Raphael Sbrzesny. Foto: pm

ROTTWEIL – In Rott­weil kennt man ihn vor allem als eksta­ti­schen, viel­sei­ti­gen Drum­mer, der mit sei­ner Band „Par­ka“ tüch­tig ein­heizt. Dabei pro­fi­liert sich der aus Dun­nin­gen stam­men­de und in Ber­lin leben­de Rapha­el Sbrzes­ny mitt­ler­wei­le vor allem mit frei­er Kunst, mit Per­for­man­ces, mit skulp­tu­ra­len Arbei­ten und Video-Instal­la­ti­on.

Hier fin­det er, ein wah­res Kraft­werk neu­er Ide­en, Reso­nanz und heimst Aus­zeich­nun­gen ein – ange­fan­gen vom Kunst­preis des
Rota­ry Clubs Rott­weil (2010) bis jüngst dem renom­mier­ten Karl
Schmidt-Rottluff Sti­pen­di­um und einem Arbeits­auf­ent­halt im Bun­des­ate­lier der Cité des Arts in Paris. Ab 19. Novem­ber sind Arbei­ten Sbrzes­nys im Forum Kunst zu sehen. Die NRWZ hat mit dem krea­ti­ven Kopf vor­ab gespro­chen.

NRWZ: Herr Sbrzes­ny, wie sind Sie von der Musik zur Bil­den­den Kunst gekom­men?

Rapha­el Sbrzes­ny: Ich habe an der Musik­schu­le Dun­nin­gen bei dem tol­len Ralf Rei­ter Schlag­zeug gelernt, in Tros­sin­gen als Jung­stu­dent stu­diert, in Ham­burg einen Kon­takt­stu­di­en­gang für Popu­lar­mu­sik belegt und bin letzt­lich in Stutt­gart bei Mar­ta Kli­ma­sa­ra gelan­det – einer span­nen­den, tän­ze­risch
spie­len­den Per­cus­sio­nis­tin, die eine fei­ne Qua­li­tät abseits des nur gene­risch männ­li­chen Schlag­zeug­spiels ver­tritt. Und den­noch habe ich gemerkt, dass das freie Inter­pre­ten­da­sein beschränkt ist. Die Fra­ge war: Wie kann ich das erwei­tern? Ich woll­te noch ande­re The­men in die Musik ein­brin­gen, als immer nur ein Stück im Reper­toire auf­zu­ru­fen. Eine Mög­lich­keit war die Kom­po­si­ti­on. Dann habe ich mich jedoch inko­gni­to an der Stutt­gar­ter Kunst­aka­de­mie bewor­ben, weil ich fest­ge­stellt habe: Man muss
nicht klas­sisch Akt­zeich­nen kön­nen, son­dern eine span­nen­de Idee haben, um an die Aka­de­mie zu kom­men. Ich habe mich mit einer kon­zep­tu­el­len Arbeit vor­ge­stellt und einen Stu­di­en­platz bei Wer­ner Pokor­ny bekom­men, der sich sehr für mich und mein Dop­pel­stu­di­um mit Musik und Kunst ein­ge­setzt hat.
Fas­zi­niert hat mich, dass in der Kunst einer­seits die eige­nen Ide­en Kraft haben müs­sen, dass sie eine Form fin­den müs­sen und man sie ver­tei­di­gen muss, dass man ande­rer­seits aber die Mög­lich­keit hat, sich mit allem zu beschäf­ti­gen: Poli­tik, Design, Kunst­ge­schich­te, sozia­le The­men, Theo­rie. Das ist in der Musik so noch immer nicht der Fall. Kunst ist da vor allem in der
Medi­en­viel­falt viel frei­er.

NRWZ: Wel­che Spu­ren des Drum­mers Sbrzes­ny, kann man in den Arbei­ten des Per­for­mance-Künst­lers Sbrzes­ny noch fin­den?

Rapha­el Sbrzes­ny: Ich habe bei­des immer wie­der ver­bun­den. Zum Bei­spiel habe ich Arbei­ten gemacht, in denen ich einem Dilem­ma der Musik­erexis­tenz nach­ge­gan­gen bin: Man erar­bei­tet Wer­ke, die man dann als Inter­pret auf­füh­ren kann. Das so gewon­ne­ne Reper­toire macht ein gutes Stück der eige­nen
Iden­ti­tät aus. Aber man repro­du­ziert letzt­lich doch nur in engem Rah­men, was vor­ge­ge­ben ist. Ich habe mich gefragt, wie man über die­se Ver­wer­tungs­lo­gik hin­aus­ge­hen kann.  Ein Ansatz war, Wer­ke unter „erschwer­ten Bedin­gun­gen“ auf­zu­füh­ren, als Teil
einer Video­ar­beit oder Per­for­mance. So habe ich etwa ein vir­tuo­ses, tech­nisch schwie­ri­ges Wett­be­werbs­stück auf einem Trimm­dich­pfad bei Bett­lins­bad in Rott­weil gespielt oder mich von Luan Kras­ni­qui für ein Stock­hau­sen-Stück trai­nie­ren las­sen. Es ging dar­um, eine for­dern­de Auf­ga­be zu bewäl­ti­gen, es kam aber auch eine humor­vol­le Kom­po­nen­te hin­zu, indem Stock­hau­sen als Schwer­ge­wicht der Neu­en Musik auf­ge­fasst wur­de. Ohne­hin
hal­te ich eine gewis­se schel­mi­sche Her­an­ge­hens­wei­se für sehr wich­tig, weil dann etwas abseits des immer schon Gewuss­ten und Gemach­ten mög­lich ist. Die erschwer­ten Bedin­gun­gen erwei­tern das Gän­gi­ge plötz­lich in ein Unge­wis­ses hin­ein.

