Kann man aus dem Rechts­po­pu­lis­mus eine Komö­die machen – kann man über ihn lachen? Die ers­te Insze­nie­rung der Spiel­zeit 2017/18 am Zim­mer­thea­ter, die am Frei­tag Pre­mie­re hat­te, zeigt: ja, man kann. Aber das Lachen bleibt einem oft im Hal­se ste­cken.

Cha­peau! Es ist ein Wag­nis, als Thea­ter das gan­ze Bün­del bri­san­ter, aktu­el­ler Phä­no­me­ne auf­zu­grei­fen, das unter den Begriff „Rechts­po­pu­lis­mus“ gepackt wird. Das Zim­mer­thea­ter hat dafür ein ganz neu­es Stück gestemmt: „Wenn der Kahn nach links kippt, set­ze ich mich nach rechts“. Aus­ge­hend von Recher­chen von Dmi­trij Gawrisch hat Peter Staats­mann den Text kon­zi­piert, für die Dra­ma­tur­gie zeich­net Bet­ti­na Schült­ke ver­ant­wort­lich. Ins­ge­samt ist das Wag­nis geglückt, wenn auch mit Abstri­chen.

Ver­han­delt wird das The­ma in einer Rott­wei­ler Küche: Freun­de tref­fen sich und beim Schnip­peln eines Ein­topfs (Rezept „Rott­wei­ler Pfiff“) erin­nern sie sich an ihren Bru­der, Freund und Part­ner Wolf­ram – der ver­schwun­den und ver­mut­lich tot ist. Die Erin­ne­rungs­ar­beit wird zum Kata­ly­sa­tor für aller­lei Pro­blem­ana­ly­sen und Welt­deu­tun­gen. Denn jeder hat sein Päck­chen zu tra­gen und sucht im eige­nen Frust nach Erklä­run­gen und Per­spek­ti­ve.

Hier grei­fen nun, zunächst fast unmerk­lich, popu­lis­ti­sche Deu­tungs­an­ge­bo­te. Mal geht es um Farb­nu­an­cen der Haut – um dar­an fest­zu­ma­chen, ob die dirndltra­gen­de und Klas­si­ker rezi­tie­ren­de Freun­din Wolf­rams, die Deutsch­tür­kin Nil­gün (Nupel­da Cift­ci), wirk­lich dazu gehö­re. Mal wer­den mit Tier­reich-Meta­phern die angeb­li­chen Fort­pflan­zungs­stra­te­gi­en von Euro­pä­ern und Afri­ka­nern ana­ly­siert.

Kei­ner der Akteu­re meint es böse. Alle sind sogar mehr oder weni­ger sym­pa­thisch und ihre Moti­ve nach­voll­zieh­bar. Aber es ent­steht eine fata­le Schief­la­ge, auf der alle Bezie­hun­gen ins Rut­schen gera­ten. Die­se unter­schwel­li­ge Drift spür­bar zu machen, gehört zu den gro­ßen Stär­ken die­ser anspie­lungs­rei­chen Insze­nie­rung.

Eine wei­te­re liegt neben vie­len spre­chen­den Details im Unter­hal­tungs­wert. Vie­le Poin­ten bie­ten Anlass zu befrei­en­dem Lachen – das einem frei­lich auch ver­geht, wenn etwa der wacke­re Bür­ger­chor zunächst jedes Pro­blem reflex­haft weg­singt, dann natio­na­lis­ti­sche Hym­nen schmet­tert und sich schließ­lich wei­gert, die Woh­nung wie­der zu ver­las­sen. Will wohl hei­ßen: Wenn er sich ein­mal ein­ge­schli­chen hat, der Popu­lis­mus, bleibt er.

Vor allem bril­liert durch­weg die Schau­spie­le­rie­ge: Nupel­da Cift­ci gibt mit viel Schwung die Freun­din des Ver­miss­ten, Petra Wei­mer ver­kör­pert sei­ne Schwes­ter ein­drucks­voll als Zerr­bild einer wag­ner­trun­ke­nen, sich in der Tra­di­ti­on deut­scher Inner­lich­keit nach tie­fen Erfah­run­gen seh­nen­den Bil­dungs­bür­ge­rin.

