Singen, Tanzen, Sächseln: Das Zimmertheater zeigt „My Fair Lady“

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„Kleiner machen Leute“, heißt es seit Gottfried Keller. In „My Fair Lady“ hält man dem entgegen: Dialekte machen Leute. Fotos: al

Rott­weil – Macht Spra­che den Unter­schied? Kann man mit dem rich­ti­gen Sound auf­stei­gen – oder bleibt wegen des fal­schen Dia­lekts ewig ein Under­dog? Im Erfolgs­mu­si­cal „My Fair Lady“ wird das getes­tet. Das Zim­mer­thea­ter Rott­weil hat den Stoff zum Som­mer­stück erko­ren – und bie­tet einen hin­rei­ßen­den Büh­nen­abend, der beim Publi­kum gran­di­os ankommt.

Die Sto­ry, die auf Geor­ge Ber­nard Shaws Schau­spiel „Pyg­ma­li­on“ basiert, ist rasch skiz­ziert: Die bil­dungs­fer­ne, etwas der­be Blu­men­ver­käu­fe­rin Eli­za Doo­litt­le lässt sich vom Sprach­for­scher  Higgins einen Floh ins Ohr set­zen. Er ver­spricht, ihren Gos­sen-Slang weg­zu­bü­geln und ihr mit per­fek­ter Arti­ku­la­ti­on den Weg zu einem glück­li­chen Leben zu bah­nen.

Ganz von sich ein­ge­nom­men, wet­tet Higgins sogar mit Oberst Picke­ring, einem Freund, dar­auf, aus Eli­za eine Dame machen zu kön­nen. Der Weg ist holp­rig, aber erfolg­reich – bis uner­war­te­te Wen­dun­gen auf­tre­ten.

Soweit kennt man den Stoff aus der Ver­fil­mung mit der zau­ber­haf­ten Audrey Hepburn. Das Zim­mer­thea­ter greift eine Pri­se von des­sen Sech­zi­ger­jah­re-Charme auf, ver­passt der Geschich­te aber auch eine tüch­ti­ge Frisch­zel­len­kur.

So las­sen stil­vol­le Tän­ze­rin­nen und Tän­zer zwar in Retro-Gefüh­len schwel­gen. Zugleich sorgt jedoch eine Break­dance-Trup­pe für gewitz­te Kon­tra­punk­te.

Eine wei­te­re Vita­li­sie­rung liegt im „Pul­ver­fass“, einer direkt am Pul­ver­turm behei­ma­te­ten Knei­pe, in der immer etwas los ist. Auch wird die von Ever­greens gespick­te Musik mit neue­ren Titeln keck aktua­li­siert – eine groß­ar­ti­ge Lei­tung übri­gens von Dorin Gra­ma (Akkor­de­on) und Wer­ner Nören­berg  (Gitar­re), die vol­ler Spiel­freu­de ein gan­zes Orches­ter erset­zen.

Das fügt sich alles pri­ma zusam­men und wird mit Tanz­sze­nen und necki­schem Slap­stick immer wie­der zusätz­lich ange­trie­ben. Einen beson­de­ren Clou hat Regis­seur Peter Staats­mann gelan­det, indem er das Rah­men-The­ma, dass sich sozia­le Unter­schie­de sprach­lich spie­geln, mit Dia­lek­ten kom­bi­niert.

So schlägt sich Eli­za Doo­litt­le (Karo­lin Trü­ben­bach) mit rot­zi­gem Säch­sisch durchs Leben. Sie plagt sich – sehr zur Freu­de des Publi­kums – elend, das ver­knif­fen näseln­de „es grint so grin“ end­lich abzu­strei­fen und mit mon­dä­ner Gelas­sen­heit kund­zu­tun: „es grünt so grün wenn Spa­ni­ens Blü­ten blü­hen“.

Die Schau­spie­ler-Rie­ge macht rund­um Freu­de: Bag­da­sar Kha­chi­kyan über­zeugt als dis­tin­gu­ier­ter Oberst Picke­ring eben­so wie als frea­ki­ger Eli­za-Ver­eh­rer Fred­dy Eysford-Hill. Ser­ge­ji Cze­pour­nyi glänzt als aler­ter Hen­ry Higgins mit mus­ter­haf­ter Dekla­ma­ti­on und nie ver­sie­gen­dem For­scher­drang.

Karo­lin Trü­ben­bach ver­kör­pert ener­gisch und in allen Rol­len­fa­cet­ten gewin­nend Eli­za Doo­litt­le, Hel­mut Jako­bi mit Charme und Schwung ihren robus­ten aber gut­mü­ti­gen Vater.

Der Star des Abends aller­dings ist Isa­bel­le Groß de Gar­cía. Sie füllt gleich drei unter­schied­li­che Parts aus und ist als mit Cle­ver­ness und Herz begab­te, saar­län­disch (in der rhein­frän­ki­schen Vari­an­te) bab­beln­de, durch glas­bau­stein­di­cke Bril­len­glä­ser lin­sen­de Wir­tin vom „Pul­ver­fass“ ein­fach umwer­fend. Allein schon um sie zu erle­ben soll­te man sich die­ses Som­mer­stück, das humor­volls­te und fröh­lichs­te seit Lan­gem, anse­hen!

 

Info: Wei­te­re Auf­füh­run­gen am 2., 6., 7., 8., 9., 13., 14., 15., 16., 20., 21., 22., 23., 26., 27., 28., 29. und 30 Juli sowie am 2., 4., 5. und 6. August, jeweils 19.30 Uhr. Reser­vie­rung unter Tel. 0741–8990.