Das Domin­ka­ner­mu­se­um Rott­weil besteht aus drei Berei­chen – römi­sches Rott­weil, zeit­ge­nös­si­sche Kunst und sakra­le Kunst des Mit­tel­al­ters. Let­ze­rer, die Samm­lung Dursch, wird als ein­zi­ger noch weit­ge­hend so prä­sen­tiert wie 1992. Das soll sich nun ändern. Der Kul­tur­aus­schuss des Gemein­de­rats hat eine Neu­kon­zep­ti­on auf den Weg gebracht und ers­te Gel­der, 15.000 Euro, frei­ge­ge­ben. Erklär­tes Ziel: mehr Emo­ti­on und weni­ger Intel­lek­tu­la­li­tät. Mehr Besu­cher­erle­ben und weni­ger Staub.

1992, da wur­de Bill Clin­ton Prä­si­dent der USA. Der deutsch-fran­zö­si­sche Sen­der ARTE ging auf Sen­dung. Es ist das Geburts­jahr des Fuß­bal­lers Mario Göt­ze und der Sän­ge­rin Miley Cirus. Wir tanz­ten zu ”Rhythm Is a Dan­cer.” 1992 ist also sehr, sehr lan­ge her. 23 Jah­re, um genau zu sein. Und nach die­ser lan­gen Zeit gilt die damals moder­ne Prä­sen­ta­ti­on der Samm­lung Dursch im Domi­ni­ka­ner­mu­se­um eben als nicht mehr zeit­ge­mäß.

Und immer­hin ist die Samm­lung ein rich­ti­ger Schatz. Recht ein­zig­ar­tig in ganz Deutsch­land. Das sagen alle, das sagt etwa Kul­tur­amt­lei­ter Mar­co Schaf­fert, das sagt, was über Rott­weil hin­aus gese­hen noch ein wenig wich­ti­ger ist, aber auch Dr. Ingrid Sybil­le Hoff­mann. Sie ist Exper­tin für goti­sche Skulp­tu­ren am Lan­des­mu­se­um Würt­tem­berg und sagt zur Dursch’schen Samm­lung: ”Die Objek­te haben 500 Jah­re über­lebt – das ist der Wahn­sinn, dass wir die noch haben!”

Hoff­mann betreut von Stutt­gart aus die Samm­lung Dursch – 180 Holz­bild­wer­ke und Altar­blät­ter des 14. bis frü­hen 17. Jahr­hun­derts; die Schau ist Zweig­stel­le des Lan­des­mu­se­ums -, und ist neu­er­dings häu­fi­ger in Rott­weil zu sehen. Denn sie hat dem Gemein­de­rats­aus­schuss am Mitt­woch eine ers­te, noch gro­be Kon­zep­ti­on vor­ge­legt, wie die in die Jah­re gekom­me­ne Prä­sen­ta­ti­on auf­ge­hübscht wer­den könn­te. Auf­ge­mö­belt.

In Rottweil findet sich die bedeutendste Sammlung gotischer Sakralkunst neben der des Landesmuseums Württemberg in Stuttgart. Archiv-Foto: Andreas Linsenmann
In Rott­weil fin­det sich die bedeu­tends­te Samm­lung goti­scher Sakral­kunst neben der des Lan­des­mu­se­ums Würt­tem­berg in Stutt­gart. Archiv-Foto: Andre­as Lin­sen­mann

Hoff­manns Vor­ha­ben: Sie will die mit­tel­al­ter­li­chen Skulp­tu­ren in ein neu­es Licht rücken, sie anspre­chen­der und span­nen­der prä­sen­tie­ren. Sie will dabei weg kom­men von der intel­lek­tu­el­len Aus­prä­gung – nicht lenk­ba­res Licht von oben, lan­ge, wis­sen­schaft­li­che Tex­te, ein Raum ohne Dra­ma­tik – und hin zu mehr Emo­ti­on. Die will sie mit prä­gnan­te­ren, zeit­ge­mä­ßen Tex­ten mit Höchst­län­gen errei­chen, will Zita­te und Schlag­wor­te her­aus­grei­fen und beto­nen. Eine deut­li­che Besu­cher­füh­rung soll ent­ste­hen, weg vom die Samm­lung als Gan­zes prä­sen­tie­ren­den Raum will sie kom­men. 

Die mit­tel­al­ter­li­chen Objek­te sol­len einem brei­ten Publi­kum – vor allem Fami­li­en mit Kin­dern – anspre­chend ver­mit­telt wer­den. Die Besu­cher sol­len für die Objek­te, ihre Bild­the­men und ihre künst­le­ri­schen Qua­li­tä­ten sen­si­bi­li­siert und begeis­tert wer­den. Die Aus­stel­lung soll die Besu­cher emo­tio­nal anspre­chen und Anknüp­fungs­punk­te zur zeit­ge­nös­si­schen Lebens­rea­li­tät schaf­fen. Und über­haupt: Die Samm­lung Dursch soll ihrer kunst- und kul­tur­his­to­ri­schen Bedeu­tung ent­spre­chend prä­sen­tiert wer­den. So steht es im Hoff­mann­schen Papier, einer Grob-Kon­zep­ti­on, die nun fein­ge­schlif­fen wer­den soll.