Wie schon beim Som­mer­stück schlüpft Isa­bel­le Groß de Gar­cía in der Figur der Anna­bel­le begna­det in die Haut einer etwas ein­fa­cher gestrick­ten, gut­her­zi­gen Natur – und illus­triert dabei frap­pie­rend das Modell nai­ven Mit­läu­fer­tums. Und wie­der ein­mal eine Wucht ist Frank Deesz, der selbst Mono­lo­ge über Modell­ei­sen­bah­nen und obskurs­tes Ver­schwö­rungs­ge­schwie­mel zu einem schau­spie­le­ri­schen Ereig­nis adelt.

Fer­di­nand Rother setzt in einer Art Pro- und Epi­log mar­kan­te Kon­tra­punk­te. Und der Musi­ker Dorin Gra­ma grun­diert und kom­men­tiert das Gesche­hen kon­ge­ni­al. Abge­run­det wird die Trup­pe durch Wolf­ram Koch (Kom­mis­sar des Frank­furt –„Tat­orts“), der als „Spe­cial Guest“ in Vide­os auf­tritt.

Der Abend hat aller­dings zwei Schwä­chen: Die ers­te ist Über­deh­nung. Bei man­chen Pas­sa­gen teilt sich nicht recht mit, was sie wol­len und sol­len. In jeden Fall dür­fen die Thea­ter­ma­cher den Zuschau­ern mehr zutrau­en: Das Publi­kum ent­schlüs­selt Inten­tio­nen deut­lich schnel­ler, als die Tak­tung die­ser Pro­duk­ti­on es ein­preist.

Die Län­gen sind auch dem Umstand geschul­det, dass das Stück aktu­ell ange­passt und die Insze­nie­rung mit hei­ßer Nadel gestrickt wur­de. Eine beherz­te Straf­fung um eine hal­be Stun­de wur­de denn auch bereits ange­kün­digt – gut so.

Die zwei­te Schwä­che besteht dar­in, dass die Thea­ter­ma­cher vor der Trag­wei­te der rech­ten Agi­ta­ti­on sich letzt­lich doch etwas weg­du­cken. Sicher wäre es völ­lig falsch, jeden Wäh­ler einer Pro­test­par­tei zu stig­ma­ti­sie­ren. Vie­le trei­ben hef­ti­ge Pro­ble­me und gute Absich­ten um.

Aber man muss die Inhal­te und Vor­ge­hens­wei­sen der Akteu­re einer „kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on“ auch beim Wort und abso­lut ernst neh­men. Dass die teils auch in Rott­weil akti­ven Has­ser und Het­zer sich einen Dreck um alles sche­ren, was man ein­mal „Anstand“ nann­te und damit die Fun­da­men­te der Gesell­schaft als Gan­zes atta­ckie­ren, mag man noch als auf­schnei­de­ri­sches Geplärr abtun.

Dass aber kran­ke Hir­ne wie der nor­we­gi­sche Mas­sen­mör­der Anders Brei­vik sich durch rech­te Agi­ta­ti­on zu ter­ro­ris­ti­schen Blut­ta­ten ermäch­tigt füh­len, das rückt die­ser Thea­ter­abend nicht ins Blick­feld, eben­so wenig wie die hoch­schie­ßen­den Zah­len an gewalt­tä­ti­gen rechts­ex­tre­men Straf­ta­ten.

So ent­steht der Ein­druck, es gebe sehr viel Ver­ständ­nis und es feh­le ein Stück weit der Mut, die letz­te Kon­se­quenz und poten­zi­el­le Spreng­kraft wirk­lich deut­lich zu machen. Aber womög­lich wäre das schon zu viel Biss für eine Komö­die.

Info: Die Ter­mi­ne der wei­te­ren Auf­füh­run­gen unter www.zimmertheater-rottweil.de.