Liebe Leser aus Rottweil: Bitte nehmen Sie das seltene demokratische Angebot eines Bürgerentscheids am morgigen Sonntag, 19. März wahr. Gehen Sie in Ihr Wahllokal und stimmen Sie über die geplante Fußgänger-Hängebrücke ab. Hier steht alles, was Sie wissen müssen. Wenn es nach mir geht, dann stimmen Sie für die Brücke. Sie ist wichtig für Rottweil.

Der Einzelhandel, liebe Leser, hat sich klar für die Hängebrücke ausgesprochen. Für mich das Hauptargument: Sie wird eine Verbindung zwischen dem ThyssenKrupp-Testturm und der Innenstadt herstellen. OB Ralf Broß hat zudem recht, wenn er sagt: Ohne eine solche Verbindung sind die Touristen, die den Testturm besuchen, genau so schnell wieder weg, wie sie gekommen sind. Ohne die Verbindung hätte Rottweil, hätte die Stadt nichts von den Besuchern. Umso besser, dass ein privater Investor diese Verbindung finanzieren will.

Uneingeschränkter Blick auf die „Stadt der Türme“. Foto: gg

Dieser Tage bin ich als Hundebesitzer wieder oft in und um Rottweil unterwegs. Sehr oft im Bockshof, fast so oft auch im Neckartal, in der Au und auf den schönen Wegen oberhalb der Stadt Richtung Balingen und Dietingen. Was sich mir aufdrängt: Vor allem von dort, oberhalb Göllsdorfs, auf dem Langen Berg wird die vielbeschworene Stadtsilhouette weder vom Turm, noch von einer möglichen Hängebrücke eingeschränkt. Ersterer steht rechts, stört das Bild der mittelalterlichen Stadt und ihrer Türme nicht. Zweitere wird von dort nicht sichtbar sein. Für mich durchaus ein Argument – denn im Gegensatz zum Neckartal selbst, über dem die Hängebrücke hängen soll, begegne ich auf den höher gelegenen Spazierwegen häufig anderen Menschen. Das Neckartal, vor allem der kleine Abschnitt zwischen Stadt und Berner Feld wirkt fast immer wie ausgestorben.

Das Neckartal wirkt auf mich auch dort, nahe des Gewerbeparks, nicht wie die von den Gegnern so beschriebene Idylle. Zieht sich da nicht die – immerhin zurück gebaute – alte B 27 entlang? Dröhnen dort nicht ständig die Motoren? Dr. Winfried Hecht, der Brückengegner erster Stunde, sagte mal zu mir, man müsse das Neckartal losgelöst von der vielbefahrenen Straße sehen. Ich kann das nicht.

Die Dame vom Denkmalamt müsste sich eben einen Ruck geben. Sie sprach bei der Bürgerversammlung von Eingriffen in die historisch sensiblen Bereiche Bockshof, Stadtmauer und Stadtbild, meldete Bedenken an. Ich denke wirklich, dass dies vor allem eine theoretische Herangehensweise ist.

Der Bockshof als sensibler Bereich? Eher eine Wiese voller Hundekacke und nachts eine schlecht beleuchtete, gefährliche Zone. Ich habe selbst kürzlich mutmaßlich einen Drogendeal dort beobachtet. Die Stadtmauer? Ist an der geplanten Andockstelle nur eine Stützmauer und wird weiter oben schon vom Bau des Dominikanermuseums unterbrochen, der sie Richtung Tal gewichtig und selbstbewusst überragt. Die einst wehrhafte Mauer, sie existiert nur noch in Fragmenten. Die Silhouette? Wer schaut sie aus der Richtung an? Nicht einmal Zugreisenden bietet sie sich.

