Am Sonn­tag fei­er­te vor vol­lem Haus „Die Zau­ber­flö­te” Pre­mie­re – ein pop­pi­ges, kun­ter­bun­tes Spek­ta­kel für Kin­der in Beglei­tung, mit dem das Rott­wei­ler Zim­mer­thea­ter ziel­si­cher Weih­nach­ten ansteu­ert.

Es ist eine Kin­der­oper, ein Musik­mär­chen, in dem natür­lich die Zau­ber­flö­te vor­kommt, aber auch ein Boot, schier magi­sche Schrän­ke und – ein Modell­hub­schrau­ber. Ganz klar: Das kann für ein­ein­halb Stun­den den Fern­se­her erset­zen. Und, bes­ser noch: den Schul­un­ter­richt. Selbst die erwach­se­nen Zuschau­er kom­men auf ihre Kos­ten, wenn sie sich im dich­ten Kla­mauk auf die wesent­li­che Aus­sa­ge kon­zen­trie­ren: Wir sind alle Men­schen. Wir sit­zen alle im sel­ben Boot. Und die Lie­be siegt immer. Vor allem vor Weih­nach­ten.

Viel Platz im "magischen" Schrank (von links): Maxi Blässing, Bagdasar Khachikyan, Sandra Reineboth, Karolin Trübenbach und Isabelle Groß de Garcia. Foto: Roland Zimmerer
Viel Platz im „magi­schen” Schrank (von links): Maxi Bläs­sing, Bag­da­sar Kha­chi­kyan, San­dra Rei­ne­both, Karo­lin Trü­ben­bach und Isa­bel­le Groß de Gar­cía. Foto: Roland Zim­me­rer

Anna-Lena ist sechs Jah­re alt und gehört zur Ziel­grup­pe die­ser Fas­sung der „Zau­ber­flö­te” von Zim­mer­thea­ter-Inten­dant Peter Staats­mann. Eine Ziel­grup­pe wie eine Rich­ter­ska­la, nach oben offen. Ist die­ses Stück in die­ser Insze­nie­rung also wirk­lich für alle Men­schen von vier bis hun­dert Jah­ren, wie es das Pro­gramm­blatt aus­weist? Ja, wenn sie sich auf einen ziem­lich ver­rück­ten Schwank mit wil­den Wen­dun­gen ein­las­sen, in dem die Hand­lung der Vor­la­ge vom Herbst­wind ver­weht scheint und in dem Mozarts Musik und die der Beat­les mun­ter durch­ein­an­der pur­zeln. Und ja, wenn man den Klei­nen hier und da ein wenig bei­steht. Oder bes­ser: Ja, wenn sich die Klei­nen wie die Gro­ßen ihre Pas­sa­gen her­aus­pi­cken wie die Tau­ben in Aschen­put­tel die Lin­sen aus der Asche lesen. So wer­den jun­ge und älte­re Zuschau­er ganz unter­schied­li­che Lin­sen fin­den, aber alle wer­den wel­che fin­den.

Dem­entspre­chend ist die klei­ne Anna-Lena aufs Höchs­te ange­tan, wenn die Köni­gin der Nacht – die, weil sie in Staats­manns Insze­nie­rung durch­schnitts­bür­ger­li­cher ist, hier Köni­gin Nacht­mül­ler heißt – ihre berühm­te Arie von der Höl­le Rache singt (stimm­lich wirk­lich wun­der­bar und dar­stel­le­risch über­zeu­gend: Karo­lin Trü­ben­bach). Oder wenn Pami­na (aus­drucks­stark: San­dra Rei­ne­both) und Papa­ge­no (hoch­en­er­ge­tisch: Bag­da­sar Kha­chi­kyan) ihr Duett „Papa­ge­no, Papa­ge­no!” anstim­men. Auch die­se blon­de Frau im Wald, die­se Schneuz (wand­lungs­fä­hig und wit­zig: Isa­bel­le Groß de Gar­cía in einer Dop­pel­rol­le auch als Herr Saras­tro), die im zwei­ten Auf­zug auf­taucht wie aus einem völ­lig ande­ren Stück, kann bei ihrer jun­gen Zuschaue­rin lan­den. Und bei den vie­len ande­ren Kin­dern, die zu den Füßen der Schau­spie­ler sit­zen, die Thea­ter­hand­werk und -kunst so haut­nah erle­ben. Etwa die jun­ge, talen­tier­te Maxi Bläs­sing, die kurz nur auf­tre­ten darf, eine schö­ne Stim­me mit­bringt, die ihren Teil zum Stück zugleich auch als Regie­as­sis­ten­tin bei­trägt. Und den ein­fühl­sa­men Pia­nis­ten Mykhailo Tem­ny­kov als Beglei­ter aller.