NRWZ: Sie sind zu einem Exper­ten für trans­dis­zi­pli­nä­res krea­ti­ves Arbei­ten und für Schnitt­stel­len gewor­den. Dazu gehört auch die poli­ti­sche Theo­rie. Mit wel­chen Fra­gen beschäf­ti­gen sie sich da?

Rapha­el Sbrzes­ny: Die poli­ti­sche Dimen­si­on ist jüngst stär­ker gewor­den, weil ich mich inten­siv mit einem sehr anre­gen­den und klu­gen Buch beschäf­tigt habe: „Was vom König übrig­blieb. Die zwei Kör­per des Vol­kes und die End­spie­le der Sou­ve­rä­ni­tät“ von Eric L. Sant­ner. Der Autor arbei­tet an der Schnitt­stel­le von Lite­ra­tur, Phi­lo­so­phie, Psy­cho­ana­ly­se und Reli­gi­on und
unter­sucht, was nach der fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on mit einer bestimm­ten Form von psy­chi­schem Druck pas­siert ist, die nicht mehr auf einen König pro­ji­ziert wer­den konn­te. Dabei geht es letzt­lich um die Begrün­dung des eige­nen Han­delns und der eige­nen Exis­tenz. Die­sen Ansatz habe ich auf die Figur des Inter­pre­ten über­tra­gen, der ja immer durch das Werk des
Kom­po­nis­ten legi­ti­miert ist – also letzt­lich eben­falls ein königs­ar­ti­ger Über­va­ter, der den Rah­men vor­gibt. Ich habe ver­sucht, einen eman­zi­pier­te­ren Inter­pre­ten zu den­ken, der sich vom alles beherr­schen­den (Komponisten)-Vater löst. Da geht es um For­men von Frei­heit und Selbst­be­stimmt­heit, die emi­nent poli­tisch sind.

NRWZ: Ihre Aus­stel­lung im Forum Kunst hat den geheim­nis­vol­len Titel „Sophie – das Zwi­schen­reich macht ihnen zu schaf­fen“. Was ver­birgt sich dahin­ter?

Rapha­el Sbrzes­ny: Der Titel bezieht sich lose auf eine Epi­so­de aus dem Tage­buch­ro­man „Die Schil­de­run­gen des Mal­te Lau­rids Brig­ge“ von Rai­ner Maria Ril­ke. Die Haupt­fi­gur Mal­te tut, um sei­ner Mut­ter zu gefal­len, so, als sei er ein Mäd­chen namens Sophie und ruft mit hel­ler Glo­cken­stim­me durch die
Tür: „Mut­ter, ich bin‘s Sophie…“ und ähn­li­ches. Die­ser Moment einer Ver­wand­lung war für mich span­nend, weil ich in Rott­weil unter ande­rem der Fra­ge nach­ge­he, wie eine Kon­zep­ti­on des weib­li­chen Kör­pers abseits der kon­ven­tio­nel­len Zuschrei­bun­gen aus­se­hen kann. Daher auch der zwei­te Titel­teil mit dem Zwi­schen­reich. Mir geht es um Wahr­neh­mun­gen jen­seits
aus­ge­stanz­ter, fer­ti­ger „Wahr­hei­ten“ wie rechts-links, Mann-Frau,
gut-schlecht, die Klar­heit vor­täu­schen und die man leicht anwen­den kann. Es geht mir um das, was dazwi­schen ist, was das Leben aber viel­leicht auch aus­macht – das macht einem meis­tens zu schaf­fen. Die The­ma­tik des weib­li­chen Kör­pers taucht auf, weil ich mich mit einem Archiv von Fotos beschäf­ti­ge,
auf denen ich mich als Spät­pu­ber­tie­ren­der in sehr weib­li­chen Posen insze­niert habe und das als sehr lust­voll erin­ne­re. Die Fra­ge ist: Wel­chen Platz räu­men wir sol­chen Phan­ta­si­en ein?

NRWZ: Eines wei­te­res Ihrer The­men ist Dis­zi­pli­nie­rung und Nor­mie­rung. Sie ste­cken Kör­per in Kor­setts – war­um?

