Im Venedig-Varieté

Das Zimmertheater zeigt Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“

Rottweil. Zuckersüß und gallenbitter: William Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“ ist beides. Das Zimmertheater rückt in seiner Sommer-Produktion die amüsanten Seiten in den Vordergrund und bietet einen schwungvollen Abend mit viel Musik, Tanz und burleskem Kolorit. Das Premieren-Publikum am Freitag im Bockshof zeigte sich entzückt.

Antonio, ein venezianischer Kaufmann, leiht für seinen Freund Basanio Geld, damit dieser um die junge, reiche Portia werben kann. Dafür muss er dem jüdischen Geldverleiher Shylock ein Pfund seines eigenen Fleisches verpfänden.

Die bizarre Klausel wurde oft antisemitisch gedeutet. Doch spricht viel dafür, dass Shakespeare mehr den dogmatischen Krämergeist seiner puritanischen Zeitgenossen kritisierte als die Juden, die es in seinem England fast nicht gab. Scharf verweist er zudem auf Mechanismen der Ausgrenzung: Shylock wird hart erniedrigt, ehe er die Rolle des Wucherers schließlich übereifrig annimmt.

Diese Ebene hat den Zündstoff fundamentaler Ideologiekritik mit schlagender Aktualität: Denn das „Andere“, „Fremde“ wird stets auch gesellschaftlich geschaffen. Und ein Trimmen auf marktkonforme Verwertbarkeit kennzeichnet die auch die durchökonomisierte Gegenwart.

Shakespeares Stück hat freilich jenseits dieser Schatten- auch eine ausgeprägte Sonnenseite: Schräge Figuren wie Shylocks Diener Lanzelot Gobbo, heiteres Liebesgeplänkel und das Schaulaufen illustrer Bewerber um die schöne Portia. Diese sonnige Seite wird in der Zimmertheater-Produktion mit Lust und Raffinement ausgebreitet.

In der Regie von Peter Staatsmann wird, gerahmt von üppiger Requisite, mit bukolischem Elan gefeiert, gespaßt und gesungen. Das ist kurzweilig und bereitet Vergnügen, etwa wenn die Ehe-Anwärter ihre überdrehten Balztänze aufführen. Zahlreiche Tanzeinlagen (choreografiert von Clementina Culzoni) sorgen für dynamische Höhepunkte.

Staatsmann setzt darüber hinaus stark auf Musik. Dorin Grama (Akkordeon) und Werner Nörenberg (Gitarre und Sounds) unterlegen fast jede Sequenz gewitzt mit Klängen – mal dezent, mal dominant. Das verdichtet Atmosphäre und hat kann sehr heiter sein, etwa wenn mit Anspielungen wie „Time to say Goodbye“ für einen gescheiterten Bewerber um Portia vorrangig über die Musik erzählt wird. Aber das manchmal arg didaktische intertextuelle Vexierspiel überlagert, wie auch allzu viele Gesangseinlagen, Szenen regelrecht – fast fühlt man sich nicht mehr im Theater sondern in einem Musik-Ratespiel.

Und manchmal gewinnt man den Eindruck, dass die Musik auch  Ratlosigkeit zudeckt – etwa, wenn die noch ziemlich hölzerne Gerichts-Szene, in der Shylock unbarmherzig auf sein Recht pocht, plötzlich in eine joviale Revue-Nummer zu „Money  makes the world go around“ aufgelöst wird. Das wirkt wie ein etwas schaler Trick, der eine Konstellation maximaler Tragik grotesk verpuffen lässt.

Darüber hinaus könnte die Inszenierung noch Straffung vertragen. Schon jetzt ist sie jedoch uneingeschränkt sehenswert und garantiert einen unterhaltsamen Sommerabend. Zu danken ist das ist nicht zuletzt der hervorragenden Schauspieler-Riege.

Wie schon als Esmeralda im „Glöckner von Notre Dame“ weiß etwa Clementina Culzoni als temperamentvolle, tanzbegabte Portio zu bezirzen. Isabelle Groß de García ist ihr eine höchst bühnenpräsente, kluge und facettenreiche Dienerin Nerissa. Bagdasar Khachikyan verkörpert den Antonio allzu schwermütig, brilliert aber als selbstverliebter Prinz von Marokko.

Frank Deesz begeistert mit  viriler Wandlungsfähigkeit unter anderem als Bassanios Freund Gratiano sowie als Gobbos Vater, den Staatsmann prächtig als vertrottelten Alt-Hippie anlegt. Stark, sensibel und mit sympathischem Schwung spielt Niklas Leifert den Antonio sowie den Gobbo.

Paradoxerweise besonders ins Herz spielt sich Sandra Reineboth als Shylock, der mit einem glücklichen Regiekniff hier eine Frau ist. Reineboth gibt der Rolle nicht nur die Verschlagenheit und Härte, die man klassisch erwartet. Sie kann auch fabelhaft singen und macht Shylock zu einer überraschend komplexen, geradezu anrührend verletzlichen Figur, die sich letztlich nach Zuneigung und Zugehörigkeit sehnt. Allein um sie zu erleben, lohnt es, diesen Sommer ins Theater zu gehen.

Info: Weitere Aufführungen am, 7. (16 Uhr), 8., 9., 10. (16 Uhr), 14., 15., 16. (20 Uhr Gastspiel in Dornhan), 17 21., 22., 23. (20 Uhr Gastspiel in Schiltach), 24. (20 Uhr Gastspiel in Glatt), 28., 29., 30 und 31. Juli sowie am 4. 5., 6 und 7. August, soweit nicht anders angegeben um 19.30 Uhr. Reservierung unter Tel. 0741-8990.

 

 

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