Ganz gro­ßes Kino für die Klei­nen dann im furio­sen Fina­le, in dem ein Hub­schrau­ber über Papa­ge­no und Pami­na schwebt, in dem Köni­gin Nacht­mül­ler und Herr Saras­tro bun­te Bril­len auf haben, die sie wohl brau­chen, um die Abtrün­ni­gen bes­ser zu sehen. Sinn aber ergibt das, sei­en wir ehr­lich, kei­nen. Es ist ein Kla­mauk, der die klei­ne Anna-Lena ziem­lich sprach­los macht. Dabei ein durch­aus anspruchs­vol­ler – als Kin­der­stück kon­zi­piert, wird die Sze­ne­rie nie etwa schlüpf­rig, son­dern bleibt ein­fach spa­ßig, ohne ins Seich­te abzu­drif­ten. Da Ver­rückt­hei­ten ein­fach ver­rückt sein dür­fen, frei jeder Last.

Damit ist aber die engs­te Nähe zur Vor­la­ge her­ge­stellt: Mozart und der Dich­ter Ema­nu­el Schi­ka­ne­der muss­ten nichts ande­res als Unter­hal­tung im Sinn gehabt haben, als sie den Vogel­fän­ger schu­fen und die magi­sche Zau­ber­flö­te. So ist das Stück auch am Zim­mer­thea­ter nichts bedeu­tungs­schwan­ge­res, schwer­gän­gi­ges. Bei bei­den fin­den sich huma­nis­ti­sche Anklän­ge, die der Zuschau­er in der Rott­wei­ler Insze­nie­rung aller­dings auch leicht aus­blen­den kann, wenn er ein­fach einen unter­halt­sa­men Spät­nach­mit­tag erle­ben will.

Oder doch, so auf einer zwei­ten Ebe­ne? Die Älte­ren im Publi­kum wer­den das alles beherr­schen­de The­ma die­ser Tage, Wochen und Mona­te fin­den: die Weih­nachts­ge­schich­te, die­se Geschich­te von den Flücht­lin­gen, die um Auf­nah­me bit­ten. Eine Geschich­te, die zugleich eine ist von Aus­gren­zung und Ableh­nung. Von Besitz­stands­wah­rung und Des­in­ter­es­se.

Peter Staats­mann – der dem Ver­neh­men nach lan­ge an die­sem Stück gear­bei­tet hat und nach eige­ner Aus­sa­ge mit der Pre­mie­re noch nicht zufrie­den war, weil sie ihm noch nicht flüs­sig genug erschien – über­frach­tet die Zau­ber­flö­te in der Zim­mer­thea­ter­ver­si­on aber nicht. Er zeigt frem­de Men­schen, die offen­bar Hil­fe und Unter­stüt­zung brau­chen, er zeigt die Sprach­bar­rie­re, aber zum Glück gibt es ja die Zau­ber­flö­te, die die­se über­win­den hilft, wenn es doch auch nur so ein­fach wäre. Er lässt Res­sen­ti­ments dar­stel­len, Ableh­nung, aber auch Neu­gier und die Bereit­schaft, sich auf die Frem­den ein­zu­las­sen – auf bei­den Sei­ten, auf jener der Ankömm­lin­ge und jener der Alt­ein­ge­ses­se­nen. Und natür­lich sind es die „Kin­der”, die sich für das Alt­her­ge­brach­te nicht inter­es­sie­ren, son­dern offen sind für Neu­es.

