Komödiantisch den Kontinent retten

Generationen im Clinch: Peter Raffalt, Petra Weimer, Margerita Wiesner und David Gundlach (v.l.n.r.). Foto: al

ROTTWEIL – Ist Euro­pa noch zu ret­ten? Kann die der­zei­ti­ge Koope­ra­ti­on
zur Lösung drän­gen­der Pro­ble­me bei­tra­gen oder wird sie zwi­schen Bre­x­it-Cha­os und Popu­lis­mus zer­rie­ben? Die­sen Fra­gen geht das Rott­wei­ler Zim­mer­thea­ter – mit viel komö­di­an­ti­schem Fun­ken­flug – in sei­ner neu­es­ten Pro­duk­ti­on nach, die am 22. März Pre­mie­re hat.

Stutt­gart, Dort­mund, Ber­lin: Aller­or­ten ver­sucht sich das Thea­ter an Bestands­auf­nah­men und Ana­ly­sen zu Euro­pa. Nun fügt sich auch das Rott­wei­ler Thea­ter in die­ses Pan­ora­ma ein – mit einer eige­nen Stück­ent­wick­lung, die den Titel „Raub der Euro­pa“ trägt. Und damit ganz tief im Mythen-Urgrund des Kon­ti­nents ansetzt: Der in der bil­den­den Kunst oft the­ma­ti­sier­ten Erzäh­lung von der phö­ni­zi­schen Königs­toch­ter Euro­pa, die vom lüs­ter­nen Göt­ter­herr­scher Zeus in Gestalt eines Stiers ent­führt wird.

Trotz die­ses sagen­haf­ten Asso­zia­ti­ons­raums ist das Set­ting der Insze­nie­rung, die gera­de unter Hoch­druck zur Pre­mie­ren­rei­fe gebracht wird, sehr heu­tig: Regis­seur Peter Staats­mann lässt in klas­si­scher Kam­mer­spiel-Ver­dich­tung ein jun­ges und ein älte­res Paar zusam­men­tref­fen. Das älte­re hat die mit der viel beschwo­re­nen Chif­fre „1968“ ver­bun­de­nen Auf- und Umbrü­che aktiv mit­er­lebt. Noch immer
schwel­gen die bei­den in nost­al­gi­scher Erin­ne­rung an die ver­meint­li­che
Hero­en­zeit, die den Bal­last der Nazi­zeit abge­wor­fen,
Ver­krus­tun­gen auf­ge­bro­chen und die Tür zu einer freie­ren Zukunft
auf­ge­sto­ßen habe. Dabei sehen die ergrau­en­den Revo­luz­zer
läs­sig dar­über hin­weg, dass alle Rhe­to­rik sie nicht dar­an hin­der­te,
letzt­lich zu genau den gut betuch­ten Wohl­stands-Bür­gern
zu wer­den, die sie als Jugend­li­che ver­ach­te­ten.

Auf dem jün­ge­ren Paar hin­ge­gen las­tet der gan­ze Alp gegen­wär­ti­ger Pro­ble­me – von wach­sen­der gesell­schaft­li­cher Spal­tung, den Ver­wer­fun­gen eines über­hitz­ten Digi­tal­ka­pi­ta­lis­mus bis zum dro­hen­den Kli­ma­cha­os. Und die­se vier Leu­te, die zwei Genera­tio­nen und noch mehr
Lebens­ent­wür­fe reprä­sen­tie­ren, müs­sen es – ver­gleich­bar etwa der klaus­tro­pho­bi­schen Kon­stel­la­ti­on in Edward Albees „Wer hat Angst vor Vir­gi­nia Woolf“ – nun einen gan­zen Abend mit­ein­an­der aus­hal­ten.

Die jün­ge­ren sol­len – wel­che Iro­nie – gar für die älte­ren eine Par­ty vor­be­rei­ten. Unwei­ger­lich kom­men sie auf bri­san­te Pro­blem­la­gen zu spre­chen – und spie­len Model­le des Umgangs damit durch. Denn was
soll man tun, sofern man sich nicht nur auf ein „Augen zu und durch“ ver­legt, wahl­wei­se kom­bi­niert mit einem hedo­nis­ti­schen Geld- und Kon­sum­kult? Die älte­ren ste­hen für den Weg des Abge­klär­ten, teils zynisch Prag­ma­ti­schen. Die jün­ge­ren für einen über­schie­ßen­den Idea­lis­mus, wie ihn momen­tan die Kli­ma-Akti­vis­tin Gre­ta Thun­berg reprä­sen­tiert.

Aber anders als im rea­len Leben, wo in einer zuneh­mend ver­roh­ten
Debat­te die Posi­tio­nen oft nur noch gegen­ein­an­der­pral­len und eine jun­ge Pro­test­le­rin mit übels­tem Spott über­häuft wird, bringt Peter Staats­mann die Genera­tio­nen ins Gespräch mit­ein­an­der. Und ermög­licht ein Auf­zei­gen und Abwä­gen von Posi­tio­nen – erfreu­li­cher­wei­se ver­bun­den mit viel befrei­en­dem Wort­witz und Humor.

Der Abend, mit dem das Zim­mer­thea­ter an die mit dem AfDStück
„Wenn der Kahn nach links kippt, set­ze ich mich nach rechts“ begon­ne­nen Rei­he zur Gegen­warts­dia­gno­se fort­setzt, ver­spricht span­nend zu wer­den. Das auch, weil inter­es­san­te, für Rott­weil neue Akteu­re zu erle­ben sind: Das jün­ge­re Paar ver­kör­pern Mar­ge­ri­ta Wies­ner und David Gund­lach. Sie war nach dem Stu­di­um in Stutt­gart unter ande­rem bereits an der Würt­tem­ber­gi­schen Lan­des­büh­ne Ess­lin­gen enga­giert, er bereits beim ZDF Kri­mi „Ein Fall für Zwei“ zu sehen.

Ihr älte­res Pen­dant spie­len Petra Wei­mer und Peter Raf­falt. Wei­mar hat das hie­si­ge Publi­kum bereits in meh­re­ren Rol­len als aus­drucks­star­ke Schau­spie­le­rin schät­zen gelernt. Raf­falt hin­ge­gen steht vor sei­ner Rott­weil-Pre­mie­re. Er bringt Erfah­rung aus zig Enga­ge­ments etwa in Stutt­gart, Trier, Bochum, Zürich, am Wie­ner Burg­thea­ter sowie aus zahl­rei­chen Film- und Fern­seh­pro­duk­tio­nen mit. Seit 2017 ist er künst­le­ri­scher Lei­ter der Som­mer­fest­spie­le Wan­gen im All­gäu, seit 2018 des Som­mer­thea­ters Über­lin­gen. Über­dies ist der gestan­de­ne Thea­ter­ma­cher seit Jah­ren auch als Autor und Regis­seur tätig – eine rei­che Erfah­rung also, die auf der Büh­ne spür­bar wird.

Info: Die Pre­mie­re ist am 22. März, 20 Uhr. Wei­te­re Auf­füh­run­gen
am 23., 29. und 30. März, am 4., 5., 6. und 12. April, sowie am
10., 11., 17., 18., 24. und 25. Mai und am 2. Juni.