Fia­len, Kreuz­blu­men, Krab­ben: Wie ver­spiel­te Zucker­bä­cke­rei wir­ken die Dekor­ele­men­te einer flam­boyan­ten Spät­go­tik, die Syl­via Bar­bo­li­ni am Kapel­len­turm ange­bracht hat – genau­er gesagt: an einem Modell des viel gerühm­ten Wahr­zei­chens. Die in Bösin­gen leben­de Künst­le­rin, Jahr­gang 1986, fer­tigt gera­de Minia­tu­ren von Rott­weils Tür­men an. Aber Bar­bo­li­ni kann weit mehr als detail­treue Repli­ken erstel­len. Das zeigt sie ab 3. Sep­tem­ber in der Rott­wei­ler Gale­rie Dyma.

. Die in Bösingen lebende Künstlerin, Jahrgang 1986, fertigt gerade Miniaturen von Rottweils Türmen an. Foto: Andreas Linsenmann
. Die in Bösin­gen leben­de Künst­le­rin, Jahr­gang 1986, fer­tigt gera­de Minia­tu­ren von Rott­weils Tür­men an. Foto: Andre­as Lin­sen­mann

Ent­de­cken kann man in der Rott­wei­ler Gale­rie Dyma einen Quer­schnitt von Wer­ken der Künst­le­rin, die in Bozen gebo­ren wur­de und seit 2012 sowohl in Süd­ti­rol als auch in Süd­deutsch­land lebt. Regie geführt hat dabei, wie so oft, der Zufall: Als Syl­via Bar­bo­li­ni an der Kunst­aka­de­mie Vene­dig Male­rei stu­dier­te, ihrer ers­ten Aus­bil­dungs­sta­ti­on vor dem Pen­dant im spa­ni­schen Gra­na­da, lern­te sie Pius Jauch ken­nen.

In den Pro­gram­men des aus Bösin­gen stam­men­den Sän­gers und Dich­ters fin­den sich seit­her nicht nur schwä­bisch-ale­man­ni­sche, son­dern auch ita­lie­ni­sche Lie­der – wäh­rend gleich­zei­tig Bösin­gen zu einer zwei­ten Hei­mat von Syl­via Bar­bo­li­ni gewor­den ist.

Die bei­den ver­bin­det künst­le­risch viel: Ein vita­ler krea­ti­ver Aus­druck mit eigen­stän­di­gem Idi­om jen­seits vor­ge­stanz­ter Scha­blo­nen, die The­men­fel­der Mensch­sein, Her­kunft, Mit­ein­an­der – und ein kri­ti­scher Blick auf die Gegen­wart.

Dazu braucht es einen eige­nen Stand­punkt, ein Koor­di­na­ten­sys­tem, an dem man Trends auf ihre Taug­lich­keit hin mes­sen und sei­ne eige­ne Ein­schät­zung fin­den kann. Syl­via Bar­bo­li­ni schöpft die­sen Maß­stab aus Kind­heit und Jugend, die sie auf einem abge­le­ge­nen Berg­bau­ern­hof ver­bracht hat – iso­liert, wie sie sagt, frei­lich weder roman­tisch ver­klä­rend noch mit einem Unter­ton von Lar­mo­yanz.

Da konn­te ich mich inten­siv mit Natur, Pflan­zen und Tie­ren beschäf­ti­gen“, erzählt die jun­ge Künst­le­rin. Die­se Natur­er­fah­rung hat ihre gestal­te­ri­schen Poten­zia­le geweckt – und bil­det bis heu­te ein Bild­re­ser­voir einer­seits sowie eine klu­ge Kon­trast­fo­lie zu ober­fläch­li­chen Moden ande­rer­seits.

Eigene Bildsprache: Ein Werk Barbolinis. Foto: Andreas Linsenmann
Eige­ne Bild­spra­che: Ein Werk Bar­bo­li­nis. Foto: Andre­as Lin­sen­mann

Able­sen kann man das etwa in Col­la­gen, die sich als Werk­grup­pe schon seit Jah­ren durch das Schaf­fen von Syl­via Bar­bo­li­ni zie­hen. Sub­til und anspie­lungs­reich beleuch­tet sie Gefüh­le, Bezie­hun­gen und gesell­schaft­li­che Kon­stel­la­tio­nen. Dazu nutzt sie eine ganz eige­ne Bild­spra­che, die auf über­ra­schen­de Ver­knüp­fun­gen setzt – und fei­nen Witz mit sanf­ter Pro­vo­ka­ti­on ver­bin­det.

