Christliche Symbole unter Verdrängungsdruck

Interview / Ausstellung zu religiöser Kunst im Dominikanermuseum / Tobias Kammerer über sakrale Kunst

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Sieht eine „krasse Entkirchlichung“: der Glaskünstler Tobias Kammerer. Foto: al

Das Domi­ni­ka­ner­mu­se­um prä­sen­tiert ab heu­te reli­giö­se Kunst der Moder­ne im Raum Rott­weil von 1945 bis 2017. Von 13 Künst­le­rin­nen und Künst­lern wer­den Arbei­ten gezeigt, die Band­brei­te reicht vom expres­si­ven Rea­lis­mus über Infor­mel und Kon­struk­ti­vis­mus bis zur Mini­mal Art. Selbst wenn man in Rech­nung stellt, dass Künst­ler Zeit brau­chen, um sich zu eta­blie­ren: Es fällt auf, dass die jün­ge­re Genera­ti­on kaum prä­sent ist. Wir woll­ten des­halb vom jüngs­ten ver­tre­te­nen Künst­ler, dem inter­na­tio­nal täti­gen Tobi­as Kam­me­rer (Jahr­gang 1968), wis­sen, wor­an das lie­gen könn­te und wie es aus sei­ner Sicht um die reli­giö­se Kunst der Gegen­wart steht.

NRWZ: Herr Kam­me­rer, wie steht es denn aus Ihrer Sicht aktu­ell um die reli­giö­se Kunst? Ist die – pro­vo­ka­tiv gefragt – reif für das Muse­um?

Tobi­as Kam­me­rer: Kunst ist grund­sätz­lich reif fürs Muse­um. Egal ob sakral oder pro­fan. In den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten hat sich prak­tisch die gan­ze Gegen­warts­kunst in der Kir­che mani­fes­tiert – wenn man bei­spiels­wei­se an das von Ger­hard Rich­ter ent­wor­fe­ne Fens­ter im Süd­haus des Köl­ner Doms denkt oder an die Fens­ter von Mar­kus Lüpertz in der Köl­ner Pfarr­kir­che Sankt Andre­as.

Künst­ler und Kir­che, das war und ist immer auch ein kon­flikt­be­haf­te­tes Ver­hält­nis. Gibt es da mitt­ler­wei­le von bei­den Sei­ten kei­ne Vor­be­hal­te?

Für die kirch­li­chen Wür­den­trä­ger kann ich nicht spre­chen – es ist ja bekannt, dass zum Bei­spiel der frü­he­re Köl­ner Kar­di­nal Meiß­ner gegen das Rich­ter-Fens­ter war, wäh­rend ande­re die aktu­el­le Kunst stark auf­grei­fen. Aber was die Künst­ler betrifft, ist mein Ein­druck, dass es in der Tat kei­ne unüber­brück­ba­re Distanz mehr gibt. Wir hat­ten in der Nach­kriegs­zeit pola­ri­sie­ren­de Posi­tio­nen: Figu­ra­ti­on oder Abs­trak­ti­on, Kir­chen­kunst als ange­wand­te Kunst und freie Kunst – im jün­ge­ren Kol­le­gen­kreis fin­den die­se Aus­ein­an­der­set­zun­gen nicht mehr statt. Sie sind ist obso­let. Wir haben kei­ne Pro­ble­me mehr mit Figu­ra­ti­on. Und wir haben auch kei­ne Pro­ble­me mehr mit Kunst in der Kir­che.

Wie kommt das?

Ich den­ke, das hat mit dem zeit­li­chen Abstand zu tun. Nach 1945 war es zunächst nicht mehr mög­lich, rein figu­ra­tiv zu arbei­ten, wenn man aner­kannt wer­den woll­te – die­se gan­ze Tra­di­ti­on schien ver­al­tet und war dis­kre­di­tiert. Zum andern ist durch den gro­ßen Wie­der­auf­bau vor allem in Deutsch­land im kirch­li­chen Bereich lei­der auch Kon­fek­ti­ons-Mas­sen­wa­re ent­stan­den. Das war nicht immer ruhm­reich, wobei es natür­lich her­vor­ra­gen­de Aus­nah­men gibt. Aber vor die­sem Hin­ter­grund hat auch die lan­ge ver­pön­te Figu­ra­ti­on wie­der einen Stel­len­wert bekom­men, wenn sie qua­li­ta­tiv hoch­wer­tig ist.

