Die Fachleute, die in Aichhalden über den Wolf diskutierten (von links): Schäfer Lehmann, Jürgen Lauble (Naturparkwirt), Kim Ebinger (LEV), Katharina Baudis (BUND), Schäfer Herbert Schaible, Anette Wohlfahrt (Landesschafzuchtverband), Martina Braun (MdL, Grüne), Otmar Riedmüller (Kreisjägermeister), Manfred Haas (Bauernverband) und Dr. Micha Herdtfelder (FVA). Foto: sra

250 Inter­es­sier­te kamen am Don­ners­tag­abend in die Josef-Merz Hal­le in Aich­hal­den. Der Land­schafts­ent­wick­lungs­ver­band hat­te gemein­sam mit dem Lan­des­schaf­zucht­ver­band zum The­ma „Wei­de­tier­hal­tung und Wolf – geht das?“ gela­den. Der Aich­hal­de­ner Bür­ger­meis­ter Micha­el Leh­rer mode­rier­te – „eine Pre­mie­re“, wie er zugab, und freu­te sich über ein vol­les Haus.

Leh­rer beton­te, Baden-Würt­tem­berg sei „Wolfs­er­war­tungs­land“ und gab das Wort zuerst an Kim Ebin­ger, Geschäfts­füh­re­rin des Land­schafts­ent­wick­lungs­ver­bands Mitt­le­rer Schwarz­wald, die in einer Kurz­prä­sen­ta­ti­on auf­zeig­te, wie sich die hie­si­ge Kul­tur­land­schaft in den letz­ten Jahr­zehn­ten ent­wi­ckelt hat – und wie wich­tig es sei, dass wei­ter­hin Land­wirt­schaft und Bewei­dung betrie­ben wird, „damit nicht alles zuwu­chert“ – offe­ne Flä­chen sei­en hei­mat­stif­tend, so Ebin­ger.

Die Offen­hal­tungs­maß­nah­men in der Schwarz­wäl­der Topo­gra­phie sei­en eine Her­aus­for­de­rung, die von der Poli­tik beson­ders hono­riert wer­den müss­ten. Es bestehe bei Land­wir­ten und Schä­fern ein Nach­fol­ge­pro­blem.

Zwei Wölfe im Land

Dr. Micha Herdtfel­der von der Forst­li­chen Ver­suchs- und For­schungs­an­stalt (FVA) Frei­burg war der zwei­te Impuls­red­ner: Er refe­rier­te über die Situa­ti­on der Wöl­fe in Euro­pa, Ver­hal­tens­mus­ter der Wöl­fe und das Wolfs­mo­ni­to­ring, das die FVA der­zeit durch­führt. „Es gibt in Deutsch­land der­zeit 60 Rudel, drei­zehn Paa­re und drei ter­ri­to­ria­le Ein­zel­tie­re“, so Herdtfel­der. Der Groß­teil der Wöl­fe lebe in Sach­sen, Sach­sen-Anhalt und Nie­der­sach­sen.

In Baden-Würt­tem­berg schätzt der Wolfs-Exper­te die Anzahl der Wöl­fe der­zeit auf zwei, einer davon aus einem nie­der­säch­si­schen Rudel bei Schne­ver­din­gen, der ande­re aus dem Calandaru­del aus der Schweiz zuge­wan­dert. Rudel bestün­den zumeist aus  etwa acht Wöl­fen: Den Eltern, die ihr Leben lang zusam­men­blie­ben, dem neu­es­ten Wurf und den Jähr­lin­gen, wobei die Jähr­lin­ge mit ein bis zwei Jah­ren das Rudel ver­las­sen müss­ten. Zwei die­ser Jähr­lin­ge strei­fen anschei­nend gera­de durch Baden-Würt­tem­berg.

Wöl­fe könn­ten bis zu 70 Kilo­me­ter pro Nacht zurück­le­gen. Alle Tie­re sei­en gene­tisch erfasst, sodass die Mär von „ein­ge­schleus­ten“ Tie­ren nicht wahr sei. Auch sei von einem sich nor­mal ver­hal­ten­den Wolf kein Über­griff auf Men­schen zu erwar­ten, die Tie­re sei­en sehr scheu. „Außer man füt­tert sie an – dann ver­hal­ten sie sich nicht mehr art­ge­recht.“ Wöl­fe sei­en hier in der Gegend vor Jahr­hun­der­ten aus­ge­rot­tet wor­den, weil sie Men­schen ange­grif­fen hät­ten – Haupt­grund sei die Toll­wut gewe­sen. Die heu­ti­ge Situa­ti­on sei jedoch eine ande­re.

Herdtfel­der stell­te her­aus, dass ein Riß eines Scha­fes nach aktu­el­ler Defi­ni­ti­on – der Wolf ist nach EU-Recht streng geschütz­te Art – nicht als art­fremd gilt. Erst wenn sich Wöl­fe wie­der­holt die­sel­be Schaf­her­de angrif­fen oder sich Men­schen nähern, sei es durch Neu­gier, sei es durch Anfüt­te­rung, müs­se man ein­grei­fen und den Wolf „ent­neh­men“ – was nach Para­graf 45 Absatz 7 Natur­schutz­ge­setz auch so gefor­dert sei – „ent­neh­men bedeu­tet letzt­end­lich abschie­ßen.”