Die Erwar­tun­gen an eine per­fek­te Toch­ter etwa illus­triert Bar­bo­li­ni mit einer in Cha­nel-Schick posie­ren­den ran­ken Dame, deren Kopf jedoch eine Spiel­uhr bil­det – eine adret­te Erschei­nung, aber was das Töch­ter­lein sagt oder gar denkt ist vor­ge­ge­ben, gesell­schaft­li­che Risi­ken sind auf Null mini­miert.

Fast idyl­lisch nimmt sich dane­ben „Die Mut­ter“ aus: halb pit­to­res­ke Figur, halb Wein­re­be, deren Früch­te die Kin­der sind. Dass der Nach­wuchs mit­un­ter aus der Rei­he tanzt, ver­bild­licht Bar­bo­li­ni in einer ande­ren Col­la­ge: In einer Erb­sen­scha­le wer­den die Klei­nen da wie in put­zi­gen Schnee­kü­gel­chen aus­ge­pellt – wobei eines erkenn­bar nicht mit­spielt und abseits steht. Deut­lich aus dem Bil­der­schatz der Natur schöpft auch die Col­la­ge „Prio­ri­tä­ten“, bei der ein Fuchs um einen Käfig mit aller­lei Getier streunt.

Ob der Käfig nun vor dem Räu­ber schützt oder die Tie­re den Feind lis­tig aus­sper­ren: Es bleibt ein Gefäng­nis.

Sehr poin­tiert, zugleich aber auch sinn­lich und ele­gant setzt Bar­bo­li­ni der­lei meta­pho­ri­sche Sze­ne­ri­en ins Bild. Für beson­de­re Fines­se sor­gen gestick­te Ele­men­te, die fast unmerk­lich in die Male­rei­en über­ge­hen.

Gebilde in der Glühbirne: Ein Werk der Künstlerin Sylvia Barbolini. Foto: Andreas Linsenmann
Gebil­de in der Glüh­bir­ne: Ein Werk der Künst­le­rin Syl­via Bar­bo­li­ni. Foto: Andre­as Lin­sen­mann

Das ver­weist auf ein brei­tes Reper­toire nicht nur an The­men son­dern auch an Tech­ni­ken, die sie beherrscht. Da fin­den sich kühn auf den Mal­grund gebrach­te Mono­ty­pi­en eben­so wie ein ver­spiel­tes Schach-Ensem­ble mit Rott­wei­ler Nar­ren­fi­gu­ren oder Objek­te, wie eine Serie von Glüh­bir­nen, bei denen sich dort, wo sonst der Glüh­fa­den sitzt, aller­hand Gebil­de räkeln – Insek­ten, eine Pus­te­blu­me oder ein Minia­tur-Männ­chen, das an den grüb­le­ri­schen „Den­ker“ von Augus­te Rodin erin­nert. Ob ihm ein Licht auf­geht, bleibt offen. Im Betrach­ter jeden­falls blit­zen aller­hand Asso­zia­tio­nen auf.

Es ist eine inspi­rie­ren­de Welt, in die man bei einem Werk­statt­be­such bei Syl­via Bar­bo­li­ni ein­taucht. Nicht von Unge­fähr gehört sie in Süd­ti­rol bereits zu den eta­blier­ten Künst­lern, wovon neben Por­traits des ita­lie­ni­schen Fern­seh­sen­ders RAI und des ORF auch öffent­li­che Auf­trä­ge zeu­gen.

In Süd­deutsch­land wird man erst all­mäh­lich auf die­se bemer­kens­wer­te Künst­le­rin auf­merk­sam, wobei wohl auch abge­zir­kel­te Struk­tu­ren im Kul­tur­be­trieb eine Rol­le spie­len. Der Auf­trag für die Model­le der Rott­wei­ler Tür­me kam bezeich­nen­der­wei­se von pri­va­ter Sei­te.
Selbst bei den Repli­ken lässt Bar­bo­li­ni übri­gens das gesun­de Augen­maß als Kor­rek­tiv nicht außen vor: Wür­de sie alle Tür­me im sel­ben Maß­stab nach­bil­den, wäre der Pul­ver­turm ein Winz­ling und der Auf­zugs-Test­turm ein alles ande­re mons­trös über­ra­gen­der Hüne. Bar­bo­li­ni schraubt ihn daher etwas zurück und gönnt den klei­nen Turm­ge­schwis­tern etwas mehr Ent­fal­tungs­raum – „so kom­men alle bes­ser zur Gel­tung“, bilan­ziert sie lächelnd.