Wenn wir den obe­ren Neckar­raum anschau­en, dann fällt auf, dass Sie als End­vier­zi­ger mit Abstand der Jüngs­te im Kreis derer sind, die in die­ser Aus­stel­lung gewür­digt wer­den. Sind für jün­ge­ren Künst­lern reli­giö­se The­men eher neben­rangig?

Ja. Ich sehe es bei Tagun­gen und bei vie­len Gesprä­chen, dass es in der Tat jün­ge­ren Künst­lern weni­ger in den Sinn kommt, reli­giö­se The­men auf­zu­grei­fen.

Liegt es dar­an, dass die Kir­che als Auf­trag­ge­ber stär­ker zurück­fällt, oder gibt es einen Zusam­men­hang mit dem Rück­gang des Reli­giö­sen in der Öffent­lich­keit ganz all­ge­mein?

In der Tat: Die Auf­trä­ge wer­den weni­ger. Als ich vor 30 Jah­ren begon­nen habe, lagen prak­tisch jeden Monat drei Wett­be­wer­be für Glas­fens­ter auf dem Tisch – heu­te sind es drei im Jahr. Und heu­te kei­len wir uns um zehn Qua­drat­me­ter, wäh­rend es vor 30 Jah­ren noch über 100 Qua­drat­me­ter waren.

Das ande­re ist, dass in unse­rer Gesell­schaft das Reli­giö­se nicht mehr so im Zen­trum steht: Es gibt weni­ger Kreu­ze in öffent­li­chen Räu­men, man betet nicht mehr vor dem Essen, der Kirch­gang ist mäßig.

Geht unse­rer moder­nen, pro­fa­nen Gesell­schaft all­mäh­lich der Sinn für das Sakra­le ver­lo­ren?

Ich den­ke schon – und betraue­re das sehr! Man will im öffent­li­chen Raum fast gar kein rein christ­li­ches Sym­bol mehr sehen. Die­se Ent­kirch­li­chung ist krass und mei­nes Erach­tens hängt sie mit unse­rem Wohl­stand zusam­men. Gera­de gestal­te ich im Schwarz­wald-Baar-Kli­ni­kum den Abschieds­raum für die Kin­der-Pal­lia­tiv­sta­ti­on. Da darf man auf gar kei­nen Fall ein Kreuz zei­gen. Natür­lich, es sind sehr vie­le Mus­li­me dabei, die mit dem Kreuz nicht ihren Glau­ben ver­bin­den. Aber vie­le ande­re Men­schen sind ein­fach nicht mehr reli­gi­ös. Ich habe vor­ge­schla­gen, dass wir ein Vor­tra­ge­kreuz machen, das man bei Bedarf zur Sei­te stel­len oder aus dem Raum neh­men könn­te. Nein, auch das ging nicht. Die Kir­chen­fer­nen inter­es­sie­ren sich für die christ­li­chen Sym­bo­le nicht. Und in der zuneh­mend inter­re­li­giö­sen Gesell­schaft pas­sen sie nicht. Das ist sehr scha­de…

… Ein Ver­lust an spi­ri­tu­el­ler Musi­ka­li­tät?

Ja. Man hat kein Sen­so­ri­um mehr für Din­ge außer­halb des Mate­ri­el­len, das so stark unse­re Wahr­neh­mung und unser Den­ken bestimmt. Und man denkt, dass man sich das gesell­schaft­lich leis­ten kann, dass man nicht mehr reli­gi­ös sein muss.

Was bedeu­tet das für die künst­le­ri­sche Spra­che? Es fällt ja auf, dass moder­ne Kunst eine gro­ße Offen­heit auf­weist. In der Fried­hofs­ka­pel­le in Rott­weil zum Bei­spiel ver­wen­den Sie die Kreuz­the­ma­tik, aber das drängt sich nicht auf. Muss sakra­le Kunst heu­te ande­re, offe­ne­re Codes und Zei­chen ver­wen­den?

Das ist zumin­dest mei­ne Auf­fas­sung und es prägt mei­ne Arbeit. Selbst wenn Men­schen heu­te reli­gi­ös sind, beruht ihre Glau­bens­hal­tung oft nicht mehr auf den stren­gen Leit­sät­zen des Kate­chis­mus. Neu­lich erzähl­te mir jemand von zwei Orten bei Karls­ru­he – einer war evan­ge­lisch geprägt, der ande­re katho­lisch. Die Leu­te haben ein­an­der immer gemie­den.