Rapha­el Sbrzes­ny: Ich habe mich mit dem  Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler Micha­el Bach­tin beschäf­tigt, der in sei­nem Buch: „Lite­ra­tur und Kar­ne­val. Zur Roman­theo­rie und Lach­kul­tur“ vom „zwei­lei­bi­gen Leib“ spricht. Der Zwei­lei­bi­ge Kör­per den Bach­tin „gro­tesk“ nennt, gibt Anlass zu einem
befrei­en­den Lachen und befreit so von den oben beschrie­be­nen Zwän­gen. Bach­tin spricht von einem „Befrei­en“ von äuße­ren und inne­ren „Zen­so­ren“. Bei­de ste­hen in engem Zusam­men­hang, weil der kul­tu­rell defi­nier­te dem rea­len Kör­per Erwar­tun­gen auf­zwingt – zum Bei­spiel im Hin­blick auf Schön­heits- und Geschlech­ter­idea­le oder Funk­tio­na­li­tät. Kor­set­te machen das sinn­lich greif­bar. Man kann sie wie im Kar­ne­val anle­gen und damit Kör­per in gro­tes­ke Figu­ren ver­wan­deln, wobei erneut der Humor hin­zu­kommt. Das Kor­sett, als ursprüng­lich den Kör­per nor­mie­ren­der Appa­rat, wird in einer Per­for­mance so
plötz­lich zu einem Adap­ter, wel­cher den Kör­per des Auf­füh­ren­den (des Inter­pre­ten) ins Gro­tes­ke ver­schiebt.

NRWZ: Zwang und Herr­schaft über Kör­per – wird es an die­ser Stel­le wie­der poli­tisch? Was wol­len Sie mit Ihrer Kunst über unse­re Gesell­schaft aus­sa­gen?

Rapha­el Sbrzes­ny: Das lässt sich nicht auf eine ein­fa­che For­mel brin­gen. Ein wesent­li­cher Teil mei­ner Ent­wick­lung von der Musik hin zur Bil­den­den Kunst war, vom All­ge­mei­nen zum Sin­gu­lä­ren zu kom­men. Mich hat stark inter­es­siert, wie man jen­seits der Nor­men wie­der eine Auf­merk­sam­keit für den eige­nen
Kör­per und die eige­nen Gedan­ken ent­wi­ckeln kann. Ich glau­be, dass wir in einer Zeit leben, in der man sehr sen­si­bel sein muss, weil alles sehr dyna­misch ist. Dem kann man nur begeg­nen, indem man nicht eine bestimm­te Ord­nung über­nimmt, son­dern stän­dig beweg­lich ist im Den­ken. Das ver­su­che ich mit und in mei­ner Kunst pro­duk­tiv zu machen und das reicht über das eige­ne Kunst­werk hin­aus, ist also wie­der poli­tisch.

NRWZ: Die Welt ist im Wan­del, auch die der Kunst – 3D-Dru­cker machen gestal­te­ri­sche Fähig­kei­ten obso­let, Künst­li­che Intel­li­genz (KI) könn­te bald den Men­schen über­run­den. Was soll, was kann Kunst da noch?

Rapha­el Sbrzes­ny: Da bin ich völ­lig unbe­sorgt. Zum einen sehe ich wie der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph Alain Badiou eine zen­tra­le Funk­ti­on von Kunst dar­in, einer Unter­bre­chung der öffent­li­chen Dis­kur­se Gestalt zu geben. Das kann Künst­li­che Intel­li­genz nicht und das ist wesent­lich für das Mensch­sein. Zum andern bin ich unbe­sorgt, weil es in der Welt immer ein den­ken­des Sub­jekt
geben wird. 3D-Dru­cker und Künst­li­che Intel­li­genz ver­han­deln Wis­sen, indem sie Vor­han­de­nes spei­chern, erwei­tern, anrei­chern. Sie reprä­sen­tier­ten ein dis­zi­pli­nier­tes Wis­sen. Was den Men­schen in sei­nen Fra­gen und Sor­gen und Unter­bre­chun­gen der eige­nen Wün­sche aus­macht, ist jedoch ein beweg­li­ches,
dyna­mi­sches Den­ken jen­seits von Dis­zi­plin und Nor­mie­rung. Die­se schöp­fe­ri­sche Anar­chie wird uns noch lan­ge von Rech­nern und Maschi­nen unter­schei­den.
Die Fra­ge stell­te unser Redak­teur Andre­as Lin­sen­mann.

Info: Die Aus­stel­lung wird am 19. Novem­ber um 19 Uhr eröff­net und ist bis 1. Janu­ar diens­tags, mitt­wochs und frei­tags von 14 bis 17 Uhr, don­ners­tags 17 bis 20 Uhr und wochen­ends von 10 bis 13 Uhr sowie 14 bis 17 Uhr geöff­net.