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Rottweil
Dienstag, 10. Dezember 2019
Start Kul­tur Bewegt und bewe­gend

Bewegt und bewegend

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ROTTWEIL – „Schwar­zer Schnee“ ist der Titel, den Ursu­la Neu­ge­bau­er ihrer Aus­stel­lung im Forum Kunst Rott­weil gege­ben hat. Sie bie­tet einen reprä­sen­ta­ti­ven Ein­blick in ihr bis­he­ri­ges Schaf­fen. Doch im Mit­tel­punkt steht eine Instal­la­ti­on, mit der die Künst­le­rin ein Fami­li­en­trau­ma auf­ar­bei­tet: ihre Mut­ter muss­te im Win­ter 1945 als 14jähriges Mäd­chen allei­ne aus Schle­si­en flie­hen – und hat ihr Leben lang dar­über geschwie­gen.

Ursu­la Neu­ge­bau­er, Pro­fes­so­rin an der Ber­li­ner Uni­ver­si­tät der Küns­te, geht über­all dort­hin, wo es weh­tut. Sie hat Pro­sti­tu­ier­te auf dem Stra­ßen­strich um Haa­re gebe­ten und dar­aus Gesich­ter und Kör­per „gezeich­net“, sie hat einen glä­ser­nen Pavil­lon mit Ger­be­r­a­blu­men gefüllt, die per­fek­te Illu­si­on strah­len­der klei­ner Son­nen. Doch was von der ver­meint­li­chen Natur-Schön­heit übrig blieb, waren Tau­sen­de von Plas­tik­be­chern.

In Worps­we­de pflanz­te die Künst­le­rin Mar­ge­ri­ten­stau­den, um ihnen dann in akri­bi­scher Klein­ar­beit und unter teil­wei­se mas­si­ver Beschimp­fung durch Pas­san­ten die wei­ßen Blü­ten­blät­ter aus­zu­zup­fen. Ein bar­ba­ri­scher Akt, so schien es, doch tat­säch­lich führ­te sie ein magi­sches Ritu­al kon­se­quent aus und ad absur­dum: „Er liebt mich, er liebt mich nicht, von Her­zen, mit Schmer­zen“. Übri­gens: die Mar­ge­ri­ten trie­ben nach ihrer „Schän­dung“ neu aus und blüh­ten rei­cher als zuvor.   Der ent­schei­den­de Bruch in der Bio­gra­fie Ani­ta Lan­ges, der Mut­ter von Ursu­la Neu­ge­bau­er, war der Ver­lust ihrer Hei­mat. The­ma­ti­siert habe sie die­se Erleb­nis­se nie, dafür hät­ten sich die Erzäh­lun­gen aus ihrer Kind­heit von Jahr zu Jahr mär­chen­haf­ter ange­hört, erin­nert sich die Künst­le­rin.

In den 1990er Jah­ren ver­such­te sie erst­mals, der Ver­gan­gen­heit auf die Spur zu kom­men. Im Früh­jahr 2019  unter­nahm sie zusam­men mit einem Kame­ra­team erneut eine Recher­che­rei­se nach Polen. Das Ergeb­nis, eine asso­zia­­tiv-poe­­ti­­sche, beweg­te und bewe­gen­de Instal­la­ti­on aus Fil­men, Foto­gra­fie und skulp­tu­ra­len Ele­men­ten stellt sie jetzt im Forum Kunst vor. Und damit erweist sie nicht nur ihrer Mut­ter, son­dern den Geflo­he­nen und Flüch­ten­den aller Zei­ten Reve­renz.

  Die Aus­stel­lung „Schwar­zer Schnee“ ist bis zum 27. Okto­ber zu sehen. Öff­nungs­zei­ten: Diens­tag, Mitt­woch und Frei­tag 14 bis 17 Uhr, Don­ners­tag 17 bis 20 Uhr (Aus­nah­me: 3. Okto­ber 10 bis 13 und 14 bis 17 Uhr), Sams­tag und Sonn­tag 10 bis 13 und 14 bis 17 Uhr
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