gemacht. Und am Don­ners­tag natür­lich gemein­sam gesun­gen.

Man­fred Sorg hat sich in sei­nem eige­nen Stück auch damit aus­ein­an­der­ge­setzt, es erzählt von einem Euro­pa ohne Schie­ßen und Blut­ver­gie­ßen, was nach all den Krie­gen schon fast einem Wun­der gleich kommt, „ich will, dass das so bleibt!” Mit Ina Deters „Neue Män­ner braucht das Land” ging es in die 68-er, in die Zeit der Eman­zi­pa­ti­on, ein Sek­tor, auf dem vie­les vor­an­ge­bracht wur­de, aller­dings auch noch eini­ges zu tun bleibt, beton­te Hecht. Und erzähl­te von Rosa Luxem­burg, von Cla­ra Zet­kin, von Sophie Scholl, Vor­kämp­fe­rin­nen. Die Bots kom­po­nier­ten 1984 ihr Stück „Das wei­che Was­ser” auf dem Hin­ter­grund des kal­ten Krie­ges und der Nach­rüs­tung: Das hier sta­tio­nier­te Mate­ri­al hät­te aus­ge­reicht, alles Leben in Euro­pa und dar­über hin­aus zu ver­nich­ten, so Hecht. Und die Frie­dens­be­we­gung habe immer­hin das Ende des kal­ten Krie­ges erreicht, die Herr­schen­den hät­ten ein­ge­se­hen, dass ein neu­er Krieg in unse­re­rem Raum das Ende gewe­sen wäre. „Wir wür­den sonst wahr­schein­lich heu­te nicht hier sit­zen!”

Dos Kelbl” und „Hawa Nagi­la” gehör­ten eben­falls zum Pro­gramm des Abends, das wie immer Bru­no Bant­le zusam­men­ge­stellt hat­te – auch die Juden­ver­fol­gung war damit The­ma. Und der aktu­el­le Kon­flikt um Jeru­sa­lem, der beton­te, dass es zwi­schen Paläs­ti­nen­sern und Juden durch­aus Brü­der­lich­keit geben kön­ne. Bei­spiel: Dani­el Baren­bo­ims „West-öst­li­cher Divan”, ein Orches­ter, das zur Hälf­te aus israe­li­schen und ara­bi­schen Musi­kern besteht. „Das zeigt, dass aus Fein­den Freun­de wer­den kön­nen!”, so der His­to­ri­ker. Ein Abend mit viel Geschich­te, Völ­ker­ver­stän­di­gung und Musik – manch einer freut sich jetzt schon auf nächs­tes Jahr im Bären.