Tweed und Schwung für „Oliver!”

Musical: Der Verein Talentwerkstatt 43 und die Musikschule Rottweil bereiten eine große Inszenierung vor

Um die 70 Akteure proben derzeit im Festsaal der Gymnasien für das Musical „Oliver!“. Foto: al

Nach mit Begeis­te­rung auf­ge­nom­me­nen Pro­jek­ten wie „Der gehei­me Gar­ten” (2002), „Hän­sel und Gre­tel” (2006 sowie 2014) und Mozarts „Die Zau­ber­flö­te” (2011) stellt der Ver­ein Ta­lentwerkstatt 43 in Koope­ra­ti­on mit der Musik­schu­le erneut eine gro­ße Musi­cal-Pro­duk­ti­on auf die Bei­ne: Um die 70 Akteu­re pro­ben der­zeit mit Feu­er­ei­fer für „Oli­ver!”, eine Büh­nen-Adap­ti­on von Charles Dickens‘ Roman „Oli­ver Twist”.

Foto: al

Beim Blick auf die Büh­ne im Fest­saal der Gym­na­si­en fühlt man sich denn auch gleich in das vik­to­ria­ni­sche Eng­land ent­führt, in dem der Best­sel­ler spielt. Dut­zen­de Kin­der, Jugend­li­che und Erwach­se­ne mit coo­len Käp­pis und schla­ckern­den Hoch­was­ser-Hosen in Tweed oder gro­bem Lei­nen­stoff sor­tie­ren sich dort für eine Sze­ne.

Kon­zen­triert arbei­ten sie an Details – und flach­sen zwi­schen­durch auch und scher­zen. Offen­sicht­lich herrscht eine rich­tig gute Stim­mung, selbst nach einem lan­gen Pro­ben­tag.

Eine super­net­te Trup­pe” sei da bei­ein­an­der, bestä­tigt Bir­git Wag­ner-Ruh, in deren Hän­den erneut die Gesamt­lei­tung liegt. Team­geist und Enthu­si­as­mus braucht es auch. Denn ansons­ten könn­ten die Betei­lig­ten die Mara­thon-Stre­cke kaum bewäl­ti­gen, die sie sich vor­ge­nom­men haben: Los ging es bereits ver­gan­ge­nen Juli. Seit­her wird eng­ma­schig ein­stu­diert, geübt und geprobt – ein­mal pro Monat auch ein gan­zes Wochen­en­de lang. Schließ­lich soll alles wie­der pro­fes­sio­nell auf Hoch­glanz poliert sein, wenn sich am 14. Sep­tem­ber der Vor­hang zur Pre­mie­re hebt.

Aber der Anspruch spornt an. Über Alters­grup­pen hin­weg – die Span­ne reicht vom Fünf- bis zum Sieb­zig­jäh­ri­gen – ist die Moti­va­ti­on hoch. Dazu trägt die Vor­la­ge eini­ges bei: Der bri­ti­sche Kom­po­nist Lio­nel Bart hat die pral­le Geschich­te um den Wai­sen­jun­gen Oli­ver, den es in die raue Lon­do­ner Unter­welt ver­schlägt, in schmis­si­ge Musik über­setzt. Schon aus einem Pro­ben­be­such nimmt man ein­gän­gi­ge Songs als Ohr­wür­mer mit. Nicht von unge­fähr wur­de die Ver­fil­mung des Musi­cals 1969 mit fünf Oscars prä­miert.

Bart ist es gelun­gen, kon­ge­ni­al auf­zu­grei­fen, wovon Dickens in „Oli­ver Twist” erzählt: Von Freund­schaft, Span­nung, Herz und Schmerz, aber auch von Empö­rung über sozia­le Misstän­de und Unge­rech­tig­keit. Die Musik führt packend in die­se Gefühls­wel­ten hin­ein – und ist dabei von einem enor­men Über­le­bens­wil­len, von anste­cken­der Ener­gie und Fröh­lich­keit getra­gen.

„Super­net­te Trup­pe.“ Die Gesamt­lei­tung hat Bir­git Wag­ner-Ruh. Foto: al

Schon seit zehn Jah­ren möch­te ich die­ses Musi­cal rea­li­sie­ren”, gesteht Bir­git Wag­ner-Ruh. Abge­schreckt haben lan­ge die hor­ren­den Tan­tie­men, die der Ver­ein dank zahl­rei­cher Bewir­tun­gen im „Papa­ge­no” nun aber end­lich stem­men kann – wenn­gleich die Tal­ent­werk­statt 43 mit der Pro­duk­ti­on immer noch viel wagt und daher auf Unter­stüt­zung durch ein begeis­te­rungs­fä­hi­ges Publi­kum hofft.

Das bekommt auf jeden Fall eini­ges gebo­ten: Nicht nur erneut ein hohes sän­ge­ri­sches Niveau, ein von Mike Krell gelei­te­tes Orches­ter mit Pro­fis und eine lie­be­vol­le Aus­stat­tung – die Kla­mot­ten der Gau­ner hat Wag­ner-Ruh etwa auf Ber­li­ner Floh­märk­ten zusam­men­ge­tra­gen, damit sie auch wirk­lich abge­wetzt aus­se­hen.

Einen hohen Stel­len­wert hat in der Pro­duk­ti­on nicht zuletzt die Cho­reo­gra­fie. Sie liegt in den Hän­den zwei­er Exper­ten: Jani­na Ruh, die neben Cel­lo auch Gesang und Musik­thea­ter stu­diert hat, sowie der aus­ge­bil­de­te Tanz­leh­rer Jochen Her­mann, Inha­ber der Tanz­schu­le Her­zig, zeich­nen dafür ver­ant­wort­lich und bil­den mit Bir­git Wag­ner-Ruh ein ein­ge­spiel­tes Drei­er­ge­spann für die Ein­stu­die­rung und Insze­nie­rung.

Wir haben ver­sucht, nah am Text zu blei­ben”, erläu­tert Jani­na Ruh, der auch die Dia­log­re­gie obliegt. Bei einem „Cheerio”-Ruf gibt es eine Win­ke­ges­te und wenn Gano­ven gemein­sam los­le­gen, signa­li­siert ein ange­deu­te­tes Mar­schie­ren ihre Einig­keit und Ent­schlos­sen­heit.
Das Gan­ze geht aber noch wei­ter: Bewe­gun­gen, ja sogar die Kör­per­hal­tung erzählt etwas über Milieus und Lebens­um­stän­de: Die bür­ger­li­chen Prot­ago­nis­ten agier­ten dis­tin­gu­iert, die Jungs aus der Gos­se boden­stän­dig def­tig. Und nicht zu kurz kom­men schwung­vol­le Grup­pen-Cho­reo­gra­fi­en, die vor Elan förm­lich zu sprü­hen schei­nen – ohne, dass den Akteu­ren dabei frei­lich die Pus­te aus­ge­hen darf, denn schließ­lich müs­sen sie auch noch sin­gen.

Dass bei­de, Musik und Bewe­gung, über­zeu­gend zusam­men­kom­men, dar­an fei­len die Akti­ven mit spür­ba­rer Freu­de. Knapp sie­ben Mona­te haben sie noch – die sind aller­dings prä­zi­se durch­ge­plant, fast so wie jede ein­zel­ne Sze­ne von „Oli­ver!”