Rott­weil. Egon Rieb­le, der Autor zahl­rei­cher Bücher über Engel und Hei­li­ge und Initia­tor der Gölls­dor­fer Sau­kir­be ist am Mitt­woch im Alter von 91 Jah­ren im Spi­tal ver­stor­ben. Er war ein gro­ßer Ken­ner und mit­rei­ßen­der Ver­mitt­ler sakra­ler Kunst, ein Dich­ter fei­ner, geschlif­fe­ner Ver­se – und mit sei­ner char­man­ten Kau­zig­keit, sei­ner Herz­lich­keit und sei­nem schein­bar nie ver­sie­gen­den Schwung eine ganz unver­wech­sel­ba­re Per­sön­lich­keit.

Für ihn war Kunst ein Lebens­el­e­xier. Der Umgang mit Gemäl­den, Skulp­tu­ren und Ver­sen schien ihn geis­tig rege und auch kör­per­lich rüs­tig zu hal­ten – bis weit über sei­nen 90. Geburts­tag hin­aus, den er, ver­bun­den mit zahl­rei­chen Wür­di­gun­gen, im Mai ver­gan­ge­nen Jah­res fei­ern konn­te. Noch im Okto­ber orga­ni­sier­te er eine Aus­stel­lung mit Ria­ba­goasch­ter-Kunst – ein wei­te­res Bei­spiel dafür, wie groß­ar­tig Egon Rieb­le es ver­stand, Kunst und die All­tags­welt der Men­schen zusam­men zu brin­gen.

Dass ihn die Küns­te so tief ergrif­fen hat­ten, hat viel mit der Erfah­rung von Krieg und Nach­krieg zu tun. Schon früh für die Flie­ge­rei begeis­tert, ging er – die Nazi-Ideo­lo­gie jugend­lich aus­blen­dend – als 17-Jäh­ri­ger zur Luft­waf­fe, wur­de Flug­zeug­füh­rer und Jagd­flie­ger.

Das hat ihn geprägt: Gewalt einer­seits, die Erfah­rung, wie schnell ein Leben aus­ge­löscht wer­den kann: Er hat es selbst erlebt, ist um Haa­res­brei­te bei einem Abschuss davon­ge­kom­men. Ande­rer­seits das Fas­zi­no­sum Flie­gen – pure Frei­heit, Abstand, Unab­hän­gig­keit.

Riebles gan­zes Schaf­fen lässt sich aus der Span­nung die­ser Pole – exis­ten­zi­el­ler Ernst und flie­ge­ri­scher Lebens­schwung – ver­ste­hen. Auf der einen Sei­te in jeder Sil­be prä­zi­se zise­lier­te Gedich­te, die, wie im Lyrik­band „Chif­fren“ (2008), ele­men­ta­re Lebens­fra­gen spie­geln. Auf der ande­ren Sei­te bered­te, oft humor­voll sin­nen­freu­di­ge Tex­te, die – wenn sie nicht an sich schon vom Flie­gen erzäh­len – oft inspi­riert schei­nen von der Lust, wie der Pilot eine ande­re Per­spek­ti­ve ein­zu­neh­men.

Zum Bei­spiel beim Blick auf eine spät­mit­tel­al­ter­li­che Tafel­ma­le­rei aus dem Domi­ni­ka­ner­mu­se­um, die das Titel­bild eines sei­ner Bücher ziert. Dort zogen Riebles Auf­merk­sam­keit nicht Joa­chim und der Schä­fer auf sich, dem ers­te­rer sein Leid klagt, im hohen Alter noch kin­der­los zu sein. Rieb­le sah den Engel dar­über. Er erkann­te an Kleid und Haar­schopf: Da kommt einer pfeil­schnell, da hat es einer ver­flixt eilig, Joa­chim kund­zu­tun, dass er der Vater Mari­ens wird.

Die meis­ten Kunst­his­to­ri­ker wür­den die Mach­art ana­ly­sie­ren. Rieb­le hin­ge­gen ließ sich auf das Ent­de­cken ein – denn er hat­te die Frei­heit des Flie­gers als geis­ti­ge Hal­tung ver­in­ner­licht. Das Kunst­werk betrach­te­te er radi­kal mit den Augen derer, für es geschaf­fen wur­de. Und gab dem Stau­nen auch mit deren Wor­ten Aus­druck: „Guck au, dr Gabri­el.“

Die­ses Gen­re hat er in sei­nen fast 20 Büchern per­fek­tio­niert: Ent­de­ckun­gen, die einen unver­stell­ten, hei­ter-lehr­rei­chen Blick eröff­nen. Und das auch sprach­lich stim­mig: Denn Rieb­le fass­te sei­ne Beob­ach­tun­gen in Ver­se – wahl­wei­se mund­art­lich und hoch­sprach­lich, auf bei­de Regis­ter und Ton­la­gen ver­stand er sich glei­cher­ma­ßen.

Hin­zu kamen fun­dier­te Erläu­te­run­gen, schließ­lich hat­te er in Tübin­gen Ger­ma­nis­tik, Phi­lo­so­phie sowie alte und moder­ne Kunst­ge­schich­te stu­diert. Sogar an einer Dok­tor­ar­beit hat er gefeilt, über die Sti­lis­tik der drei Fas­sun­gen von Höl­der­lins „Der Tod des Empe­do­kles“. Damals, in den Fünf­zi­ger­jah­ren, streb­te Rieb­le – bekannt unter ande­rem mit Wal­ter Jens und befreun­det mit Thad­dä­us Troll – eine aka­de­mi­sche Kar­rie­re an. Doch es kam anders, nicht zuletzt, weil der Dok­tor­va­ter ver­starb.

Sei­ne wah­re Beru­fung fand Egon Rieb­le schließ­lich als Kul­tur­be­auf­trag­ter des Land­krei­ses. Hier war er ein Glücks­fall, ver­band Kom­pe­tenz mit Begeis­te­rungs­fä­hig­keit und Tat­kraft. Bei der Siche­rung von Kul­tur­gü­tern und bei der Sen­si­bi­li­sie­rung für die­se Wer­te hat er – wie auch als Anre­ger des loka­len Brauch­tums bei der Gölls­dor­fer Sau­kir­be – zwei­fel­los Pio­nier­ar­beit geleis­tet.

Einen Ertrag sei­nes Wir­kens, den pracht­vol­len Band „Sehen und Ent­de­cken im Kreis Rott­weil“, von 1980 nimmt man auch heu­te noch mit Gewinn zur Hand. Die Ver­bin­dung von kunst­be­seel­tem Enthu­si­as­mus und Fleiß hat ihn lan­ge vital gehal­ten. Lan­ge mach­te er regel­mä­ßig Ate­lier­be­su­che und bis vor eini­gen Mona­ten lei­tet er den VHS-Lite­ra­tur­treff.

Dass sei­ne Kräf­te schwan­den, hat er mit einer auch christ­lich gepräg­ten Wür­de getra­gen. Im Spi­tal freu­te er sich über Besuch, er mach­te aber auch kei­nen Hehl dar­aus, wie sehr es ihm fehl­te, kei­ne Plä­ne mehr schmie­den, sich nicht mehr für die Kunst, sein Lebens­el­e­xier, begeis­tern zu kön­nen.

Egon Rieb­le wird am Diens­tag in Gölls­dorf bei­gesetzt.