Staats­manns Stück bleibt dabei immer hei­ter – vom furcht­ein­flö­ßen­den Geschimp­fe der Frau Nacht­kö­ni­gin und einer unge­müt­li­chen Nacht im Wald ein­mal abge­se­hen. Dafür sor­gen etwa die anschei­nend magi­schen Schrän­ke, die ver­schie­de­ne Ein- und Aus­gän­ge haben, und die Staats­mann in ihrer vol­len Grö­ße bespie­len lässt. Dafür sorgt der mit Leben, weil mit dem leib­haf­ti­gen Kha­chi­kyan gefüll­te Klei­der­sack. Der unter­halt­sa­me Auf­tritt der Frau Schneuz. Dafür sorgt auch das sehr beweg­te Büh­nen­bild, auf dem viel pas­siert, auf dem zum Schluss ein gan­zes Boot Platz hat, sehr zum Erstau­nen der Zuschaue­rin Anna-Lena, die der­glei­chen zuvor noch nie gese­hen hat­te.

Energiereicher Einsatz: Khachikyan als Papageno. Foto: Roland Zimmerer
Ener­gie­rei­cher Ein­satz: Kha­chi­kyan als Papa­ge­no. Foto: Roland Zim­me­rer

Und alles mit dem geringst mög­li­chen Auf­wand an Mit­teln – wes­halb man ange­sichts die­ser Insze­nie­rung und der Requi­si­ten aus­nahms­wei­se nicht nur sich selbst einen Lot­to­ge­winn wünsch­te, son­dern fast vor­dring­li­cher noch der Zim­mer­thea­ter­in­ten­danz, die ja an sich schon eine selbst­aus­beu­te­ri­sche Spar­maß­nah­me dar­stellt: Bet­ti­na Schült­ke als Dra­ma­tur­gin, die für die Kos­tü­me Zustän­di­ge, für den Aus­schank und die Ein­tritts­kar­ten, den Fly­er und die Schau­spie­ler­be­treu­ung eben­falls, und ihr Part­ner Peter Staats­mann, die zusam­men als Inten­dan­ten­paar den gro­ßen finan­zi­el­len Druck auf ihrem Haus mit ihrer per­sön­li­chen, mensch­li­chen Ener­gie abfe­dern. Die, wie ihre Vor­gän­ger, das Thea­ter selbst sind.

Doch hat die­ses Inten­dan­ten­paar auch Glück, Staats­mann sag­te es am Sonn­tag im Rah­men sei­ner ein­lei­ten­den Wor­te vor der Pre­mie­re: Die Nähe zur Musik­hoch­schu­le Tros­sin­gen ist ein Segen. Vor allem für die Ohren der Zuhö­rer. Die musi­ka­li­sche Qua­li­tät der „Zau­ber­flö­te” am Zim­mer­thea­ter ist stel­len­wei­se erstaun­lich.

Des­halb ergeht hier eine ein­deu­ti­ge Emp­feh­lung an Sie, lie­be Leser: Schau­en Sie sich die Rott­wei­ler „Zau­ber­flö­te” gemein­sam mit Ihren Kin­dern selbst an. Unter http://zimmertheater-rottweil.de/spielplan/ fin­den Sie die Ter­mi­ne.  Wei­te­re Vor­stel­lun­gen am 29. Novem­ber, 6., 20., 27. und 31. Dezem­ber, jeweils 16 Uhr. Reser­vie­rung unter Tel. 0741/8990 oder info@zimmertheater-rottweil.de

Schu­len – sie stel­len eine star­ke Ziel­grup­pe des Zim­mer­thea­ters dar, werk­täg­lich fin­den vor­mit­tags gleich zwei Auf­füh­run­gen statt – wer­den gut dar­an tun, wenn die beglei­ten­den Leh­rer die fei­ne­ren Nuan­cen des Stücks mit ihren Schü­lern nach­ar­bei­ten.

Es gibt tat­säch­lich viel zu ent­de­cken in Staats­manns Stück, das es lohnt, noch­mals betrach­tet zu wer­den. Viel­leicht nicht aber für die klei­ne Anna-Lena. Die­se fühl­te sich ein­fach gut unter­hal­ten.