Herdenschutz ist schwierig

Nach Herdtfel­der hielt Anet­te Wohl­fahrt, Geschäfts­füh­re­rin des Lan­des­schaf­zucht­ver­bands einen Vor­trag: Sie stell­te ein Pro­jekt zum Her­den­schutz vor, das der Lan­des­schaf­zucht­ver­band zusam­men mit Umwelt­schutz­ver­bän­den und inter­na­tio­na­len Part­nern betreibt: Man tes­te ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, Nutz­tie­re vor Wild­tie­ren zu schüt­zen – und deren Schwä­chen.

So sei es im Schwarz­wald nicht so ein­fach, die emp­foh­le­nen 1,20 Meter hohen Zaun zu instal­lie­ren, schon gar nicht in Steil­la­gen – und auch die Ein­brin­gung in den Boden sei nicht so sim­pel wie es auf dem Papier erscheint. Ver­su­che mit Her­den­schutz­hun­den und ver­schie­de­nen Arten von Zäu­nen sei­en nicht immer posi­tiv ver­lau­fen, der Auf­wand sei sehr groß, die Kos­ten auch, und im Fal­le der Her­den­schutz­hun­de sei sogar eine Schutz­hüt­te vor­ge­schrie­ben, die ein Schä­fer ja schlecht dem Hund hin­ter­her­tra­gen kön­ne.

Theo Leh­man und Her­bert Schaible, bei­des Schä­fer aus der Regi­on, neh­men am Pilot­pro­jekt Wei­de­schutz teil und berich­te­ten anschau­lich von Freud und Leid beim Stel­len von Zäu­nen und Abrich­ten von Her­den­schutz­hun­den. Die Scha­fe sei­en anfangs gar nicht begeis­tert gewe­sen, so Schaible.

Ungeklärte Versicherungsfragen

Ins­ge­samt sei die Situa­ti­on sehr unbe­frie­di­gend – und vor allem sei die Ver­si­che­rungs­fra­ge nicht gelöst. Und da gehe es nicht um die paar geris­se­nen Scha­fe, die es 2017 gab. „Was pas­siert, wenn die Her­de wie­der­holt aus­bricht, auf die Stra­ße rennt und einen Unfall ver­ur­sacht? Da zahlt irgend­wann kei­ne Ver­si­che­rung mehr!“

Die­ses Pro­blem hat auch die Grü­ne Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Mar­ti­na Braun aus Linach fest­ge­stellt, die nach den Vor­trä­gen aufs Podi­um gebe­ten wur­de. Als Land­wir­tin kön­ne sie die Argu­men­te abso­lut nach­voll­zie­hen, so Braun. Die Poli­tik habe das erkannt – aber wie so oft gebe es einen Ziel­kon­flikt. Die­sen zu lösen sei die Auf­ga­be in der nächs­ten Zeit. Immer­hin habe schon die Wei­de­zaun- und Her­den­schutz­hund-Ver­suchs­rei­he statt­ge­fun­den, für die die Grü­nen 200.000 Euro aus ihren Frak­ti­ons­gel­dern bezahl­ten – „wei­ter 300.000 wer­den für die nächs­ten 3 Jah­re bereit­ge­stellt“, so Braun.

Ganz unab­hän­gig vom Wolf sei das größ­te Pro­blem tat­säch­lich die Ver­si­che­rungs­fra­ge – nicht für den Riss eines Scha­fes, dafür gebe es einen Aus­gleichs­fonds. Son­dern für den von Wohl­fahrt ange­spro­che­nen Fall, dass Sach- oder gar Per­so­nen­scha­den ent­ste­he.

Wolf und Wild – ein Problem für die Jäger und Bauern

Kreis­jä­ger­meis­ter Otmar Ried­mül­ler sprach sich für eine Beja­gung des Wol­fes aus, schließ­lich zah­le man viel Jagd­pacht. „Der Wolf soll uns nicht das Wild weg­fres­sen.“ Heim­li­che Abschüs­se nach dem Drei-S-Prin­zip „Schie­ßen, Schip­pen, Schwei­gen“ kämen für die Jäger­schaft selbst­ver­ständ­lich nicht in Fra­ge.

Auch Kreis­bau­ern­ver­bands­chef Man­fred Haas sieht den Wolf kri­tisch. Er sei schon gefragt wor­den, ob Kin­der­gar­ten­kin­der wei­ter drau­ßen spie­len dürf­ten. Regio­nal­ge­schäfts­füh­re­rin Katha­ri­na Bau­dis vom BUND hielt dage­gen: „Der Wolf gehört nach EU-Recht zu den geschütz­ten Arten und ist Teil der Arten­viel­falt“. Sie ver­ste­he die Sor­gen der Wei­de­tier­hal­ter und natür­lich müs­se da gehol­fen und Geld inves­tiert wer­den: „Da ist die Poli­tik gefragt.“

In der Fra­gen­run­de ging es zeit­wei­se heiß her. Mode­ra­tor Leh­rer bat um Sach­lich­keit, Pole­mik hel­fe nicht wei­ter. Dies wur­de von den aller­meis­ten Zuhö­rern auch ein­ge­hal­ten, und eini­ge „Mär­chen über den Wolf“ konn­ten aus­ge­räumt wer­den. Der Auf­trag der Besu­cher ging ganz klar an die Poli­tik, in punk­to Her­den­schutz und Ver­si­che­rungs­fra­gen mehr zu tun.             sra