Bewegt und bewegend

ROTTWEIL – „Schwarzer Schnee“ ist der Titel, den Ursula Neugebauer ihrer Ausstellung im Forum Kunst Rottweil gegeben hat. Sie bietet einen repräsentativen Einblick in ihr bisheriges Schaffen. Doch im Mittelpunkt steht eine Installation, mit der die Künstlerin ein Familientrauma aufarbeitet: ihre Mutter musste im Winter 1945 als 14jähriges Mädchen alleine aus Schlesien fliehen – und hat ihr Leben lang darüber geschwiegen.

Ursula Neugebauer, Professorin an der Berliner Universität der Künste, geht überall dorthin, wo es wehtut. Sie hat Prostituierte auf dem Straßenstrich um Haare gebeten und daraus Gesichter und Körper „gezeichnet“, sie hat einen gläsernen Pavillon mit Gerberablumen gefüllt, die perfekte Illusion strahlender kleiner Sonnen. Doch was von der vermeintlichen Natur-Schönheit übrig blieb, waren Tausende von Plastikbechern.

In Worpswede pflanzte die Künstlerin Margeritenstauden, um ihnen dann in akribischer Kleinarbeit und unter teilweise massiver Beschimpfung durch Passanten die weißen Blütenblätter auszuzupfen. Ein barbarischer Akt, so schien es, doch tatsächlich führte sie ein magisches Ritual konsequent aus und ad absurdum: „Er liebt mich, er liebt mich nicht, von Herzen, mit Schmerzen“. Übrigens: die Margeriten trieben nach ihrer „Schändung“ neu aus und blühten reicher als zuvor.   Der entscheidende Bruch in der Biografie Anita Langes, der Mutter von Ursula Neugebauer, war der Verlust ihrer Heimat. Thematisiert habe sie diese Erlebnisse nie, dafür hätten sich die Erzählungen aus ihrer Kindheit von Jahr zu Jahr märchenhafter angehört, erinnert sich die Künstlerin.

In den 1990er Jahren versuchte sie erstmals, der Vergangenheit auf die Spur zu kommen. Im Frühjahr 2019  unternahm sie zusammen mit einem Kamerateam erneut eine Recherchereise nach Polen. Das Ergebnis, eine assoziativ-poetische, bewegte und bewegende Installation aus Filmen, Fotografie und skulpturalen Elementen stellt sie jetzt im Forum Kunst vor. Und damit erweist sie nicht nur ihrer Mutter, sondern den Geflohenen und Flüchtenden aller Zeiten Reverenz.

  Die Ausstellung „Schwarzer Schnee“ ist bis zum 27. Oktober zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag, Mittwoch und Freitag 14 bis 17 Uhr, Donnerstag 17 bis 20 Uhr (Ausnahme: 3. Oktober 10 bis 13 und 14 bis 17 Uhr), Samstag und Sonntag 10 bis 13 und 14 bis 17 Uhr
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