Hoff­mann sitzt da an der Sei­te von Mar­ti­na Meyr, der Lei­te­rin des Domi­ni­ka­ner­mu­se­ums. Die bei­den Damen ver­ste­hen sich blen­dend, aus etwas Ent­fer­nung ist schwer zu sagen, wel­che die rote­ren Backen bekommt, wenn sie ihre Plä­ne vor­stel­len. 

Ihnen sitzt etwas im Genick, was sie nicht ein­schät­zen kön­nen: wie vie­le Besu­cher künf­tig vom Auf­zugs­test­turm über die gepkan­te Rie­sen-Hän­ge­brü­cke und den Bocks­hof qua­si direkt zum Muse­ums­ein­gang kom­men wer­den. Meyr sieht das ganz prag­ma­tisch: ”Was uns die Brü­cke bringt, kann ich nicht sagen. Ich weiß nicht, wie vie­le Besu­cher täg­lich das Muse­um stür­men wer­den, ob sie in die Samm­lun­gen gehen oder nur bei uns aufs Klo.” Aber die Mög­lich­keit, dass sie die Zahl der jähr­li­chen Besu­cher, die zwi­schen 10.000 und 11.000 sta­gniert, die sieht Meyr durch­aus. ”Aber ich wer­de nicht den Feh­ler mei­ner Vor­gän­ge­rin wie­der­ho­len und eine Pro­gno­se abge­ben”, sagt sie auch.

Die Dis­kus­si­on im Gemein­de­rats­aus­schuss dreh­te sich nicht ums Ob. Dass was getan wer­den kann und soll­te, da sind sich alle einig, durch die Bank. So nann­te SPD-Stadt­rat Arved Sass­nick die aktu­el­le Samm­lung Dursch ”eher etwas für Ein­ge­weih­te”, es feh­le ihr an Wär­me und Nähe zum Betrach­ter. Sein Frak­ti­ons­kol­le­ge Dr. Jür­gen Mehl pflich­te­te ihm bei, erklär­te die Schau für ”etwas ange­staubt”, vor allem im Ver­gleich zu den bei­den ande­ren, bereits gene­ral­über­hol­ten im glei­chen Bau. Und FDP-Stadt­rat Dr. Micha­el Ger­lich sag­te: ”Das ist eine Aus­stel­lung für Fach­leu­te, die sich an den Skulp­tu­ren ergöt­zen. Leu­te, die jedem Fal­ten­wurf im Gesicht einer Skulp­tur ein bestimm­tes Jahr­hun­dert zuord­nen kön­nen.” Und der Freie Wäh­ler Karl-Theo­dor Häring, der sie sich am Mit­tag eigens noch­mal ange­se­hen hat, erklär­te: ”Die Schau sieht tot aus. Die Stü­cke wir­ken nicht leben­dig.”

Die Dis­kus­si­on dreh­te sich auch nicht ums Wann. Son­dern um den Preis des Pro­jekts. Hoff­mann und Meyr mach­ten deut­lich, dass übli­cher­wei­se bei einer Muse­ums-Neu­ge­stal­tung von 1000 Euro pro Qua­drat­me­ter aus­zu­ge­hen sei. Die Samm­lung Dursch ver­fügt über 500 Qua­drat­me­ter, und die dar­aus resul­tie­ren­de hal­be Mil­li­on Euro wird Rott­weil nicht dafür locker machen. Ein Fünf­tel, viel­leicht, da schien eher Bereit­schaft vor­han­den. Mit­hil­fe von Lan­des­mit­teln zudem. 

Ande­rer­seits hät­ten die Stadt­rä­te aber ger­ne auch ein biss­chen Luxus: Audio­gui­des, bei­spiels­wei­se, die aber schon bei der Römer­samm­lung im glei­chen Haus als zu teu­er abge­lehnt wor­den waren. Hoff­manns güns­ti­ge­rer Kom­pro­miss­vor­schlag: ein Muse­ums­spiel für Kin­der­grup­pen und Fami­li­en.

Der Freie Wäh­ler Jörg Stauss dräng­te dar­auf, bereits jetzt einen Kos­ten­de­ckel drauf zu legen auf das Pro­jekt. So, wie ein Archi­tekt wis­sen müs­se, mit wel­chem Bud­get eine Fami­lie ihr Eigen­heim pla­nen las­sen will, so müs­se doch bei einem Muse­ums­um­bau vor­ab fest­ste­hen, wel­che Mit­tel die Stadt ein­set­zen möch­te. Stauss stieß auf Ver­ständ­nis, der Rat aber woll­te in dem frü­hen Pla­nungs­sta­di­um noch kei­ne Ober­gren­ze fest­le­gen, son­dern folg­te eher dem Vor­schlag von Inge­borg Gek­le-Mai­er (Grü­ne). Sie emp­fahl, bereits bei der Aus­schrei­bung der Fein­kon­zep­ti­on den inter­es­sier­ten Büros zu ver­mit­teln, dass kos­ten­güns­ti­ge Arbei­ten von krea­ti­ven Büros gewünscht sei­en.

Und so soll es gesche­hen: Auch Hoff­mann und Meyr wol­len sich, um die Kos­ten im Griff zu behal­ten, an jun­ge, fri­sche Muse­ums­pla­ner wen­den. Nicht an die eta­blier­ten, aber teu­ren Büros. Die­se sol­len mit neu­en Ide­en der alten Samm­lung neu­es Leben ein­hau­chen. 15.000 Euro hat der Aus­schuss am Mitt­woch dafür frei­ge­ge­ben.