Im Venedig-Varieté

Das Zimmertheater zeigt Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“

Der Kaufmann von Venedig am Zimmertheater Rottweil. Foto: Andreas Linsenmann
Der Kaufmann von Venedig am Zimmertheater Rottweil. Foto: Andreas Linsenmann

Rott­weil. Zucker­süß und gal­len­bit­ter: Wil­liam Shake­speares „Der Kauf­mann von Vene­dig“ ist bei­des. Das Zim­mer­thea­ter rückt in sei­ner Som­mer-Pro­duk­ti­on die amü­san­ten Sei­ten in den Vor­der­grund und bie­tet einen schwung­vol­len Abend mit viel Musik, Tanz und bur­les­kem Kolo­rit. Das Pre­mie­ren-Publi­kum am Frei­tag im Bocks­hof zeig­te sich ent­zückt.

Anto­nio, ein vene­zia­ni­scher Kauf­mann, leiht für sei­nen Freund Basa­nio Geld, damit die­ser um die jun­ge, rei­che Por­tia wer­ben kann. Dafür muss er dem jüdi­schen Geld­ver­lei­her Shy­lock ein Pfund sei­nes eige­nen Flei­sches ver­pfän­den.

Die bizar­re Klau­sel wur­de oft anti­se­mi­tisch gedeu­tet. Doch spricht viel dafür, dass Shake­speare mehr den dog­ma­ti­schen Krä­mer­geist sei­ner puri­ta­ni­schen Zeit­ge­nos­sen kri­ti­sier­te als die Juden, die es in sei­nem Eng­land fast nicht gab. Scharf ver­weist er zudem auf Mecha­nis­men der Aus­gren­zung: Shy­lock wird hart ernied­rigt, ehe er die Rol­le des Wuche­rers schließ­lich über­eif­rig annimmt.

Die­se Ebe­ne hat den Zünd­stoff fun­da­men­ta­ler Ideo­lo­gie­kri­tik mit schla­gen­der Aktua­li­tät: Denn das „Ande­re“, „Frem­de“ wird stets auch gesell­schaft­lich geschaf­fen. Und ein Trim­men auf markt­kon­for­me Ver­wert­bar­keit kenn­zeich­net die auch die durch­öko­no­mi­sier­te Gegen­wart.

Shake­speares Stück hat frei­lich jen­seits die­ser Schat­ten- auch eine aus­ge­präg­te Son­nen­sei­te: Schrä­ge Figu­ren wie Shy­locks Die­ner Lan­ze­lot Gob­bo, hei­te­res Lie­bes­ge­plän­kel und das Schau­lau­fen illus­trer Bewer­ber um die schö­ne Por­tia. Die­se son­ni­ge Sei­te wird in der Zim­mer­thea­ter-Pro­duk­ti­on mit Lust und Raf­fi­ne­ment aus­ge­brei­tet.

In der Regie von Peter Staats­mann wird, gerahmt von üppi­ger Requi­si­te, mit buko­li­schem Elan gefei­ert, gespaßt und gesun­gen. Das ist kurz­wei­lig und berei­tet Ver­gnü­gen, etwa wenn die Ehe-Anwär­ter ihre über­dreh­ten Balz­tän­ze auf­füh­ren. Zahl­rei­che Tanz­ein­la­gen (cho­reo­gra­fiert von Cle­men­ti­na Cul­zo­ni) sor­gen für dyna­mi­sche Höhe­punk­te.

Staats­mann setzt dar­über hin­aus stark auf Musik. Dorin Gra­ma (Akkor­de­on) und Wer­ner Nören­berg (Gitar­re und Sounds) unter­le­gen fast jede Sequenz gewitzt mit Klän­gen – mal dezent, mal domi­nant. Das ver­dich­tet Atmo­sphä­re und hat kann sehr hei­ter sein, etwa wenn mit Anspie­lun­gen wie „Time to say Good­bye“ für einen geschei­ter­ten Bewer­ber um Por­tia vor­ran­gig über die Musik erzählt wird. Aber das manch­mal arg didak­ti­sche inter­tex­tu­el­le Vexier­spiel über­la­gert, wie auch all­zu vie­le Gesangs­ein­la­gen, Sze­nen regel­recht – fast fühlt man sich nicht mehr im Thea­ter son­dern in einem Musik-Rate­spiel.

Und manch­mal gewinnt man den Ein­druck, dass die Musik auch  Rat­lo­sig­keit zudeckt – etwa, wenn die noch ziem­lich höl­zer­ne Gerichts-Sze­ne, in der Shy­lock unbarm­her­zig auf sein Recht pocht, plötz­lich in eine jovia­le Revue-Num­mer zu „Money  makes the world go around“ auf­ge­löst wird. Das wirkt wie ein etwas scha­ler Trick, der eine Kon­stel­la­ti­on maxi­ma­ler Tra­gik gro­tesk ver­puf­fen lässt.

Dar­über hin­aus könn­te die Insze­nie­rung noch Straf­fung ver­tra­gen. Schon jetzt ist sie jedoch unein­ge­schränkt sehens­wert und garan­tiert einen unter­halt­sa­men Som­mer­abend. Zu dan­ken ist das ist nicht zuletzt der her­vor­ra­gen­den Schau­spie­ler-Rie­ge.

Wie schon als Esme­ral­da im „Glöck­ner von Not­re Dame“ weiß etwa Cle­men­ti­na Cul­zo­ni als tem­pe­ra­ment­vol­le, tanz­be­gab­te Por­tio zu bezir­zen. Isa­bel­le Groß de Gar­cía ist ihr eine höchst büh­nen­prä­sen­te, klu­ge und facet­ten­rei­che Die­ne­rin Neris­sa. Bag­da­sar Kha­chi­kyan ver­kör­pert den Anto­nio all­zu schwer­mü­tig, bril­liert aber als selbst­ver­lieb­ter Prinz von Marok­ko.

Frank Deesz begeis­tert mit  viri­ler Wand­lungs­fä­hig­keit unter ande­rem als Bassa­ni­os Freund Gra­tia­no sowie als Gob­bos Vater, den Staats­mann präch­tig als ver­trot­tel­ten Alt-Hip­pie anlegt. Stark, sen­si­bel und mit sym­pa­thi­schem Schwung spielt Niklas Lei­fert den Anto­nio sowie den Gob­bo.

Para­do­xer­wei­se beson­ders ins Herz spielt sich San­dra Rei­ne­both als Shy­lock, der mit einem glück­li­chen Regie­kniff hier eine Frau ist. Rei­ne­both gibt der Rol­le nicht nur die Ver­schla­gen­heit und Här­te, die man klas­sisch erwar­tet. Sie kann auch fabel­haft sin­gen und macht Shy­lock zu einer über­ra­schend kom­ple­xen, gera­de­zu anrüh­rend ver­letz­li­chen Figur, die sich letzt­lich nach Zunei­gung und Zuge­hö­rig­keit sehnt. Allein um sie zu erle­ben, lohnt es, die­sen Som­mer ins Thea­ter zu gehen.

Info: Wei­te­re Auf­füh­run­gen am, 7. (16 Uhr), 8., 9., 10. (16 Uhr), 14., 15., 16. (20 Uhr Gast­spiel in Dorn­han), 17 21., 22., 23. (20 Uhr Gast­spiel in Schiltach), 24. (20 Uhr Gast­spiel in Glatt), 28., 29., 30 und 31. Juli sowie am 4. 5., 6 und 7. August, soweit nicht anders ange­ge­ben um 19.30 Uhr. Reser­vie­rung unter Tel. 0741–8990.