Aber die­se Tren­nung gibt es heu­te schlicht­weg nicht mehr. Es ist wesent­lich offe­ner – und dem trägt die Kunst Rech­nung. Die abs­trak­te Kunst ist da ein ganz tol­les Medi­um, weil sie sehr deu­tungs­of­fen ist und eben nicht mehr dog­ma­tisch Din­ge fest­klopft. Das wird den Auf­fas­sun­gen heu­te wesent­lich gerech­ter. Men­schen spie­geln mir auf mei­ne Kunst ein ganz brei­tes Spek­trum an Ein­drü­cken und Emo­tio­nen.

Das ist, den­ke ich, die rich­ti­ge Ant­wort für heu­te. Kunst soll nicht streng Defi­nier­tes vor­ge­ben, son­dern die Fan­ta­sie beflü­geln und die Leu­te in ihrer Auf­fas­sung ernst­neh­men. Das soll ruhig Blü­ten trei­ben.

Aber wohin wol­len Sie mit Ihrer Kunst füh­ren – gera­de wenn sich jemand nicht in einem reli­giö­sen Koor­di­na­ten­sys­tem bewegt?

In der Regel ver­su­che ich, eine fro­he, öster­li­che Bot­schaft zu ver­mit­teln. In der Kapel­le auf dem Rott­wei­ler Haupt­fried­hof wird das ziem­lich deut­lich: Der Blick führt über das Kreuz und den Lebens­weg. zu einer dunk­le Stun­de, dem Tod. Dann folgt durch öster­li­ches Oran­ge im Schluss­stein, den man auch wie eine Son­ne inter­pre­tie­ren kann, die über allem leuch­tet, die Auf­er­ste­hung.

Papst Bene­dikt XVI. hat in einer Anspra­che 2001 die Gläu­bi­gen dazu ein­ge­la­den, als Weg zu Gott, den Weg der Schön­heit – also die Kunst – neu zu ent­de­cken. Geht es in Ihrer Kunst pri­mär um eine sol­che Schön­heits­wahr­neh­mung?

Bemer­kens­wert, dass gera­de Papst Bene­dikt XVI. das gesagt hat. Aber ja: Was uns an der Welt fas­zi­niert – die Natur, bestimm­te Erfah­run­gen, das Posi­ti­ve –, hat sehr viel mit Schön­heit und Ästhe­tik zu tun. Des­we­gen ist die Kunst eine her­vor­ra­gen­de Brü­cke zum Glau­ben, zu einem Heils­ver­spre­chen, zu einer Dimen­si­on, die über das Greif­ba­re hin­aus­geht.

Was macht aus Ihrer Sicht gute sakra­le Kunst heu­te aus?

Dass sie nicht eng und fixiert daher­kommt, son­dern offen und inspi­rie­rend. Zudem geht es immer dar­um, auch öku­me­nisch und ein Stück weit inter­re­li­gi­ös zu den­ken. Wir kön­nen nicht mehr im Sin­ne einer Bil­der­bi­bel klar umris­se­ne Geschich­ten und Aus­sa­gen dar­stel­len.

Also geht es um eine Art Über­set­zung der reli­giö­sen Erzäh­lung ins All­ge­mei­ne?

Ja, ich den­ke schon. Mir per­sön­lich machen die Sachen mehr Freu­de, die viel­deu­tig sind. Ich fän­de es auch banal, wenn man heu­te – auch wenn es gut gemacht wäre – eine Chris­tus­fi­gur mit wal­len­den Haa­ren im Stil der Volks­fröm­mig­keit des 19. Jahr­hun­derts gestal­ten wür­de. Je offe­ner und frei­er das inter­pre­tiert ist, des­to mehr hat es die­sen Anspruch, einen in eine ande­re Sphä­re zu füh­ren – den Betrach­ter zu höhen und wei­ter­zu­brin­gen.

Die Fra­gen stell­te unser Redak­teur Andre­as Lin­sen­mann.

Info: Die von Bern­hard Rüth und Dr. Andre­as Zol­ler kura­tier­te Aus­stel­lung, zu der ein Kata­log­buch erscheint, wird am 30. April um 11 Uhr eröff­net und ist bis 10. Sep­tem­ber diens­tags bis sonn­tags von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Gezeigt wur­den Künst­ler mit Lebens- und Arbeits­schwer­punkt im Raum Rott­weil und Künst­ler, die mit dem Raum Rott­weil in pro­duk­ti­ver Ver­bin­dung stan­den: Albert Birk­le, Franz Bucher, Wil­li Bucher, Josef Bücheler, Ange­la M. Flaig, Sieg­fried Haas, Erich Hau­ser, Romu­ald Hengst­ler, Tobi­as Kam­me­rer, Emil Kiess, Ger­ma­na Klai­ber-Kas­per, Jür­gen Knub­ben und Wen­de­lin Matt.