Bestehender Unterbruch: Das Dominkanermuseum überragt und durchschneidet die Stadtmauer. Archiv-Foto: Rottweiler Bilder

Die Brückengegner, die örtliche SPD – die sich überraschender und unnötiger Weise von der Brücke distanziert hat -, die Anwohner des alten Gottesackers werden es mir wohl nie verzeihen: Der Bockshof ist für mich der ideale Ankunftspunkt in der Stadt. Wir blicken in diesen Tagen immer über die Mauer zum Turm hin. Drehen Sie sich dort, zwischen den beiden Kastanien, wo die Brücke ankommen soll, mal um Ihre eigene Achse, liebe Leser. Dann sehen Sie, welchen Eindruck die Besucher von Rottweil haben werden, wenn sie über die Hängebrücke in die Stadt laufen.

Ich gebe zu: Nach der Bürgerversammlung habe ich mit mir gehadert: Soll die Brücke tatsächlich Richtung Pulverturm wandern? Ja, das kann sie. Es ist sogar besser als oben am Dominkanermuseum (zumal sich das Land Baden-Württemberg einen Ruck geben müsste: „Der Aufenthalt auf dem Museumsgelände ist nur Besuchern des Museums gestattet“, steht dort auf mehreren Schildern.

Hier ist dieser erste Eindruck von der Stadt für die Hängebrücken-Gänger: 

Blick in den Bockshof aus der Perspektive der künftigen Hängebrücke-Gänger. Foto: gg

Stellen Sie sich jetzt, liebe Leser, das Willkommen vor dieser mittelalterlichen Kulisse vor. Stellen Sie sich Stadtführer vor, die in der Figur des David Rötlin Führungen anbieten. Gegen geringe Kosten und immer dann, wenn 15 oder 20 Teilnehmer beieinander sind. Sie führen zudem nur den Hinweg. Locken die Menschen in die Stadt, zeigen ihnen die Obere Hauptstraße, das – hoffentlich bald sanierte – Stadtmuseum, das Schwarze Tor, die Tourist-Information, zwei, drei der schönsten Bürgerhäuser und den Weg zum Münster und zur Kapellenkirche. Und lassen die Besucher dann in der Innenstadt selbst auf Entdeckungstour gehen.

Das wäre für mich eine richtig runde Sache: Testturmbesucher – von denen es bereits jetzt viele gibt, die ihn nur von unten anschauen – werden zur Brücke, über diese hinüber und hinein in die Innenstadt gelockt und begleitet. Den Weg zurück zu finden, ist dem Durchschnittstouristen sicher zuzutrauen. Und wenn nicht, dann gibt es immer noch so findige Kerle wie Hans Keller von Hauser reisen. Er sammelt sie zuverlässig wieder ein.

Der einzige, der aus meiner Sicht wirklich einzige Punkt, den ich gerne geklärt hätte: Wird es möglich sein, die Attraktionen Turm, Brücke, Stadtführungen und eventuell Rückfahrt preisgünstig gebündelt anzubieten? Denn nur dann, wenn die Eltern noch ein bisschen Geld in der Tasche haben, nachdem sie mit ihren Sprösslingen in der Stadt angekommen sind, werden sie dieses auch ausgeben und in Rottweil investieren können.

Dann allerdings sehe ich gute Zeiten auf Rottweil zukommen. Auch für die Bürger der Stadt, die die hoffentlich dann kommenden neuen Läden und aufgehübschten Restaurants nutzen können. Auch für die Bürger der Stadt wird es dann leichter, etwa Montagabends ein gutes Restaurant oder Samstagmittags ein nettes Café zu finden.

Wenn Sie, liebe Leser, das alles nicht überzeugen kann, wenn Sie die Hängebrücke ablehnen, dann ist mir das auch recht. Sollten Sie am morgigen Sonntagabend die Mehrheit stellen, werde ich das gerne akzeptieren. Ich wünsche mir allerdings, dass Sie abstimmen gehen. Rottweil ohne Hängebrücke? Vielleicht nicht so attraktiv, aber auf jeden Fall kein großer Beinbruch. Eine gute Wahlbeteiligung, damit die Sieger des Entscheids auch das nötige Quorum haben, das ist für mich das Wichtigste. 

Herzlich
Peter Arnegger

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